Review

Schwelge ich in Kindheitserinnerungen und lasse ich meine ersten Erfahrungen mit dem klassischen Horrorfilm Revue passieren, kommen mir drei Titel in den Sinn, die mir Anfang der 80er Jahre angenehme Schrecken bescherten: George A. Romeros "Die Nacht der lebenden Toten" und John Carpenters "The Fog - Nebel des Grauens" waren die Klassiker, die von der ARD in deutscher Erstausstrahlung gesendet wurden, während im ZDF in der Reihe *Der phantastische Film* "Dracula" lief - mit Christopher Lee in der Rolle, mit der man ihn für immer in Verbindung bringen würde.

Ich erinnere mich noch ganz genau: Es war kurz nach Mitternacht und im ZDF wurde der *phantastische Film* angekündigt. Es war plötzlich ganz leise im Wohnzimmer, nur die Schnarchgeräusche meiner Mama, die - Gott sei Dank - auf der Couch eingeschlafen war, zerrissen die mitternächtliche Stille. Vorsichtig schlich ich mich heran und bezog - auf dem Boden liegend - hinter ihr Stellung.
Dann war es endlich soweit: die Nackenhaare richteten sich bei mir auf, als erstmalig der finstere Score von James Bernard ertönte und das leuchtendrote Blut auf den Sargdeckel Draculas tropfte...

Es gibt Dinge im Leben, an die man sich immer erinnern wird: an die erste Freundin, den ersten Kuss, den ersten Sex und auch an den ersten Horrorfilm und auch wenn man mittlerweile durch Hardcore-Horror wie "SAW", "Hostel" oder "Train" abgestumpft ist und die Klassiker nach heutigen Maßstäben kaum noch gruseln können, so werden sie immer Bestandteil meiner Erinnerungen und auch meiner DVD-Sammlung bleiben.

Natürlich genießt Terence Fishers erster von drei Beiträgen zur "Dracula"-Reihe einen dicken Nostalgie-Bonus und Christopher Lee in der Titelrolle zählt für mich und für viele Fans als der sinnlichste, aber auch unheimlichste und furchteinflößendste Vampir der Filmgeschichte - die beste der acht Hammer-Verfilmungen ("Dracula und seine Bräute" mit eingerechnet) ist "Dracula" von 1958 aber nicht.

Und das liegt nicht an der *antiquierten* Inszenierung - ganz im Gegenteil: malerische Kulissen, preisgünstige, aber umso wirkungsvollere Effekte, dezente Erotik, eine liebevolle Ausstattung,  eine unheimliche Atmosphäre und erlesene Schauspieler zählten schon immer zu den Markenzeichen der Produktionen aus den altehrwürdigen Hammer-Studios.
Ein Erfolgsrezept, das sich bis Anfang der 70er Jahre durchsetzte und dem Publikum zeitlose Klassiker wie "Frankensteins Fluch", "Die Rache der Pharaonen" oder auch die Sherlock Holmes-Verfilmung "Der Hund von Baskervilles" bescheren sollte.
Auch der erste Hammer-"Dracula" besticht durch diese Zutaten und eine stilsichere, routinierte Regie - und trotzdem ist die offizielle, sieben Jahre später entstandene Fortsetzung "Blut für Dracula" noch um einiges besser.

"Dracula" ist nicht die werkgetreueste Verfilmung, obwohl viele Motive aus dem Roman von Bram Stoker übernommen, teilweise aber auch erst in späteren Teilen der Reihe aufgegriffen wurden.
Mit Christopher Lee als Vampir und Peter Cushing als sein Gegenspieler standen sich aber zumindest zwei ebenbürtige, ausdrucksstarke Darsteller gegenüber, die sich einen der besten Finalkämpfe der gesamten Reihe lieferten.

Was den Film beispielsweise von seiner späteren Fortsetzung unterscheidet, ist vor allem das gemächliche Tempo - und das trotz einer relativ kurzen Spielzeit von nur 78 Minuten und obwohl "Dracula" viel früher auf der Bildfläche erscheint als bei "Blut für Dracula".
Michael Gough, der hier Peter Cushing bei seinem Kampf gegen den Fürst der Finsternis zur Seite steht, wirkt im Vergleich zu Francis Matthews - Charles Kent aus der Fortsetzung - einfach zu blass und unbeteiligt, obwohl auch sein Schauspiel wie gewohnt sehr ausdrucksstark ist.

James Bernards düsterer Score kommt dagegen voll und ganz zur Geltung, Christopher Lees Auftritte sind sehr unheimlich und auch die wenigen, aber - für damalige Verhältnisse - blutigen Effekte kommen gut zur Geltung. Auch hinsichtlich der Ausstattung - von den Kostümen bis hin zu den Kulissen und Accecoires wie ein antikes Aufnahmegerät - liegt hier die Freude im Detail.
Atmosphärisch ist Terence Fishers erste Stoker-Verfilmung noch lange nicht so ausgereift wie seine späteren Werke und so kann "Dracula" als Fishers Fingerübung angesehen werden, deren Technik und Gespür für Atmosphäre spätestens mit "Blut für Dracula" perfektioniert wurde.

Insgesamt gesehen ist und bleibt der 1958er "Dracula" ein unerreichtes Highlight des Genres und ein zeitloser Klassiker, der auch nach über 50 Jahren nichts von seinem Unterhaltungswert eingebüßt hat und zu Recht zu Hammers Aushängeschild zählt. Oft kopiert, seltenst erreicht wird auch diese Verfilmung dem Qualitätsstandard der Produktionsschmiede voll und ganz gerecht und "Dracula" zum Inbegriff des britischen Gothic-Horror.

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