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Rund zwanzig Mal standen Christopher Lee und Peter Cushing gemeinsam vor der Kamera und verkörperten zumeist Kontrahenten, obgleich sie privat gut befreundet waren. Als den Hammer-Studios 1957 mit „Frankensteins Fluch“ ein Überraschungserfolg gelang, wurde mit Dracula sogleich eine weitere Horrorikone nachgeschoben, was Lee Kultstatus einbrachte.

Im Jahre 1885 gibt sich Jonathan Harker (John Van Eyssen) als Bibliothekar aus und kommt im Schloss des Grafen Dracula (Lee) unter, um diesen zu vernichten. Doch der Vampir kommt ihm zuvor und hat es nun auf dessen Verlobte Lucy (Carol Marsh) abgesehen. Vampirjäger Van Helsing (Cushing) benötigt die Hilfe von Arthur Holmwood (Michael Gough), der noch nicht so recht von der Existenz von Blutsaugern überzeugt ist…

Bei Zuschauern eines gewissen Alters mögen eine gewisse Nostalgie, vielleicht sogar einige Kindheitserinnerungen mitschwingen, doch kritisch betrachtet fehlt Regisseur Terence Fisher an einigen Stellen das Gespür fürs Timing, so dass manche Szenen ein wenig dröge erscheinen. Andere Begebenheiten rauben der Erzählung die potenzielle Spannung, denn Dracula wird von vornherein als Vampir enttarnt, der irre Renfield kommt erst gar nicht vor und eine Bluttransfusion, die in nahezu einem Take abgedreht wurde, beansprucht beinahe zwei Minuten, fördert jedoch keine Spannung zutage.

Auf der Habenseite sind natürlich die wunderbar gestalteten Studiosets zu verbuchen und auch der virtuose Score von James Bernard lässt kaum Wünsche offen, zumal sich einige Themen nachhaltig in den Gehörgang setzen. Christopher Lee erhält indes relativ wenig Screentime, er überzeugt jedoch voll und ganz als eine Mischung aus Gentleman und animalischen Blutsauger, während Cushing den pragmatischen Van Helsing auf den Punkt genau rüberbringt. Michael Gough, der Jahrzehnte später als Onkel Theodor in „Der kleine Vampir“ den dienstältesten Blutsauger verkörperte, hat hier nicht allzu viel zu tun.
Er überzeugt jedoch eher als einige seiner weiblichen Kolleginnen, die wohl eher aus Gründen auffallender Oberweite besetzt wurden, obgleich der eine oder andere lüsterne Blick als erotische Einlage durchgeht.

Dass sich Drehbuchautor Jimmy Sangster nicht allzu strikt an die Vorlage von Bram Stoker hält, fällt nicht allzu negativ ins Gewicht, denn eine Überfahrt mit dem Schiff wäre inszenatorisch aufwendig gewesen, - da müssen final ein paar hurtige Fahrten mit Kutsche und einem tölpeligen Zollbeamten reichen, während sich das Geschehen irgendwo zwischen Deutschland und Orten wie Waterfield abspielt, was offenbar nur ein Augenschlag auseinander liegt.

Trotz leicht schnarchig anmutender Inszenierung und einiger überzogener Gesten konnte Fisher einen Meilenstein in der Umsetzung eines Literaturklassikers setzen, da er sich zur richtigen Zeit deutlich von der Verfilmung mit Bela Lugosi in der Titelrolle unterschied.
Tolle Kulissen, ein starker Score und das Gespann Cushing/Lee bilden eine Einheit, die atmosphärisch grundlegend überzeugt und trotz mangelnder Gruseleinlagen auch heute noch recht ansehnlich ist.
Knapp
7 von 10

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