Review

Ein Märchen sentimentalisch stilisierter Erinnerungen liefert Autor Derek Kwok mit seinem Regiedebüt The Pye-Dog ab. Ein ungetrübt phantastisches Erzählen mit dem Hang für das Übertriebene, das Geheimnisvolle, das Unbegreifliche, mit viel Unterhaltung, Aufheiterung, Ergötzung, aber auch Gefühlsseligkeit, Drama und Belehrung. Eine schmerzhaft erlösende Geschichte der Erwachsenentaufe, der Entwicklung und der Befreiung, die entweder viel zu lange hinausgezögert wurde, und nun zu spät viel mehr Kraft und Erkenntnis fordert. Oder viel zu früh kommt um es wirklich zu begreifen, und deswegen mit der Flucht in die eigene Gedankenwelt erklärt und gelindert wird. Das Zusammentreffen zweier Menschen, die so sehr viel gemeinsam haben, dass sie sich wie Brüder ähneln, vom Alter her allerdings eher Vater und Sohn sein könnten. In einer Welt, die neben scharf schießenden Triadenschergen auch von böswilligen Baumdämonen bevölkert wird, in der das Gemeine nicht Seltenheit, sondern Regel ist. Eine Realität mit Mut zum Eklektizismus, in der die Einbildungskraft weitere Geschöpfe zum Vorschein bringt und das Fremde und Unbekannte viel verlockender, in seiner Außenordentlichkeit interessanter und auch sicherer ist.

Enden tut das dichterische, nahezu metaphysische Fabelgewand natürlich am Weihnachtsabend. 20:57h, 20° Temperatur, 98% Luftfeuchtigkeit, noch regnet es, aber der Himmel klart für die nächsten Stunden auf. Alles was bis dahin passiert, hat längst seine Kreise in dem Leben Mehrerer individueller, aber mittlerweile eng miteinander verbundener Menschen gezogen, hat es bereichert, aber auch verändert und teilweise gar ausgelöscht. Eine etwas andere Form der Familie hat sich gebildet, eine Mischung aus Vergangenheit und möglicher Zukunft, in der eindringliche Nähe und ehrliche Wärme zueinander sowohl von der Geburt an bestimmt als auch durch vorsichtige Annäherung und langsamen Kennenlernens geschehen ist:

Der Kleinkriminelle Chan Mun Dui [ Eason Chan ] bekommt durch seinen Ziehvater und Mentor Cha [ Eric Tsang ] den Auftrag, sich als Hausmeister in einer öffentlichen Schule einzuschleusen und unter den anwesenden Kindern den Sohn des aus Thailand zurückgekehrten Niu Kin Chak [ George Lam ] ausfindig zu machen. Um ihn anschließend zu entführen. Chan lernt dabei den kleinen Lam Chi Wang [ Wen Jun-Hui ] kennen, der ihn eines Abends beim Einbruch in das Dekanat erwischt, gibt sich als Polizist aus und rekrutiert den störenden Zeugen als "junior undercover cop". Nach einer Klassenfahrt aufs Land, dem unglücksvollen Verschwinden von Wang und der Rettung durch Dui und die Vertretungslehrerin Miss Cheung [ Lin Yuan ] entwickelt sich eine enge Zuneigung zwischen den Dreien, die mit der Vorbereitung fürs Weihnachtssingen noch gesteigert, aber mit dem Einfall der bitteren Wirklichkeit ernsthaft gefährdet wird. Dui wird als Fahrer für einen Überfall auf Chak und seinen Sohn engagiert, den Auftragsmörder Yan [ Cheung Kwok Keung ] durchziehen will.

Das Umfeld des Gangstermilieus dient dabei mehr oder weniger nur als Alibi für den Ausgangspunkt und Rahmen für eine spätere dramaturgische Entwicklung geübter Hand, die sämtliche Beziehungen final noch einmal zum Höhepunkt in gleichzeitiger Präsenz mit so auch erweitertem Bewusstsein bringen. [Dasselbe Vorgehen wird vermutlich in Kwoks Nachfolgeprojekt Moss beschritten.] Ansonsten wird die Welt an sich meist aus dem Blick des Jungen geschildert und auch mit dessen Worten beschrieben; mit mehr Einfällen als Entwicklungen, als Nachrichten und Einflüsse aus einer für fast Alle Anderen verborgenen Inszenierung. Wang wird von seiner Umgebung als stumm oder gar autistisch angesehen, redet aber nur nicht, um seine Geheimnisse zu bewahren, beobachtet dafür aber auch aufmerksamer und verhält sich offener gegenüber dem vermeintlich Unbedeutenden oder Anonymen, dem scheinbar Unwichtigen. Eine Loslösung von dem eigentlich desolaten Alltag, mitsamt regerer Empfänglichkeit und veränderter Wahrnehmung. Diese kindliche Haltung mit dem neugierigen, vielleicht auch noch etwas naiven, da unvoreingenommen und vorurteils- / wertfreien Blick, indem selbst das Hässliche und Zerstörte seinen eigenen Reiz besitzt, hat sich auch Regisseur Kwok bewahrt und ihn gar trotz aller Mühen weitgehend unverfälscht, wenn auch zuweilen sehr dem Klischee entsprechend auf das Auge der Kamera übertragen können.

Die bedächtige, aber dennoch lebendige Handlung mit anscheinend nachlässig aufbewahrter Bühnenkunde ist fern von objektiver Pragmatik, eifriger Richtigkeit oder rein sachlicher Aneinanderreihung, teilweise gar weitab von sonstig "verlangten" Wahrscheinlichkeiten oder den Zwängen der Logik, sondern geht seinen eigenen Weg der scheinbar bizarren Imagination.
Ein meist authentisches Wesen statt, aber auch mit der Kraft der schmachtgebündelten Popanz, der Scheinkunst und des Nippes. Ein Auswahlband an kapitelunterteilten Episoden mit der Reflexion wie ein herumstreunender, halb verwilderter Straßenhund. Ein heilsamer Gang in den Tag hinein, leicht sorglos gleichmütig und ohne der Konzentration auf große Gesten, scharfsinnige Sprüche, ausschweifend zeithistorischen Chroniken. Trotz aller emblematischen Formprägnanz, poetisch ausdrucksstarker Bilder und dem Wissen um melancholische Emotionalität auch am Rande des Edelkitsches nicht als unerbittlich moralisches oder gar anbiedernd kalkuliertes Plädoyer.

Vielnehr wird in den Kleinigkeiten die wahre Empfindung, die nicht nur für den Moment reine Schönheit, das sanft sättigende Glück gefunden; nicht so sehr in der trauten Zwei- oder Dreisamkeit, sondern weil man für einige Augenblicke das erkennt, was man die ganze Zeit vermisst und auch danach eventuell niemals wieder hat. Es geht um das Essentielle, nicht einmal um die Befriedigung, sondern um den Seelenfrieden trotz der Bedürfnislosigkeit. Manchmal reicht dafür schon, wenn Wang an Dui salutiert, wenn er ihm die Hand reicht, wenn dieser dessen Schuhe zubindet oder ihm bei den Hausaufgaben hilft. Was der Eine nicht hatte, bietet er jetzt seinem verjüngten Ebenbild, ohne dass dieser es verlangend fordert oder sich dafür revanchieren muss. Ein schweigsames Geben und Nehmen, in dem man sich vom bloßen Herzen aus verpflichtet fühlt.

Wie eine mirakulöse Legende mit interaktiver Erlebniskarte.
Mehr Mythos statt Gegenwartskultur. Die Erzählung als eine Aneinanderreihung selbststimulierender Verhaltensweisen, die von eigenhändig gewerkelten Kulissen eingefasst und von dramaturgischen Mitteln zusammengehalten werden, die entgegengesetzt dazu die strenge Notwendigkeit in sich tragen.
Demzufolge ist die erste Mutprobe auch in der Übereinstimmung der Natur; bei dem Schulausflug müssen Wang, Dui und Miss Cheung die Nacht unfreiwillig unter freiem Himmel verbringen und sich gar des Nachts durch einen gespenstischen Wald voller unheimlicher Angreifer schlagen und sich so gegen gemeinsame Gefahren bewähren. Später muss man entweder schwerbewaffnete Killer abwehren. Oder einfach nur zur rechten Zeit am rechten Ort sein und zu dem stehen, was man wirklich will.

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