Wenn Frauen Anfang 40 abends ihre Disco-Klamotten anziehen, ordentlich Tequilas schlürfen und jüngere Männer anbaggern - warum handelt es sich dann bei einem solchen Film automatisch um eine Komödie ?
Man müsste meinen, dass in einer Zeit, in der Eltern immer mehr wie ihre Kinder agieren, keine Tabus mehr existieren. Doch "Schwedisch für Fortgeschrittene" beweist das Gegenteil und das zeigt sich am stärksten in der Reaktion der Aussenwelt, die diesem Werk mit Verständnislosigkeit begegnet. Schon der deutsche Titel ist eine Zumutung, weil er auf das Klischee billiger Sex-Filmchen der 70er Jahre setzt, anstatt den Originaltitel "Heartbreak Hotel" zu verwenden, der schlicht den Namen der Disco benennt, in der Elisabeth (Helena Bergström) und Gudrun (Maria Lundqvist) gerne abfeiern.
Doch besonders der komödiantische Charakter, der dem Film angedichtet wird, zeigt die vorurteilsbeladene Geisteshaltung der so Urteilenden. Selten wurde die Begegnung zweier unterschiedlicher Frauen im Alltag realer beschrieben - in ihrer ganz normalen Profanität. Schon in der ersten Szene wird das erkennbar, als sich die in Eile befindende Elisabeth mit der Politesse Gudrun anlegt, nachdem diese ihr einen Strafzettel verpasste. Die Beiden beschimpfen sich auf das Übelste, aber in diesen Schimpftiraden wird die jeweilige Unzufriedenheit mit ihrer Lebenssituation deutlich - eine Szene, die in ihrer Absurdität überzeugt, aber nicht witzig ist.
Sowohl Elisabeths Weg in die Kirche, wo sie zur Hochzeit ihres Sohnes zu spät kommt, und damit konfrontiert wird, dass ihr Noch-Ehemann ausgerechnet während der Feierlichkeiten ihre Scheidung bekannt gibt, als auch die sich nach der Arbeit zu Hause vergrabende Gudrun, die ihre Abende allein vor dem Fernseher verbringt, stellen schnell den Kontext dazu her.
Zu der zweiten Begegnung der beiden Protagonistinnen kommt es ausgerechnet beim Frauenarzt. Gudrun, die von ihrer Tochter Lieselotte (Erica Braun) dazu genötigt wurde, hatte sich schon entkleidet, als sich ausgerechnet die Frau, mit der sie sich angelegt hatte, als ihre neue Frauenärztin entpuppte. Nur den schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarstellerinnen ist es zu verdanken, dass diese Situation in ihrer Peinlichkeit nachvollziehbar bleibt, aber weder zur Farce noch zur Klamotte umkippt, sondern im Gegenteil verdeutlicht, warum sich die beiden Frauen trotz ihrer Unterschiede im Intellekt und Temperament miteinander anfreunden.
Kritik an der Rollenverteilung und sprachlichen Profanität zwischen den Frauen greift zu kurz, denn sie setzt voraus, dass "Heartbreak Hotel" gesellschaftskritisch sein will. Dabei ist er nur direkt. Ohne Elisabeths Dominanz wäre die Entwicklung von Gudrun gar nicht möglich, denn sie setzt sich über deren Ängste hinweg und zwingt sie dazu, sich endlich auch zu vergnügen. Das diese Positionen - hier die intellektuelle Ärztin mit Hang zur Selbstdarstellung, dort die etwas einfachere Politesse, die sich jedes Anderssein abringen muss - sich charakterlich nicht verändern, lässt erkennen, dass es Regisseur und Autor Colin Nutley hier nicht darum ging, ein Märchen über die Selbstverwirklichung von Frauen zu erzählen. Dabei scheinen die Gespräche zwischen Elisabeth und Gudrun nie zu Ende zu gehen, aber sie drehen sich fast immer nur um das gerade Erlebte. Das trägt zu dem authentischen Charakter bei, der nichts idealisiert.
Deshalb haben auch die unterhaltendsten Szenen, die die beiden Frauen bei ihren nächtlichen Touren zeigen, nichts komödiantisches an sich. Immer liegt das Scheitern in der Luft und droht die Ablehnung der Aussenwelt. Im Gegenteil macht "Heartbreak Hotel" klar, wie sehr sich die Frauen ihren Freiraum erkämpfen müssen und wie schnell sie in den Augen der Öffentlichkeit als lächerlich, überdreht und infantil darstehen.
Es ist nur konsequent, dass die beiden untreuen Ehemänner wieder aus ihren Löchern kriechen und ihre Frauen wieder mit der Option konfrontieren, mit ihnen ihr Leben zu verbringen. Angesichts der gesellschaftlichen Erwartungshaltung ist es nur verständlich, warum man bereit ist, die Missliebigkeiten der früheren Beziehung zu vergessen, um so wieder ein äusserlich ruhiges Leben führen zu können. Und es ist nicht erstaunlich, dass Eine von ihnen in Versuchung gerät...
"Heartbreak Hotel" bleibt trotz der erzählerischen Leichtigkeit und seiner munteren Darstellerinnen ein Gesellschaftsdrama, aber zum Schluss scheint Regisseur Nutley diesem Konzept auch nicht mehr getraut zu haben. Anders ist die letzte Szene nicht zu erklären, die den auch in seiner inneren Tragik logischen Verlauf der Story verrät und zum "Thelma und Louise" Feelgood-Movie mutiert.
Jetzt bekommen doch alle recht, die schon immer wussten, dass feiernde Mütter erwachsener Kinder nur in einer Komödie auftreten. Oder alternativ dazu in einem gesellschaftskritischen Werk mit emanzipatorischer Botschaft und möglichst differenzierten Geschlechterrollen. Aber keinesfalls in einem schlichten Film, der Frauen mittleren Alters einfach nur zusieht, sie sprechen und agieren lässt und sich einen Dreck um Ausgeglichenheit und Erfüllungen von Erwartungshaltungen schert (7,5/10).