Tony Scott, der ungeliebte Bruder von Regie-Ass Ridley, muss wohl besonderes Glück gehabt haben. Wie sonst ist es zu erklären, dass der bis dahin unglaublich miese Machwerke fabrizierende Kerl ("Top Gun", "Days of Thunder") die EHRE hatte ein Script des eben aufleuchtenden neuen Sterns am Hollywood-Himmel, Quentin Tarantino, zu verfilmen. Mag sein, dass es an dem verhunzten Ende oder der sterilen Machart des Films liegt, aber Mr. Reservoir Dogs wasn´t very amused und distanziert sich bis heute vom Ergebnis. Völlig zu unrecht, wie ich finde.
Nicht nur lässt Tony eine Darsteller-Riege auffahren, die dem Meister in Quali- und Quantität in nichts nachsteht, auch lässt er den Film trotz Hochglanz-Optik und Happy End niemals unsympatisch wirken. Das liegt allen voran natürlich an den grandiosen Hauptdarstellern Christian - Warum-zu-Hölle-hast-du-Alone-in-the-Dark-gemacht - Slater und Patricia - Sie-sieht-aus-wie-ein-Pfirsich - Arguette. Während die Dialoge, typisch Tarantino eben, grandios und wie immer sau-cool inszeniert sind, erreicht auch der Body-Count schon fast Kill-Bill´sche Dimensionen. Wer sich die Fernseh-Version oder noch schlimmer, die FSK-16 DVD anschaut, ist selber Schuld, denn hier werden nicht nur extreme Cuts bei sämtlichen Action-Szenen verbrochen, nein, auch die Handlung wird am Ende komplett verstümmelt - was ironischerweise dazu führt, dass sie näher an Quentin´s Vorlage heranreicht.
Wirklich beeindruckend ist aber der Verschleiß hochkarätiger Schauspieler, die meist nach kurzen Cameos getötet werden und von der Bildfläche verschwinden, oder erst gar nicht wirklich zu erkennen sind. Besonders hervor sticht natürlich Dennis Hopper als Clarence´s Vater, in einer der beeindruckendsten Szenen des Films. Wer so lässig, im Angesicht des baldigen Todes, und so gekonnt seine Peiniger beleidigt, muss einfach den Status des heimlichen Helden des Films erlangen. Überhaupt ist die Darsteller-Riege des Films fantastisch. Von Brad Pitt, über Christopher Walken bis hin zu Samuel L. Jackson, tauchen hier so ziemlich alle Stars der damaligen (und heutigen) Zeit auf, die man sich vorstellen kann. Dementsprechend liest sich der Cast fast schon wie die Einwohnerliste Hollywoods.
Was dem Film leider fehlt ist der rauhe, spröde Charme eines "Reservoir Dogs". Denn, und das liegt natürlich an seiner filmischen Vergangenheit, Herr Scott präsentiert und auf Hochglanz gestylte Bilder ohne jegliche Ecken und Kanten, eine wirkliche Nähe zum Film aufzubauen fällt hiermit schwer. Komischerweise schafft es "True Romance" aber, dies durch die z.T., für einen Action-Film, wirklich beeindruckend brutalen Action-Sequenzen und den grandios ausgewählten Soundtrack (zwischen 80er Pop, Elvis und Klassik) wieder wett zu machen.
Jeden coolen Spruch jetzt aufzuführen, der diesem Film noch weiter aufs Siegertreppchen verhilft, wäre zuviel des Guten, denn sozusagen im Sekundentakt blitzen Wortwitz und Ironie, Anspielungen auf Klassiker des Filmgenres und, und, und auf. Fast scheint es als toppe "True Romance" in dieser Hinsicht sogar Tarantinos eigene Machwerke.
Warum also distanziert sich der (mittlerweile gar nicht mehr so junge) Jung-Regisseur also von diesem Werk ? Das liegt vor allem an dem zu Hollywood-freundlichen Ende. *SPOILER* Während im Original Clarence beim finalen Showdown getötet wird, sieht man bei der finalen Version des Films ihn und Alabama am Strand inklusive Kind und Sonnenuntergang. *SPOILER ENDE* Manche Szene des Films verliert dadurch an Sinn, etwa die, in der Alabama beim Besuch des Regisseurs Donowitz ("Aus dem Dschungel kommst nur im Sarg herraus") "You´re so cool" auf eine Serviette schreibt. Zwar erwähnt sie das am Ende nochmal im Off, allerdings passt das Bild nicht dazu, eigentlich sollte sie im Auto sitzen und allein gen Sonnenuntergang fahren, dabei auf die Serviette blicken, und .. aber egal, schließlich existiert nur diese Fassung und es handelt sich hierbei auch wirklich um den einzigen "Wehrmutstropfen im Paradies".
Von der Geschichte sollte man sich nicht zuviel erwarten, das übliche Bonny und Clyde-Thema, nur sympathischer, und auch sonst ist der Film eher eine Aneinanderreihung grandioser Einzelszenen, als ein in sich schlüssiges Machwerk. Nichtsdestotrotz ein ganz, ganz großartiger Film, in dem sowohl Humor, Romantik als auch Gewalt auf gar keinen Fall zu kurz kommen.
Seltene 9/10 Punkte