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Niemand Geringerer als Quentin Tarantino („Reservoir Dogs“) verfasste das Drehbuch zu diesem gewagten US-Crossover aus Action- und Liebesfilm aus dem Jahre 1993, der Brite Tony Scott („Begierde“) führte Regie.

Clarence (Christian Slater, „Geschichten aus der Schattenwelt“) ist ein alleinstehender, einsamer Nerd, der auf Eastern, Elvis und Comics steht und zu seinem Geburtstag ohne sein Wissen eine Nacht mit dem Callgirl Alabama (Patricia Arquette, „Ed Wood“) geschenkt bekommt, die ihn gespielt zufällig im Kino kennenlernt, wo er sich ein Sonny-Chiba-Triple-Feature ansieht. Beide verlieben sich ineinander, Clarence erledigt ihren Zuhälter und gerät wie die Jungfrau zum Kinde an einen Koffer voll hochwertigem Kokain. Um diesen zu verkaufen und vom Erlös zusammen mit Alabama ein besseres Leben führen zu können, fahren sie nach Los Angeles, Drogenmafia und Bullen stets im Nacken…

Direkt von Beginn an ist Tarantinos Handschrift unverkennbar, „True Romance“ strotzt nur so vor Zitaten aus und Verweisen auf Unterhaltungsfilmklassiker und andere Populärkulturgüter. Ständig ist irgendwo ein Fernseher an, in dem irgendein alter Film läuft, vornehmlich aus dem Eastern-Bereich. Zudem verfügt „True Romance“ über einen starken komödiantischen Aspekt, beispielsweise wenn sich Clarence auf Toilette mit dem imaginären „King“ Elvis Presley unterhält, der für ihn Vorbild und Vaterfigur zu sein scheint. Dennoch handelt es sich hierbei glücklicherweise noch nicht um dieses selbstgerechte reine Zitatekino eines Tarantinos, was zum einen vermutlich daran liegt, dass Tarantino selbst weder mitspielt, noch die Regie übernahm, zum anderen aber auch mit dem verglichen mit anderen „Tarantinos“ frühen Entstehungszeitpunkt zusammenhängen dürfte. Die Grenze zum Übergestylten wird aber teils durchaus bedenklich touchiert, insbesondere einige auf Coolheit gebürstete Dialoge nerven bisweilen ein wenig.

Ansonsten ist inszenatorisch aber alles im grünen Bereich: Die Besetzung, in Nebenrollen Dennis Hopper, Gary Oldman, Christopher Walken, Gary Oldman etc., ist hochkarätig, der Actionanteil wohldosiert, grafisch explizit und allgemein ziemlich heftig, die Romantik eigenwillig, aber ergreifend und das Tempo relativ hoch. Lediglich der Erotikanteil hätte höher ausfallen dürfen, doch Patricia Arquette macht auch im bekleideten Schlampenlook eine gute Figur. Apropos Look: Nach seinem Auftakt im verschneiten Detroit wird „True Romance“ mit seiner Reise nach L.A. urplötzlich von einem verträumten Winterfilm zu einem schrillen Sommerfilm, in dem plötzlich nahezu ausnahmslos alle kitschige und allgemein geschmacksverirrte Klamotten tragen. Zudem spielt ein nicht unbeträchtlicher Teil des L.A.-Aufenthalts im Bereich Filmeschaffender, was „True Romance“ zu weiteren satirischen und selbstironischen Elementen verhilft.

Slater ist für die Hauptrolle eine gelungene Wahl, denn er befindet sich optisch irgendwo zwischen den Polen Nerd und Sunnyboy, ohne eines der Extreme in Gänze zu bedienen und seiner Figur damit die Mehrschichtigkeit zu nehmen. Zudem erleichtert dies die Identifikation mit ihr und macht ihre Entwicklung, ihr über sich hinaus Wachsen, nicht vollkommen unglaubwürdig. Der comichafte Stil des Films umschifft hollywoodtypischen Romantikkitsch gekonnt und hat Nerd-Phantasien dahingehend, dass sich die Prostituierte in einen verliebt und man zum abgeklärten Gangster wird, massentauglich gemacht. Damit ist „True Romance“ mit Sicherheit einer der ultimativen Liebesfilme, denn wer liebt schon aufrichtiger als ein Nerd?

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