“Verantwortung und Vergebung”
„Aus großer Kraft wächst große Verantwortung“. Diese Lebensweisheit seines Onkels Ben in die Tat umzusetzen, bereitete Spider-Man in Teil 2 der beliebtesten Superheldenfranchise so einige Schwierigkeiten. Warum sollte es seinem filmischen Schöpfer da besser ergehen?
Ironie des Schicksals. Nach dem phänomenalen Erfolg der ersten beiden Spider-Man Filme wurde Regisseur Sam Raimi mit demselben Problem konfrontiert. Er hatte die Erwartungshaltung und die Messlatte mit seinen ersten beiden Spider-Man Filmen (2002, 2004) so hoch geschraubt, dass das eherne Sequelgesetz - man muss einen weit besseren Film drehen, um das gleiche Einspiel wie beim Vorgänger zu erzielen - zum Verhängnis zu werden drohte.
Neben den blanken Zahlen und damit der Zufriedenstellung der Studiobosse musste er sich aber auch einer weiteren „Verantwortung“ stellen: die riesige weltweite Fangemeinde des Spinnenmannes nicht durch nachlassende Qualität vor den Kopf zu stoßen und damit den von ihm geschaffenen Kinomythos nicht zu zerstören. Wie schwierig ein solches Unterfangen sein kann, bewiesen unlängst die überschätzten Wachowski-Brüder mit ihren unsäglichen Matrix-Fortsetzungen. Vor allem der katastrophale dritte Teil pulverisierte den Nimbus eines Filmkunstwerks auf fatale Weise.
Das ist Sam Raimi mit Spider-Man 3 glücklicherweise nicht passiert. Schon der überaus gelungene zweite Film bewies, dass er durchaus in der Lage sein würde, eine komplette Trilogie auf hohem Niveau zu halten. So ganz sicher ist er sich seiner Sache aber wohl nicht gewesen. Nicht ganz ohne Augenzwinkern heißt die zentrale Botschaft in Spider-Man 3 „Du musst vergeben können“. Ob dies nicht auch indirekt an die als fanatisch bekannte Anhängerschaft der menschlichen Spinne adressiert ist? Schließlich ist diese als äußerst kritisch bekannt und wenig zimperlich mit Unmutsäußerungen, wenn es um eine vermeintlich falsche filmische Umsetzung ihres Lieblingshelden geht.
Eines kann man ganz klar feststellen: Sam Raimi hat sich mächtig ins Zeug gelegt. Das Bemühen den ultimativen Spider-Man-Film zu drehen und die Trilogie zu einem krönenden Abschluss zu bringen, ist deutlich erkennbar. Der Film wartet mit allem auf, was die Vorgänger so erfolgreich machte. Nur gibt es diesmal von allem deutlich mehr. Mehr Liebe, mehr Verwicklungen, mehr Dramatik, mehr Kämpfe, mehr Humor und vor allem mehr Gegenspieler. Musste Spidey in Teil 1 lediglich gegen den „Green Goblin“ und in Teil 2 „nur“ gegen Doc Ock antreten, so bekommt er es im dritten Teil gleich mit drei Widersachern zu tun („New Goblin“, „Sandman“ und „Venom“).
Man hat das Gefühl, Raimi wollte alles in seinen (vermutlich) letzten Spider-Man-Film packen, was ihm zu dem Thema noch einfiel. Dabei droht ihm der Film mehrmals zu entgleisen und in diverse Nebenhandlungen auszufransen.
Die Idee, die Zahl der Gegner zu erhöhen ist an sich genial und bringt ein neues Element in die Serie, da Spiderman erstmals auf fremde Hilfe zurückgreifen muss, um letztlich den Sieg davon zu tragen. Auch der Einfall, den Titelhelden durch einen Parasiten aus dem All seine dunkle Seite ausleben und teilweise Oberhand gewinnen zu lassen, ist grandios. Gerade der „dunkle“ Peter Parker als selbstverliebter, arroganter Aufreißer, gehört zweifellos zu den komödiantischen Höhepunkten der gesamten Trilogie. Beides zusammengenommen tut dem Film allerdings nicht gut, der irgendwie überfrachtet wirkt. Im Prinzip kann die schwarze Materie sogar als vierter Gegenspieler gewertet werden, da Peter hier eigentlich gegen sich selbst (und seine dunkle Seite) antreten muss. Hier wäre weniger eindeutig mehr gewesen. Zumal Raimi auch sämtliche Nebenschauplätze der Vorgängerfilme wieder aufnimmt.
Da gibt es Szenen zwischen Peter und seinem jähzornigen Verleger (für sich genommen erneut zum Brüllen komisch), den unvermeidlichen Zwist mit seinem besten Freund Harry, die Fortsetzung von Peters Uni-Kariere, die Kabbeleien mit seinem russischen Vermieter und dessen scheuer Tochter sowie das Weiterspinnen der verworrenen Beziehung zwischen Peter und Mary Jane. Vor allem hinsichtlich letzterem ist in den ersten beiden Teilen eigentlich alles passiert und gesagt worden. Die Liebesgeschichte nimmt hier erstmals deutlich zu viel Raum ein und bringt letztlich nichts Neues. Am überflüssigsten sind allerdings die überlangen Kämpfe mit dem neuen „Green Goblin“, die man bereits zur Genüge im ersten Film bestaunen durfte.
Es scheint, dass Raimi inzwischen sämtliche Charaktere - auch die kleinsten - und Handlungsstränge so ans Herz gewachsen sind, dass er es einfach nicht über sich brachte, irgendwo zu kürzen oder gar zu streichen. Das geht letztendlich auf Kosten von Tempo und Stringenz. Man kann zudem leicht den Überblick verlieren, vor allem wenn man die ersten beiden Filme nicht kennt.
Dass Spiderman 3 letztlich dennoch funktioniert, ist den erneut großartig aufspielenden Darstellern sowie den hervorragenden Spezialeffekten geschuldet. Tobey Maguire zeigt keine Ermüdungserscheinungen in der Titelrolle und scheint mit seiner Filmfigur verwachsen. Aus dem gewohnt souverän agierenden Ensemble stechen vor allem die beiden Neuzugänge Thomas Haden Church (Sideways, 2004) und Topher Grace (Reine Chefsache, 2004) hervor. Church verleiht dem Kleinkriminellen Flint Marko alias „Sandman“ die nötige Mischung aus Brutalität und Verletzlichkeit und kann mühelos mit seinen Vorgängern Willem Dafoe („Green Goblin“ in Spider-Man) und Alfred Molina („Doc Ock“ in Spider-Man 2) mithalten. Topher Grace gibt einen herrlich gemeinen und karrieregeilen Fotografen Eddie Brock jr., der nach dem Befall durch den außerirdischen Symbionten zu Spider-Mans Erzfeind „Venom“ mutiert.
Ein weiteres großes Plus sind wieder einmal die atemberaubenden Effekte. Vor allem die Entstehung von bzw. die Kämpfe mit „Sandman“ sind eine Meisterleistung der CGI-Techniker. Die Konsistenz und Fließgeschwindigkeit von Sand sowie dessen Reaktion mit anderen Stoffen (wie z.B. Wasser) wurde unglaublich realistisch umgesetzt. Aber auch die bereits klassischen Auftritte unseres Titelhelden - wie er sich durch New Yorks Häuserschluchten schwingt - werden von Mal zu Mal perfekter.
Die Story ist trotz der vielen Nebenhandlungen sehr unterhaltsam, hat einige überraschende Twists sowie komödiantische Höhepunkte zu bieten. Die Mischung zwischen Dramatik und Komik, zwischen lauten und leisen Szenen ist erneut als gelungen zu werten.
Fazit:
Spiderman 3 ist erneut eine kongeniale Mischung aus Humor, Action und zwischenmenschlicher Dramatik. Der Film strotzt vor Einfallsreichtum und skurrilen Ideen, zerfleddert allerdings auch in zu viele Handlungsstränge. Für sich genommen packende Storyelemente und Charakterzeichnungen überlagern sich, stehen sich gegenseitig im Weg und verschleppen letztlich das Tempo des Films, der streckenweise etwas unübersichtlich wirkt. Vor allem der Liebesgeschichte zwischen Peter und Mary Jane wird eindeutig zu viel Raum gegeben, ohne dass man wesentlich Neues zu sehen bekäme. Auch die Entscheidung für drei Gegenspieler ist des Guten mindestens einer zu viel.
Die Darstellerleistungen dagegen sind für eine Comicverfilmung erneut superb, die Spezialeffekte gewohnt atemberaubend. Insgesamt kann das Niveau der beiden Vorgängerfilme allerdings nicht ganz erreicht werden. Letztlich hat Regisseur Sam Raimi mit Spider-Man 3 einfach zu viel gewollt, ohne allerdings gänzlich zu versagen. Trotz seiner Überladenheit und diverser Längen ist Raimi mit Teil 3 immer noch ein äußerst unterhaltsamer und letztlich würdiger Abschluss seiner Spider-Man Trilogie gelungen.
Zum Schluss bleibt eine Notiz an die Adresse des filmischen Schöpfers: „Du hast Dich tapfer Deiner großen Verantwortung gestellt und versucht, uns ein alles in den Schatten stellendes Finale zu schenken. Gut, das ist nicht ganz geglückt, aber wir vergeben Dir. Du hast alles gegeben und uns die bis dato beste Superhelden-Trilogie beschert. Danke, Sam Raimi!“
(aufgrund des Gesamtwerks sehr wohlwollende 7,5/ 10 Punkten)