Boll. Videospielverfilmung. Tabubruch.
Genügt eigentlich nach „House of the Dead“, „Bloodrayne“ oder „Alone in the Dark“ schon als zusammenfassende Information, all den einfalls- und talentlosen Geldverbrennungsaktionen (nicht von Boll, sondern von all den Leuten, die den Murks kaufen, ausleihen, ihn auf Usertreffen abfackeln...).
Aber schön, „Dungeon Siege“ war gerade noch erträglich, also verlieren wir auch über „Postal“ mal ein paar Worte.
Die Vorlage ist (zumindest der 2.Teil) ein weitestgehend sinnfreier Egoshooter, dessen Hauptanliegen und einziges erkennbares Ziel es ist, in dem Tollhaus Welt mal so richtig herzhaft alles wegzuballern, was so durch die Straßen läuft. Irgendwo im Dunkel des Programmiererhirns tapsen auch noch ein paar mögliche Missionen darin herum, aber die sind hauptsächlich schräg, u.a. soll man Osama Bin Laden töten.
Genau diesen atomisierten Funken von Plot hat sich nun Uwe Boll gegriffen und mit seinem ständigen Regieassistenten Bryan Knight so etwas wie ein Skript daraus geblasen (ich benutze den Terminus, da der Inhalt eh nur aus heißer Luft besteht). Dieses Pixi-Büchlein wimmelt nun einerseits von gewollten Tabubrüchen und andererseits von dem, was Uwe ggf. für seinen, u.U. aber auch für den Humor seiner Fans hält.
Und nun begraben wir mal alle unsere Ansprüche im Wald, damit wir diese Schlaftablette durchhalten...
Also: der Postal Dude ist ein netter, leicht naiver Kerl, der von den Umständen des Lebens (Trailerhome, eine überfette und ihn betrügende Frau, Arbeitslosigkeit) irgendwann die Schnauze voll hat. Er marschiert zu seinem Onkel Dave, der Oberhaupt einer seltsamen Sekte ist, die sich ein Bibelchen gestrickt hat, um die Fuck- and Drugs-Ambitionen zu verschleiern. Da dieser arg steuerbedroht ist, hecken sie einen Plan aus, um eine spezielle Form umglaublich häßlicher Kinderpuppen zu klauen und diese dann zu verticken. Auf die gleiche Idee kommen zur selben Zeit Osama und seine Kohorten, denn die Revolution des Terrors ist nahe. Irgendwo spielt da dann noch ein Giftstoff, zwei dämliche Bullen, eine Coffeeshop-Tussi, der kleinwüchsige Verne Troyer und ein durchgeknallter Sektenangehöriger, der den Weltuntergang will, eine Rolle.
Klingt das für einige vielleicht noch ganz nett angeschrägt, so ist die Ausführung wie üblich bei Boll wieder mal unter aller Kanone.
Die komplett talentfreie Regiezone Boll versucht natürlich nach Kräften, ganz ganz doll aufrührerische Bilder zu liefern oder gar Schröckliches zu verharmlosen, um sich einen hübsch vibrierenden Skandal ins Rektum einführen zu können, scheitert aber auf beachtlich ganzer Linie.
Egal, ob Boll nun ein Baby überfährt, eine Katze als Schalldämpfer benutzt, endlich visualisiert wie bei einer Überfetten die feuchte Stelle gefunden werden kann oder Deutschland-Klischee-Dörfer prima Drehort für flache Nazi-Scherze sind – es ist alles gleich inkompetent gedreht, unspannend inszeniert, falsch geschnitten, ohne Timing oder Geschwindigkeit.
Die Handlungsplätze wechseln ständig und wo man bei den Terroristen noch milde grinsen kann, so sind die Guten (?) ein Totalausfall. Entweder wird sich sichtlich um Skandale bemüht oder es ist ganz einfach witzlos, was hier produziert wird.
Entgegen jedweden haltlosen Behauptungen, „Postal“ wäre eine Satire, stufe ich den fertigen Film eher als überspannte Groteske ein, bei deren Ansicht der selige John Waters, der schon vor dreißig Jahren dreißigtausendmal besser wußte, wie man ein Tabu bricht, so daß das Publikum die Sitze rausreißt, nicht mal für Geld eine Erektion bekommen würde.
Gewollt und nicht gekonnt ist hier die Devise, allein Bolls Gastauftritt als er selbst (er kann sich leider nicht mal selbst darstellen), der seine Filme mit Nazigold finanziert (uhahaha...) und dann von dem Spieleentwickeler von „Postal“ wegen der Qualität der Verfilmung angegriffen wird (es muß eine Einblendung her, damit wir den Joke überhaupt verstehen können), ist ein selten gesehener Tiefpunkt.
Weitgehend entsetzlich auch die Darstellerleistungen: der hauptsächliche Seriendarsteller Zach Ward in der Titelrolle ist ein dermaßenes Stück Holz von einer Figur, das es schon quietscht. Dave Foley als Onkel Dave (der in „Scrubs“ zweimal hervorragend einen Sterbebegleiter gab) muß seinen Dödel in die Kamera halten und wir ihm zusehen, wie eine Ladung in Episoden in die Schüssel drückt.
J.K.Simmons hat einen sinnfreien Cameoauftritt (vermutlich unbemerkt gefilmt...) und Verne Troyers Anwesenheit wird eigentlich nur so sinnvoll, wenn vorher und nachher im Film eben noch keine Zwerge in Koffer gesteckt und durch die Gegend gewuchtet wurden.
Ralph Möller hat überhaupt nichts zu tun als im Streifenwagen zu sitzen und am Ende Postal Dudes fette Else zu vögeln, womit er den Existenztiefpunkt erreicht hätte. Lediglich Larry Thomas, der Osama darstellt, verdient sich einen Gummipunkt, weil bei ihm meistens das Slowburn-Timing stimmt – was auch nur funktioniert, weil er den Hauptteil des Films nichts mit den anderen Figuren zu tun hat.
Und auch was die Action angeht, so beweist sich hier mal wieder gnadenlose Inkompetenz.
Abgesehen von der netten Eingangsszene (die Terroristen fliegen versehentlich ins World Trade Center, nachdem sie es sich gerade anders überlegt hatten), passiert hier so gut wie nichts. Boll versaut die einzigen beiden Schußgefechte des Films geradezu phänomenal, wenn er im deutschen Dorf zuerst alle (und das bedeutet reichlich Kinder in Nahaufnahme) Anwesenden meuchelt und zwar immer schön in Einzeleinstellungen drauf hält (immer in der derselben) – um dann abschließend bei der großen Schlacht alle eben minutenlang aus ihren Wummen draufhalten zu lassen, ohne das das irgendwie gut konstruiert, zu einem Ergebnis führend oder spannungssteigernd wäre, von Montage keine Spur.
Um es kurz zu machen: „Postal“ will irre böse und subversiv sein, ein Skandal auf zwei Beinen, ist aber nur flach, platt, ausgelutscht, abgedroschen und vor allem scheiße langweilig, denn ohne einen sich steigernden Plot oder eine Spannungskurve (oder überhaupt Spannung) können 102 Minuten verdammt lang sein.
Man muß aber anerkennen: Boll hat aus so gut wie nichts so gut wie noch weniger gemacht und das ist auch schon eine Leistung.
Wird natürlich diverse Leute geben, die auch dies mit „Boh ey, krass!!!“-Salven abfeiern, weil man das mit so sickem Scheiß nun mal so macht. Aber die sind eh nicht zu retten. Ab in die Tonne, nicht mal Sondermüllklasse. (1/10)