Review

„Typisch Ostler, ey!“

Der jugend- und subkulturell interessierte Filmemacher Bernd Schadewald („Verlierer“) schrieb und inszenierte im Jahre 1993 für die ARD die Liebestragödie „Schicksalsspiel“, die er im Spannungsfeld rivalisierender Fußballfans des FC St. Pauli und des FC Hansa Rostock ansiedelte. Der Film wurde am 31. August 1994 erstausgestrahlt.

„Fußball ist Krieg, ist normal!“

Roland (Niels-Bruno Schmidt, „Ein unmöglicher Lehrer“) fährt zusammen mit weiteren Fans des FC St. Pauli zur Zweitligapartie gegen den FC Hansa Rostock in die mecklenburg-vorpommersche Küstenstadt. Es handelt sich dabei um eine brisante Begegnung, denn die sich politisch eher progressiv verortende St.-Pauli-Fanszene ist mit der in größeren Teilen rechtsextremistische Tendenzen aufweisenden des FC Hansa verfeindet. Das fremdenfeindliche Pogrom im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen liegt noch nicht lange zurück und zeigte die hässliche Seite vieler Rostocker. Roland und seine drei Freunde geraten dann auch in einen Konflikt mit Hansa-Fans, nachdem sie sich inkognito in eine Rostocker Kneipe geschlichen haben. Roland verguckt sich dort in die Kellnerin Conny (Nicolette Krebitz, „Durst“), doch die Gruppe verrät sich versehentlich, muss fliehen und wird durch die Stadt gejagt. Nach dem Spiel trifft Roland Conny wieder und schenkt ihr seinen St.-Pauli-Schal. Einige Tage später fährt er sie gar in Rostock besuchen. Ihr Bruder Lalla (Jürgen Vogel, „Kleine Haie“), ein Hansa-Fan, hat jedoch den Schal in Connys Zimmer entdeckt und schlägt Roland am Abend in einer Disco zusammen. Die Zuneigung Rolands und Connys zueinander bleibt davon unberührt, doch als Roland sie mit nach Hamburg bringt, reagiert sein bester Freund Manni (Steffen Wink, „Boomtown“) eifersüchtig und ergreift lebensgefährliche Maßnahmen, um die beiden auseinanderzubringen. In Rostock trommelt Lalla derweil seine Freunde zusammen, um Roland vor dem Heimspiel des FC St. Pauli gegen Fortuna Düsseldorf aufzulauern…

„Du weißt wohl nicht mehr, wo du hingehörst!“

Nachdem „Verlierer“ zwar mit authentischen Darstellern aus der Metal- und Punk-Szene aufwarten konnte, aber eine nicht sonderlich realitätsnahe Geschichte erzählte, und er im „Tatort: Voll auf Haß“ mit der Unterscheidung von Skinheads und Neonazis überfordert war, bemühte sich Schadewald für „Schicksalsspiel“ verstärkt um Authentizität in Form dokumentarisch anmutender Schwarzweiß-Intermezzi, um das reale damalige Stimmungsbild zu transportieren. Der Film beginnt jedoch mit einem Shakespeare-Zitat aus „Romeo & Julia“, jenem Klassiker um eine verbotene Liebe, an die er sich mit „Schicksalsspiel“ anlehnt. Die Hamburger Punk-Institution Slime erlebte seinerzeit ihren zweiten Frühling und steuerte den exklusiven Titelsong bei, den der sein Zimmer mit Postern von Metal-Bands schmückende Roland zu Beginn auflegt (und der das musikalische Grundgerüst für den später auf der „Schweineherbst“ enthaltenen „Zusammen“ bildete). Die Auswärtsfahrt nach Rostock findet stilecht mit der Bahn und reichlich Karlsquell statt; der reale Fan-Beauftragte Sven Brux beschreibt zusammen mit anderen im ersten dokumentarischen Einspieler den besonderen Reiz solcher Exkursionen, weitere Statements behandeln speziell das Thema Rostock. Später eingestreute Statements, auch von Rostockern, thematisieren die (im Film gar nicht gezeigten) Ausschreitungen, mangelndes gegenseitiges Verständnis der rivalisierenden Fangruppen und die Unlust der Paulianer, ein weiteres Mal nach Rostock zu fahren sowie das Selbstverständnis als Fußball- und Vereinsfans.

Die Liebe auf den ersten Blick zwischen Roland und Conny hält die gesamte Handlung hindurch, es geht also sehr schnell mit den beiden – etwas zu schnell, um wirklich glaubwürdig zu wirken. Umso realistischer sind die Begegnungen von Hamburgern mit Rostockern voller Klischees über das jeweilige Gegenüber im Kopf, denen sich lediglich das Liebespaar entzieht, die authentischen Kulissen und Drehorte und das eindrucksvolle Zeitkolorit der ersten Hälfte der 1990er, in der so vieles den Bach herunterging. Dazu ist wohl auch der krasse Vokuhila zu zählen, den einer der Paulianer auf dem Kopf spazieren trägt… Schadewald thematisiert über die Fußballrivalität hinaus am Rande soziale und gesellschaftliche Probleme und schafft es, den Ost-West-Konflikt in einem Dialog zwischen Conny und Ronald prägnant auf den Punkt zu bringen. Die Balkonszene aus „Romeo & Julia“ adaptiert Schadewald, setzt ansonsten aber verstärkt auf Action und Zuspitzung: Schlägereien, eine Art erweiterter Suizidversuch und die desolate Psyche des von Verlustängsten geplagten und völlig feildrehenden Manni sind da noch nicht alles, denn am Schluss wird auch mit dem Messer zugestochen, was ein klassisches Happy End unmöglich macht.

Schadewald ist ein Porträt einer Zeit verhärteter Fronten gelungen, in der kein Raum für die Liebe war (und ist). Die Verquickung des „Romeo & Julia“-Topos mit zeitgenössischer Fußballrivalität, die wiederum stellvertretend für gesamtgesellschaftliche Konflikte steht, kann als geglückt betrachtet werden. Schadewald konnte mit einem spielfreudigen Ensemble an Jungmimen arbeiten, darunter in den Nebenrollen Namen wie Katja Woywood (später „Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei“) und Benno Fürmann (später „Und tschüss!“) in seiner damaligen Paraderolle als juveniler Delinquent, und auch „Verlierer“-Veteran Mario Irrek ist dabei. Natürlich ist diese Fernsehproduktion zuweilen etwas unbehauen und sicherlich hätte man einzelne nur grob angerissene Themen gern vertiefen dürfen, nichtsdestotrotz ist „Schicksalsspiel“ zurecht ein kleiner Kultfilm geworden.

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