Traumaverarbeitung 11.September! Mit "Ausnahmezustand" klappt das verhältnismäßig gut, weil der Film unabhängig von absehbaren folgenden Terrorakten die inzwischen wahr gewordene Realität verblüffend genau vorwegnimmt.
Die Terrorakte, die Motivation, die Arbeit in unabhängigen Zellen, wahr klar, daß das der Videothekenschlager seit dem WTC war. Und um so einfühlsamer die Wahl von Denzel Washington als FBI-Everyman mit den menschlichsten Zügen, der skriptgemäß so eingestellt ist, wie wir es von uns allen als aufgeklärte Erste-Welt-Land-Bewohner abverlangen müßten, wenn die Rachegedanken einen nicht permanent zu Vorurteilen antreiben würden.
So geraten dann die Folgen der Terrorakte auch zu den besorgniserregensten Szenen, wenn das Kriegsrecht verhängt und KZ-ähnliche Lager für ethnische Minderheiten hergerichtet werden. Menschliche Schicksale inclusive, auch hier wird der richtige Ton getroffen, irgendwo zwischen Betroffenheit und Unterhaltung.
Allerdings wird auch hier keine Auseinandersetzung mit den Attentätern geboten. Die Formel lautet: es ist auch aus dieser Ethno-Gruppe nur eine verschwindend geringe Minderheit, die komplett durchknallt (ohne es jetzt mal den Islam-Fanatisten deutlich in die Hose zu schieben), aber wenn denn, dann hilft da nur noch die Kugel. Und so geschieht es dann auch in verschiedenen Gefechten und Anschlägen, wobei tunlichst vermieden wird, ein Massaker in einer Schule zu zeigen, sondern man sich hier mit der toten Lehrerin begnügt. Im wahren Leben würde auch da keiner fackeln, aber alles kann man der Audience nun doch nicht zumuten.
Während der Thriller- und Jagdplot konventionell voranschreitet und moralische Probleme hier brauchbar gewälzt werden, verlegt man das Konfliktpotential lieber ganz auf die amerikanische Seite, weil hier ist ja noch was zu ändern, anders als im Rest der Welt. Also arbeiten wir als Behörden lieber mehr gegen- als füreinander, wobei diesmal das FBI die Guten (logisch, inländisch), das CIA die Schlechten (weil im Ausland beidseitig arbeitend) und das Militär die Zweischneidigen (weil befehlsgemäße Roboter darunter) sind. Daß die CIA hier als Eigentorschützen ihrer eigenen Politik fungieren, ist zwar verdammt nah an der Wahrheit, aber das Gezuppel einer vollkommen fehlbesetzten Annette Benning nervt dann doch besorgniserregend.
Was wir schon gar nicht glauben wollen, ist, daß Fundamental-Islamisten aus einem fernen Land, sich von einer Frau (sei sie nun von der CIA oder vom KGB) Terrorunterricht erteilen lassen würden. Die haben schon genug Probleme, sie einen Beruf erlernen zu lassen. Und Annette Benning als diese Verkörperung? Nein, danke!
Am Ende sind natürlich die Terror-Probleme doch irgendwie lösbar (ein schöner Traum), dafür geht die Diskussion rund um Foltermethoden und Menschenrechte durch, diesmal in Form der Gegensätze Washington und Willis, die die beiden Pole darstellen. Natürlich muß der Folterer und Mörder Willis am Ende einkassiert werden, nachdem in einem unglaubwürdigen und kaum überzeugenden Höhepunkt, Washington ihn nach einem Wortgefecht von seinem Fehlhandeln überzeugt.
Da macht es sich der Film dann aber doch zu einfach, aber schließlich sollte er ja auch unterhalten und Geld einspielen und dafür langt "Ausnahmezustand" dann doch noch mehr als ausreichend. Aber zu vertretende Ideologien sollte man besser nicht an diesem Film festmachen, schon allein, weil das Kollektiv-Happy-End ohne bitteren Beigeschmack hollywoodesk endet. Etwas mehr inneren Kampf nach dem Tod von 600 FBI-Kollegen hätte ich mir von dem porentiefreinen Denzel dann doch gewünscht. (7/10)