Luc Besson träumte schon früh von einem Hollywood-Gegengewicht in Europa, mit dem grellen Science-Fiction-Märchen „Das fünfte Element“ erfüllte sich der Franzose diesen 90 Millionen Dollar teuren Traum, den er aber auf Englisch drehte und teilweise im US-Stil hielt, zum Erfolg an der Kinokasse.
Im Kampf von Gut und Böse über die Jahrhunderte liegt die einzige Möglichkeit das Böse zu besiegen in der Kraft der Elemente, die in verschiedenen Artefakten ruht. Gerade diese Artefakte sind in Gefahr entdeckt zu werden, als ein Forscher eine Pyramide durchsucht. Doch rechtzeitig tauchen die Mondoshivan auf, eine gute Alien-Spezies. Der Forscher bleibt zwar auf der Strecke, doch es muss halt sein fürs Überleben der Menschheit, die Artefakt-Steine werden mitgenommen und an einen sicheren Ort gebracht. So klärt die Anfangssequenz schon mal die Grundsituation des Films, die an sich mal wieder der ultimative Kampf von Gut gegen Böse ist, und bietet Raum für einen Gastauftritt von Luke Perry, der trotz verhältnismäßig prominenter Nennung in den Credits danach nicht wieder auftaucht.
300 Jahre später bedroht das Böse die Menschheit in Form eines riesigen unzerstörbaren Meteoriten. Doch der kleine Bürger weiß noch nichts von dieser Bedrohung und stattdessen schlägt er sich durch, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. So wie Korben Dallas (Bruce Willis): Ein cooler, heruntergekommener Ex-Soldat und Taxifahrer, der mit der halben Welt verkracht ist. Willis tritt mal wieder auf, wie wir ihn lieben: Abgewrackt, aber immer noch mit seiner widerspenstigen zynischen Art. Nur das Unterhemd ist ausnahmsweise mal orange.
An sich wäre die Weltenrettung eine einfache Sache, denn die Mondoshivan juckeln schnell mit den Artefakten heran, die das Böse besiegen können. Doch der intergalaktische Waffenhändler und Bösewicht Jean-Baptiste Emanuel Zorg (Gary Oldman) schickt die fiesen Mangalore, eine weitere Alien-Rasse los, welche das Mondoshivan-Raumschiff kaputt bomben. Die Steine bleiben jedoch verschwunden, weshalb Regierungsvertreter aus der Mondoshivan-DNA die junge Frau Leeloo (Milla Jovovich) klonen. Doch diese flieht vor den Menschen und kracht auf ihrer Flucht ausgerechnet in Korbens Schwebetaxi – der bald zum ungebetenen Weltenretter wird...
Auch wenn „Das Fünfte Element“ einige Plotwendungen und eigene Ideen hat, so ist das Grundgerüst des Drehbuchs von Besson und Robert Mark Kamen jedoch eine Gut-gegen-Böse-Geschichte á la „Star Wars“. Wie in den Lucas-Filmen ist auch hier ein märchenhafter Touch zu spüren, auch wenn Prinz und Prinzessin hier die abgefahrensten Klamotten des letzten Galaxis-Schlussverkaufs ergattert haben. Zumal beide nicht unbedingt den klassischen Vorstellungen entsprechen. Leeloo mit ihren knallroten Haaren wird aus einer Mondoshivan-Hand geklont, beherrscht die menschliche Sprache anfangs nicht und muss sich das Wissen der Menschheitsgeschichte im Schnelldurchlauf aneignen, wobei Bruce Lee und Martials Arts ihr besonderes Interesse erwecken. Korben hingegen ist ein unrasierter Proletarier, kurz vorm Verlust des Führerscheins, von der meckernden Mutter genervt und der von Ehefrau verlassen. Krumm will dieser vom Leben enttäuschte Willis-Charakter sich nur noch für die perfekte Frau machen. Gut, dass Leeloo ein perfektes Wesen ist, wie die Figuren des Films mehrfach betonen.
Neben seinen beiden Hauptfiguren bringt „Das fünfte Element“ bald auch ein weiteres Panoptikum an Charakteren in Stellung. Da sind die Regierungsvertreter um den Präsidenten Lindberg (Tony ‘Tiny‘ Lister jr.) und Korbens früheren Vorgesetzten, General Munro (Brion James). Da ist der Priester Cornelius (Ian Holm), der alles über Leeloo, die Steine und die Weltenrettungsgeschichte weiß und sich somit zum Helden berufen fühlt, allerdings das Muskelschmalz eines Korben Dallas missen lässt. Da sind der Schmierlappen Zorg, der selbst im ultimativen Bösen nur einen Geschäftspartner sieht, und die dumm-brutalen Mondoshivan, die als Freunde, Feinde oder Stolperfallen in die Handlung eingreifen. Die sind dann eine temporeiche Hatz nach den fünf Steinen als MacGuffins, die dann im Finale eingesetzt werden müssen, sonst aber nur als Objekt der Begierde herhalten müssen. So käbbeln sich die Konfliktparteien auf der Suche nach den Steinen, auf der Erde und auf Raumschiffen, mal eher als Rivalen, mal als Todfeinde.
Dabei geht der Stil über die erzählerische Substanz und besagter Stil ist ordentlich grell. „Das fünfte Element“ strotzt vor allem mit ausgefallenen Bauten, Kostümen und Effekten. Da führt Zorg eine Alles-in-einem-Waffe mit Projektilen, Raketen, Flammenwerfer usw. vor, da tragen Räuber schräge Helme, um Türspione zu täuschen, da deckt sich die Polizei der Zukunft beim Schwebe-Drive-In mit McDonalds-Fast-Food ein, da hat Zorg gleich jede Menge Gadgets und Kreaturen in seinem Schreibtisch usw. Manches ist von „Blade Runner“ inspiriert (etwa die asiatischen Einflüsse und riesigen Werbetafeln beim New-York-Design der Zukunft), doch diese bunt-überdrehte Art ist gerade das französische Element in diesem sehr amerikanischen Unterhaltungsfilm, der eher nach Hollywoodstandards gedreht ist. Besson setzt zudem auf seine eigene Bildsprache mit schrägen Kameraperspektiven, akzentuierenden Großaufnahmen, gelegentlicher Fischaugenoptik usw., die hier trotz aller Poliertheit immer noch Eigensinn verströmt. Ab und zu wird die Farbenpracht zwar etwas zuviel, aber die Inszenierung kommt insgesamt herrlich bombastisch daher und besitzt viele Aha-Effekte wie z.B. der schick animierte, chaotische Luftverkehr der Zukunft. Vieles ist hier handgemacht, doch auch die sorgsam eingesetzten CGI-Tricks sind ziemlich gelungen.
Damit Bessons Space-Opera nicht allzu naiv daherkommt oder lächerlich wirkt, wird viel Humor eingestreut, was dem Film sichtlich gut tut. Denn gerade dadurch, dass der Film sich nicht ernst nimmt, wirken viele der durchgeknallten Futur-Freaks hier absolut zu Hause, von Plastikhauben-Schurke Zorg über einen natürlich tauben Space-Mozart-Verschnitt bis zu einer Alien-Opern-Diva. Vor allem die Figur des durchgeknallten Moderators Ruby Rhod (Chris Tucker) mit seiner komplett überkandidelten Art sorgt immer wieder für gute Laune. Ruby, der einerseits ziemlich gay in Auftreten und Styling ist, andrerseits aber auch ein totaler Ladies Man, erinnert schwer an Prince, weshalb es kaum verwundert, dass Besson genau jenen zuerst für die Rolle angefragt hatte. Anderer Art, aber immer noch witzig ist der Willis-typische Sarkasmus, der auch hier wieder in ordentlicher Menge vorkommt, wenn Korben auf hemdsärmelige Art den Tag rettet.
Ebenfalls ziemlich überzeugend ist die explosive Action, die vor allem zum Ende des Films hin auftritt. Vor allem der Privatkrieg zwischen Korben und den Mondoshivan, bei denen ein Vergnügungsraumschiff in Schutt und Asche gelegt wird, bietet starke Stunts (z.B. der Sprung von der Ballustrade) und einiges an Geballer. Die Nahkampfeinlage von Leeloo (parallel montiert zum Auftritt der Alien-Diva) hat gewisse Slapstick-Elemente, hat aber dadurch auch etwas Eigenes, hinzu kommen weitere Schusswechsel, Explosionen sowie die anfängliche Verfolgungsjagd mit fliegenden Autos, welche mit dynamischer Kameraarbeit und pointiertem Schnitt aufwartet. Schade nur, dass man Zorgs Lieblingswaffe so selten in Aktion sieht und die meisten Funktionen nur bei der Demonstration des Geräts.
Bruce Willis spielt hier den zynischen Actionhelden stark wie eh und je, mal wieder raubeinig, schlagfertig und reichlich zerknittert, bekannt aus Filmen wie „Tödliche Nähe“, „Last Boy Scout“ und vor allem der „Stirb langsam“-Reihe. Als Comedic Sidekick kann sich Chris Tucker bis zum Exzess austoben, was ich persönlich urkomisch fand, auch wenn die durchgedrehte Nummer vielleicht nicht jedermanns Sache ist. Milla Jovovich spielt auf solidem Popcorniveau, Gary Oldman als durchgedrehter Weltallverbrecher gibt sich herrlich durchgeknallt, dauernd am Rande eines Wutanfalls und ist dabei ungewohnt komisch. Die Nebendarsteller, darunter auch prominente Gesichter wie Brion James, Ian Holm oder Tony ’Tiny’ Lister jr., überzeugen durch die Bank weg und setzen somit Akzente.
„Das fünfte Element“ ist laut, bunt und schrill – und will genau so sein. Luc Bessons Space Opera fährt eine Pracht an Einfällen, Kulissen und Kostümen auf, zeigt schräge Charaktere und schrägen Humor, wohinter die eher handelsübliche Weltraummärchengeschichte verschwindet. Auch die Action ist eher überkandidelt, nur beim Shoot-Out auf dem Raumschiff einigermaßen bodenständig, aber es passt zu diesem Film, der zwischen Hollywood-Style-Bombast und französischem Eigensinn seinen Tritt findet und dabei ein großes Fun-Paket ist.