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„Sie finden eine Lücke im Gesetz und wir gucken in den Mond!“

Nachdem sich Maurizio Merli mit Marino Girolamis „Gewalt rast durch die Stadt“ offenbar als italienischer Selbstjustiz-Bulle bzw. als „Dirty Harry“ für Arme empfohlen hatte, griff Umberto Lenzi für seinen nach „Der Berserker“ zweiten Poliziesco mit Tomas Milian auf Merli statt auf Silva zurück, um ihn gegen Milian ins Rennen zu schicken. Das Ergebnis ist der Film „Die Viper“ aus dem Jahre 1976.

In Rom macht das Verbrechen, was es will: Überfälle und Gewaltdelikte, wohin das Auge blickt, niemand ist mehr sicher – und die Polizei machtlos, gefangen in einem Gesetzes- und Regelapparat, über den die Kriminellen nur noch lachen und sich, werden sie einmal verhaftet, von findigen Anwälten rausboxen lassen. Doch haben sie die Rechnung ohne Kommissar Ferro (Maurizio Merli), genannt „die Viper“, gemacht, der auf die Vorschriften geflissentlich pfeift und sich einen nach dem anderen vorknöpft. Ferros Vorgesetzte sind davon wenig begeistert und generell stoßen seine Methoden nicht nur auf Gegenliebe. Der bucklige Moretto allerdings übertreibt es endgültig und ist zu einer großen Nummer der Unterwelt avanciert, der beizukommen auch Ferro so seine Schwierigkeiten hat…

„Hat die Viper ihren Giftzahn wieder testen müssen?“

Stand bei Lenzis „Der Berserker“ noch eindeutig und in bester Thriller-Manier der Antagonist im Vordergrund, ist es hier tatsächlich der heißblütige Kommissar, um den herum die Handlung aufgebaut wird. Prinzipiell ähnlich wie der arg platte „Gewalt rast durch die Stadt“ und doch ganz anders, weil wesentlich genießbarer: Ferro äußert sich unmissverständlich Pro-Selbstjustiz, Pro-Folter, Pro-Sondereinheiten, propagiert Law & Order und Wildwest-Methoden etc. pp, um dem Verbrechen Herr zu werden, wird dabei jedoch als hitzköpfiger und brutaler Choleriker dargestellt, der auch mit Gegenstimmen und -argumenten konfrontiert wird. Das ist auch bitter nötig, denn er foltert und misshandelt Verdächtige, ist schnell mit dem Colt zur Stelle und prügelt im Vorbeigehen manch Delinquenten windelweich, ist anscheinend stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Seiner Freundin Anna (Maria Rosaria Omaggio, „Großangriff der Zombies“), Juristin für Jugendkriminalität, gefällt das ebenso wenig wie seinem Kollegen Caputo (Gianpiero Albertini, „Das Geheimnis der blutigen Lilie“), was Lenzis Film einen wesentlich differenzierteren Ton verleiht – wenngleich die Eskapaden der Gangster einer- und Ferros andererseits eindeutig dominieren. Zeitweise weiß man jedoch schon gar nicht mehr, zu wem man halten soll, wenn Ferro auf den körperlich behinderten Moretto losgeht und sich dieser scheinbar nicht zu Unrecht in der Opferrolle wähnt.

Jener Moretto, einmal mehr kongenial von Tomas Milian verkörpert, wird dann auch zur Konstante der Handlung, die ihre Verbrechen ansonsten ähnlich episodenhaft wie Girolami in „Gewalt rast durch die Stadt“ auftreten lässt. Die wahre Bedeutung dieses listigen Mannes wird dem Zuschauer erst nach und nach verdeutlicht, wobei er an psychopathischem Profil ähnlich dem eines Schurken in beispielsweise alten Batman-Comics gewinnt. Generell sind Inhalt und Inszenierung deutlicher erkennbar als in Girolamis Negativbeispiel comichaft überzeichnet und können selbst in einem sich in den Klauen der Gewaltverbrechen befindenden Italien nicht 1:1 auf die tatsächliche gesellschaftliche Situation übertragen werden. Alle Seiten poltern hier kräftig drauf los, übertreiben es vollends und da der zweifelhafte reaktionäre Stammtisch-Tonfall zwar vorkommt, jedoch nicht die Aussage des Films ist, ergibt sich ein schwer unterhaltsamer und dabei keinesfalls dummer Film, der seinen Charakteren auch Entwicklungen zugesteht: So kommen selbst Ferro schließlich Zweifel an seinen Methoden und muss er erkennen, dass sie gegen jemanden vom Schlage eines Morettos nur bedingt weiterhelfen. Dafür verzichtet man dann auch gern auf klar als solche erkennbare Identifikationsfiguren und genießt Prügeleien, Schießereien, Kämpfe auf Hausdächern, Verfolgungsjagden, eine sehr dynamische Kamera sowie den rasanten Schnitt und bemerkt dabei kaum, dass Lenzi anscheinend einige Szenen aus seinem meisterhaften „Der Berserker“ wiederverwendet hat. Selbst mit Merli in seiner Mischung aus Schimanski, Callahan und Venom-Mantas habe ich hier meinen Frieden gemacht, da er stets eine große Menge echte Wut und Entrüstung in sein eindimensionales Schauspiel zu legen scheint. Und bei einem Poliziesco aus jener Entstehungszeit ist es fast schon müßig zu erwähnen, dass er bis in die Nebenrollen hinein u.a. mit Ivan Rassimov („Mondo Cannibale“) und Giampiero Albertini ansprechend besetzt wurde.

Überaus unterhaltsam, kurzweilig und dabei nicht völlig anspruchslos, wenn auch bis auf die Gewaltexzesse ein bisschen „auf Nummer sicher gehend“ konstruiert, denn gleich wie man den hier beschriebenen Phänomenen gegenübersteht, wird sich wohl jeder seinen Teil aus „Der Viper“ herausziehen können und sich mehr oder weniger bestätigt sehen können.

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