Review

Die Viper versus Der Bucklige.
 Lenzis bekannter Poliziottesco aus dem Jahr 1975.

"Roma a mano armata" genießt unter Poliziotteschi-Freunden allerbesten Ruf, er gilt als einer der wichtigsten Genre-Vertreter. Mir gefällt der Film gut, streckenweise sehr gut, vom Sofa gehauen hat's mich aber nicht.

So reißerisch wie das Filmplakat bzw. die Covergestaltung der DVD von NEW ist auch der Film. "Die Viper" ist plakativ (doch immerhin oft auch realitätsnah), Action gibt es in allen Facetten und es geht ein ums andere Mal hart zur Sache, schließlich heißt der Regisseur Umberto Lenzi.

Viel Gewalt spielt sich jedoch im Off ab; bei dem "Finale" der Vergewaltigungsszene war ich darüber nicht allzu traurig, da genügt auch die böse Andeutung. Von einem "Cannibal Ferox" (im Gegensatz zu "Cannibal Holocaust" ein substanzloser Schundfilm, dem man aber einen gewissen kranken Unterhaltungswert nicht absprechen kann) ist Lenzi hier also noch weit entfernt. Und wenn ich schon am Plaudern bin (eine richtige Filmrezension wird das hier ohnehin nicht mehr): Lenzis blutrünstigen "Incubo sulla città contaminata" ("Großangriff der Zombies") finde ich wiederum kultig, das ist ein unterhaltsamer, schundiger Zombiefilm.

Ein großes Argument für "Roma a mano armata" ist fraglos, wie so oft, Tomás Milián als Vincenzo Moretto, alias der Bucklige (Il Gobbo), in seiner, etwas überzeichneten, Rolle des Geächteten, Verhöhnten, dessen unbändiger Hass auf eigentlich alles und jeden sich irgendwann in einem wüsten Amoklauf entlädt.
Ein großer Schauspieler, der sogar die teils sehr klamaukigen Fortsetzungen der "Superbulle"-Reihe zu etwas Sehenswerten macht. Schon sehr speziell, wie er voller Schicksalsergebenheit und vor allem Verachtung die Patrone hinunterwürgt, die ihn "Die Viper" (Merli) zu schlucken zwingt.

Ivan Rassimov gibt gekonnt einen so smarten wie widerlichen Drogenhändler, dessen Rolle aber ruhig noch die eine oder andere Szene hätte vertragen können.

Irgendwie bin ich mit Maurizio Merli als Commissario Ferro nicht so richtig warm geworden. Er ist kein schlechter Schauspieler, aber hier doch oft zu ausdrucklos, ohne dabei z.B. über die interessante, granitene Fresse eines Charles Bronson zu verfügen.
In einigen, wenigen Szenen konnte ich jedoch immerhin etwas nachvollziehen, warum der - sehr früh verstorbene - Merli als Polizist am Rande zur Selbstjustiz (und darüber hinaus) in diversen Poliziotteschi so gefragt war. Da teilt sich der raubeinige Charme doch mit, unter dem auch immer ein wenig der Konservative (wie bei Merli im richtigen Leben) und eigentlich auch Spießer hervorschimmert.

Als Anhänger des alten Italo-Kinos wird man in Sachen Nostalgie bei "Roma a mano armata" allerdings voll bedient. Der Auftakt mit den langen Kamerafahrten durch das geschäftige Rom zu  prägnanter Musik zieht einen sofort ins Geschehen, ins Rom der Mittsiebziger, und die Orientierungslosigkeit die sich beim Zuschauer bei der wilden Fahrt durch das Dickicht der Stadt bald breit macht, gibt vielleicht auch ein wenig der Halt- und Orientierungslosigkeit der italienischen Gesellschaft jener Tage Ausdruck.
(Zu den tatsächlichen und vermuteten Hintergründen der Poliziotteschi-Welle - die teils entfesselte Kriminalität in den italienischen Großstädten, die wirtschaftliche Krise, der Terror der "Brigate Rosse", der Wunsch vieler nach einfachen, radikalen Lösungen, die hier zumindest in Filmen angeboten wurden, von Polizisten, die nicht mehr den schwachen Gesetzen bzw. deren schwacher Umsetzung gehorchen, sondern brutal in Eigeninitiative die Angelegenheiten bereinigen - wurde ja schon genug geschrieben.)

Wie es manchmal so ist - ich bin mit (vielleicht zu) hoher Erwartung an "Die Viper" herangegangen und wurde milde enttäuscht, der Funke will nicht so recht überspringen. Aber das geht mir mit den meisten Filmen Lenzis so (große Ausnahme: "Il trucido e lo sbirro"/ "Das Schlitzohr und der Bulle" - den finde ich fabelhaft). Dennoch, ein unterhaltsamer Film, der immerhin auch in einem nachwirkt, eine Bewertung von 7 von 10 ist allemal vertretbar.   

Mir zu bedenken gebe ich nämlich auch, dass ich den Film in der deutschen Synchro geschaut habe, gerade Merlis Sprecher kann da nur bedingt überzeugen. Die englische Synchro gefällt ebenso nicht besser. Die italienische Tonspur bietet die (wirklich recht gute) New-DVD aber auch. Mein Italienisch ist überhaupt nicht der Rede wert, dass gerade Merli doch um einiges interessanter betont, als es die Synchronisationen vermitteln, ist aber eindeutig.

Details
Ähnliche Filme