Mit dem Poliziottesco - Genre habe ich wie bereits öfter erwähnt lange gehadert: Filmgewordene Copaganda ist grundsätzlich immer ein zweifelhaftes Vergnügen und meine Erstbegegnung mit dem Genre - "Eiskalte Typen auf heißen Öfen" - war seinerzeit so dermaßen ernüchternd öde, dass der Film lange Zeit von mir links liegen gelassen wurde. Nicht mal im Giftschrank war mehr Platz für das Genre. Bei mir zumindest nicht. Moment mal, ist meine gesamte Filmsammlung bis hier hin nicht schon ein Giftschrank für sich? Naja, das kann man besser an anderer Stelle behandeln. Jedenfalls:
Jahre später, auf dem selben Flohmarkt, wo ich den grandiosen "Racket" von Enzo G. Castellari auf Vorschlag eines ähnlich getakteten und dort anwesenden Filmfans erstanden habe, beschloss ich, dass das Genre, dass mir den grandiosen "Syndikat des Grauens" beschert hat (übrigens ebenfalls ein Fund auf dem selben Flohmarkt) eine faire Chance verdient hat. Zum Glück habe ich direkt nach "Die Viper" mit "Racket" nachgelegt, "Die Viper" ist nämlich eher ein Eurocrimestreifen aus der Kategorie "aqquired Taste" und für Neulinge nicht zwangsläufig das Gaspedal zum Durchtreten. Drei Dinge hat mir der Film aber sehr wohl sehr schmackhaft gemacht: Umberto Lenzis Regie, Dardano Sachhetis Stories und Maurizio Merlis Schauspiel.
Letzterer gibt hier als Komissar Leonardo Tanzi von Anfang an so dermaßen Gas, dass die deutsche Synchronfassung den eisenharten Mackerbullen spontan in "Lenny Ferro" umtaufen. Richtig, Merli kriegt hier den Fanspitznamen "Kommissar Eisen" in die Stirn gehämmert, den er im Deutschen noch einige weitere Male tragen darf. klingt auch krasser als Tanzi, wenn ich das mal sagen darf. Der Wüterich im Namen der Gerechtigkeit nimmt zu Beginn gleich mal mit seinen Kumpels ein illegales Franzmannkasino auseinander und lässt sich dessen Chef Ferrender durch die schnauzbärtigen Lappen gehen. Etwa zeitgleich hat der Pornobalken der Justiz aber auch ordentlich Malesse mit dem Hehler, Dealer und kleinkriminellen Rundrückenträger Moretto, der sich langsam aber sicher auf der kriminellen Karriereleiter der Stadt hochzuzappeln versucht und daher in Ferrenders Geschäftsbereich wildert. Sehr zum Leidwesen aller Beteiligten.
Genreüblich agiert Merli aka Tanzi alias Ferro knietief in der Grauzone seines Berufes, ironisch, bedenkt man, dass aus seinen Ermittlungen viele potenzielle Täter grün und blau hervor gehen und letzteres leider nicht vom Grappa. Da man 1976 das Problem der Polizeigewalt zumindest auf der Leinwand noch geheuchelt ernst nahm wittert der inkonsequente Chefermittler Ruini (kein Wunder, dass Rom in dem Film den Bach runter geht!) ein laufendes Problem in Ferro, der erst seine weichgespülte Pädagogenfreundin gesundpöbeln und einen Bankraub vereiteln muss, um sich zu rehabilitieren.
Ein interessantes Moralkonstrukt haben sie da, Herr Lenzi: Unser blonder Racheengel mit dem Stahlscheitel ist mir per se nicht unsympathisch, wenn er Vergewaltiger Flipperkugeln fressen lässt und so mancher Dealerkannalie etwas nötigen Menschenverstand eindrischt. Aber auch Spitzel darf man hier straflos erpressen und kriminelle Zeugen nach Herzenslust verprügeln, ohne dass es einen nennensweten Aufschrei gibt. Moralischer Tiefpunkt des Filmes: zwei Handtaschendiebe sterben frisch entlassen bei einem Verkehrsunfall und Ferro wirft seiner Freundin, der Sozialarbeiterin beider, deren Tod vor. Argument: Im Knast wäre das mangels Wiederholungstat, Fluchtmöglichkeiten und Feierabendverkehr nicht passiert. Aber ich kann ja bekanntlich über solche menschliche Abgründe lachen. Solange sie fiktiver Natur sind versteht sich.
Der Legende nach soll Merli übrigens vor Wut das Kino verlassen, gar geweint haben, als er bei einer Vorführung feststellte, dass das Publikum mehr Sympathien mit Ersatzbankmafiosi Tomas Milian alias Moretto hat als mit seiner Figur. Der spielt hier übrigens eine Art Julio Sacchi im Endstadium und schnürt damit eines der grandiosesten Ekelpakete des Subgenres. Und das so gut, dass der alte Höckerrömer einige Jahre später nochmals mit dem ebenfalls populären Kleinkriminellken Monezza (ebenfalls eine Tomas Milian - Figur) als Brüderpaar den schwarzhumorigen "Die Kröte" runterrocken durfte. Mit Recht: Der bucklige Bastard ist eine Figur, die man zu hassen liebt, den man aber auch stellenweise mehr als bemitleiden darf, wenn er vom Merli brutalisiert zum Toilettensuizid ansetzt. Zumindest so lange, bis er Merlis Figur und uns Zuschauern die Berechnung hinter dieser Tat geradezu ins Gesicht spuckt.
Auch, wenn er nicht mein definitiver Favorit im Subgenre ist hat "Die Viper" (Im Film übrigens konsequent falsch "Vieh - Per" ausgesprochen), meine Sympathien. Der Film, nicht die Figur. Auch wenn Merli total unsympathisch durch den Film poltert und grundlos die Fäuste und fremder Leute Zähne fliegen lässt will ich dem Film seine inszenatorischen Stärken nicht abstreiten. Gerade das Dachfluchtszene zwischen Merli und Lenzi - Stammdarsteller Ivan Rassimov gehört zu meinen liebsten szenischen Kleinoden jenseits des schiefen Turmes und die diversen Schießereien, Verfolgungsjagden und Prügelexzesse sind angenehm schmucklos und ungeschnörkelt. Bei Rassimovs Mord an seiner süchtigen Geliebten spannt Lenzi gar kurz die alten Giallomuskeln an, die im richtigen Licht und mit ordentlich Schmiere aufpoliert immer noch sehr schnieke glänzen. Lediglich der Umstand, dass Lenzi episodisch und mit angezogener Handbremse durch den Film fährt statt mit durchgetretenem Pedal loszubrettern lässt den Film etwas zäh wirken. Wer den Film als Eurocrimeeinstieg wählt sollte das passende Gegengift zum Schlangenbiss parat haben (meint hier: Kaffee), erfahrene Genrejünger hingegen können sich auch getrost einen Vino gönnen. Wobei: Schönsaufen muss man sich hier nichts.