Stühlchen wechsel dich
Obwohl sein „Targets“ ebenfalls ein früher, richtig geiler Film ist, war „The Last Picture Show“ ohne Zweifel Peter Bogdanovichs Durchbruch und der imposante, epische wie intim-sensible Auftakt seiner kreativsten Phase, für ein paar absolut magische Jahre in seinem Schaffen. Erzählt wird in dem damals mit die 50er-Nostalgie einläutenden Klassiker von verschiedenen Heranwachsenden in einer abgeschiedenen US-Kleinstadt, ihrer Suche nach Partnern, süßen wie bitteren Erfahrungen, im Bett wie im Herzen - und ihren womöglich vorgezeichnet zu scheinenden Lebenswegen in einer Scheidephase…
Heiß am Style
„The Last Picture Show“ ist zusammen mit „American Graffiti“ sicher als (kommerzieller) Startschuss für so vieles in Hollywood zu sehen. Die 50er-Welle damals. Brillante Soundtracks durch das filmische Radio. Die Stilaufnahme von vorausgegangenen Jahrzehnten. Ensembledramas über Teenager vor schwerwiegenden Entscheidungen und auf der sexuellen Pirsch. Doch nie wurde all das feiner vermischt und ausbalanciert als es Bogdanovich hier tut. Seine Darsteller (u.a. ein blutjunger Jeff Bridges) machen einen ikonisch guten Job. Natürlich, mutig, intensiv. Der Umgang mit Sex, Nacktheit, Tabus, Beziehungen, Altersunterschieden - 1A! Und mit breiter Brust, selbst für die Siebziger. Die klassische Rock & Roll-Songauswahl ist meisterhaft. Die Bildsprache ist wunderschön und elegant. Es gibt auch ein besonderes Gefühl für Filmfans durch viele Kinoausflüge innerhalb des „Liebeskarussells“. Man spürt Bogdanovichs Filmnerdigkeit. Es gibt Hoffnung, es gibt Traurigkeit, es gibt Kummer, es gibt Liebe. Über eine zugeknöpfte Generation, die hinter diesen verschlossenen Türen eine Menge Scheiss, Sauereien und Probleme hatte. Niederschmetternd zum Teil, aber nie abstoßend oder ganz verloren. Man spürt von Beginn an die Klasse, die Intelligenz, den Charme. Und das geht von den Hommagen über die Dialoge bis zu seiner Melange der Themen, Gefühle, Dekaden. „The Last Picture Show“ verhalf Hollywood in eine neue Ära. Er feiert die Vergangenheit, ohne sie zu glorifizieren. Einfach sehr, sehr gut. Eine Wohltat, gerade in der heutigen oft hyperaktiven und oberflächlichen Zeit. Kleine Gesten, scheue Blicke, zerbrechliche Freundschaften, klaffende Altersunterschiede, freie Liebe, stürmische Kleinstadtzeiten… was soapig klingt, bricht im Grunde einige der krassesten und stärksten Charaktereigenschaften der USA herunter. Und weiter gedacht des Menschen allgemein. „The Last Picture Show“ ist ein Wirbelwind der Gefühle.
Zeitlosigkeit neu definiert
Fazit: Sex, Scheuklappen & andere Attraktionen. In den 50ern. Mit den Sensibilitäten der 70er. In prachtvollstem Grau-Weiß. „The Last Picture Show“ ist die stilvollste Sexklamotte aller Zeiten. Und selbstredend ist das natürlich nur eine freche, augenzwinkernde Simplifizierung und Übertreibung. Bogdanovich ist hier wahrhaft Großes gelungen, das weit über Höschen, Entjungferungen und Nacktpoolparties hinausgeht. Und ewig bestehen wird. Das spannt den Bogen von Welles bis „American Pie“ - und das will was heißen…