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„Men in Black“ ist ein Sammelsurium von skurrilen Ideen und verrückten Einfällen. Vor allem ist es aber eine perfekte Symbiose aus Mainstream und Eigenstil, was schwer genug ist, da der Mainstream bekanntlich nur selten Eigenstil zulässt. Nun hat aber auch der Blockbuster-Kinogänger die Möglichkeit, mal einen Film mit eigenem Charakter zu sehen, was prompt mit überwältigenden Zuschauerzahlen belohnt wurde.

Die Idee ist bekannt: die „Men in Black“ sind eine hochgeheime Kontrollorganisation, deren Aufgabe es ist, die Präsenz Außerirdischer auf der Erde geheimzuhalten. Denn bekanntlich ist der Mensch als Individuum intelligent, als Masse jedoch hochgradig reaktionär. Würde das große Geheimnis an die Öffentlichkeit gelangen, käme es unweigerlich zum Supergau.
Nun befindet sich die Organisation in einer Problemsituation: eine Schabe, eine Urgestalt des Bösen, ist auf der Erde gelandet und sucht hier nach dem so genannten „Band des Orion“, welches sich als der Schlüssel zur totalen Vernichtung der Erde herausstellt. Man benötigt Verstärkung. Ein New Yorker Cop (Will Smith) scheint der Richtige für den Job zu sein...

Auf einem Comic basierend, zeichnet sich die Herkunft von Barry Sonnenfelds SciFi-Komödie speziell in dem metallisch-weißen Look ab, der das Geschehen durchzieht. Perfektion, Sauberkeit und Sterilität sind die Eckpfeiler der Atmosphäre und geben die Arbeitsmethode der stets korrekten Männer in schwarz (benannt nach ihrer Kleidung, Anzüge in reinem Schwarz, das dunkler als das All erscheint) wieder. Von dieser werden wir auch gleich in der ersten Szene Zeuge.

Zuvor aber konzentriert sich die Kamera während des Vorspanns, unterlegt von der inzwischen zum Markenzeichen gewordenen schnellen und etwas kauzigen Taktfolge des Scores, auf eine einzelne Libelle, die vor sternenbehangenem Nachthimmel eine Landstraße überfliegt. In einer einzigen Einstellung weicht die Kamera nie von dem animierten Kleintier und verfolgt akribisch dessen Flugbahn. Diese verläuft wie eine penibel geplante Choreografie, die inmitten der Silhouette des gleißenden Mondes ihren Klimax erlebt. Der Zuschauer verfolgt die Verhaltensweisen der Libelle hypnotisiert, konzentriert sich also voll und ganz auf einen Vorgang, der im Rahmen des gesamten Geschehens auf der Welt an Bedeutungslosigkeit kaum zu übertreffen ist. Und doch verharrt die Kamera auf diesem flatternden Ding. Sonnenfeld wählt hier eine Einleitung, die der schwebenden Feder aus Zemeckis' „Forrest Gump“ gar nicht so unähnlich ist. Beide Szenen dokumentieren die Philosophie, die im folgenden noch weiter thematisiert wird. Hier das Individuum als vom Zufall gesteuerter Partikel (der durch Windstöße angetriebene Flug der Feder, welcher genau vor Gumps Füßen endet), da die Relativität von Bedeutung (für Sekundenbruchteile steht ein kleines Insekt im Fokus).

Was schon hier angedeutet wird, stellt sich später als zentrale Prämisse heraus: die Verhältnismäßigkeit. Sonnenfeld bemüht sich, dem Zuschauer die eigenen Imaginationsgrenzen vorzuhalten, zu zeigen, dass auch das Unvorstellbare möglich ist. Nur so kann er überhaupt plausibel erklären, dass sich tausende von Aliens auf der Erde tummeln und in „Menschenkostümen“ inkognito unter uns weilen. Es wird das „Wieso nicht?“-Prinzip ausgefahren, demzufolge bestehende Kuriositäten unserer wirklichen Welt dazu verwendet werden, um sie als kausale Folge für das im Film vorgestellte Konzept auszulegen. Das hatten wir später auch noch mal: In „Matrix“ etwa wurde das Déja-Vu, ein wirklich seltsames Phänomen, als Fehler der Matrix vorgestellt. In „Men in Black“ ist es nicht ganz so subtil und raffiniert, dem komödiantischen Charakter des Films zufolge aber um so witziger: Menschen, von denen man schon immer gedacht hat, dass sie von einem anderen Planeten stammen müssen, sind aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich Außerirdische! Jeder Zuschauer kennt sicherlich aus seinem eigenen Umfeld die ein oder andere merkwürdige Person; ersatzweise werden aber auch noch ein paar Promis (Michael Jackson, Sylvester Stallone...) als Außerirdische hingestellt.

„Men in Black“ ist eigentlich ein Special Effects-Film, hat aber ausgehend von oben genannter Konzeption auch ein paar tolle Masken zu bieten. Während die Aliens in ihrer wirklichen Erscheinungsform normalerweise per Computer animiert wurden, sind sie als Menschen maskiert das heimliche Highlight des Films. Teilweise heuerte man Menschen mit ungewöhnlicher Knochenstruktur an (der riesige Mann mit der Glatze), teilweise verwendete man Maskenteile (Vincent D'Onofrio) oder einfach Make-Up und seltsame Mimik und Gestik (illegaler Einwanderer). Wie auch immer es nun bewerkstelligt wurde, das Endresultat sieht jederzeit erschreckend nach Alien in Menschenform aus – und dazu noch lustig.

Eine erste Geschmacksprobe bekommt man in der anfangs angesprochenen ersten Szene des Films, in der die Methoden der „Men in Black“ vorgestellt werden. Die Migrationsproblematik, die zumindest in diesem ersten Teil auch teilweise im übertragenen Sinne angesprochen wird, kommt hier auch direkt zur Sprache. Ein illegaler Einwanderer erweist sich als Alien. Und nun kommen gleich mehrere Aspekte zur Einführung. Erstens: auf höchst beeindruckende Weise wird der aktuellste Stand der CGI-Technik vorgeführt. Zweitens: wir lernen die Praktiken der titelgebenden Vertuschungsmitglieder kennen, wenn mal was schief läuft. Mit höchster Sorgfalt wird das ganze Gebiet sterilisiert, alle Zeugen werden „geblitzdingst“. Hier wären wir bei Nummer drei: die in „MIB“ verwendeten technischen Spielereien, die selbst James Bond vom Hocker hauen würden, erleben ihren Einstand. Viertens: Hauptdarsteller Nummer Eins, Agent K (Tommy Lee Jones) wird vorgestellt, mitsamt seiner stoischen Art. Und fünftens: Ein Generationenwechsel findet statt. K's alter Partner hört auf, und es wird Zeit für einen Neuen: Agent J (Will Smith).

Will Smith mimt einen impulsiven New Yorker Cop, der von seinem Wesen her das direkte Gegenteil der äußerst korrekten Geheimorganisation darstellt, für die er nur zufällig zum unfreiwilligen Bewerber wird. Als Partner des verschlossenen K liegt dann auch das klassische Buddykonzept nahe, welches aber geschickt umgangen wird. Es ist nicht – zumindest nicht wirklich – diese typische Entwicklung von „Erst hassen wir uns, aber morgen lieben, schätzen und ergänzen wir uns“ zu finden. Keiner von beiden wird zur Kooperation mit dem anderen gezwungen; beide wollen es so. K, weil er glaubt, dass J trotz seines unpassenden Charakters die besten Anlagen für den Job hat; J, weil er die Wahrheit wissen will (wieder eine Parallele zu „Matrix“). Das sind ganz andere Voraussetzungen, auch wenn das Konzept des „seltsamen Paars“ ansonsten beibehalten wird.

Bleibt die Substanz der Story in ihrer Beschränkung auf das Abwenden der Vernichtung der Erde doch ziemlich leer, strotzt die Umsetzung ganz im Kontrast dazu vor lauter Einfälle. Die Jagd nach der Schabe gestaltet sich jedenfalls sehr abgedreht. Wie in einer witzigen Variante von „Akte X“ verfolgen K und J die Spuren des Ungetüms und leiten sie von einem Ort zum anderen. Abgeklappert werden dabei unter anderem Leichenhallen, Waffenschmuggler, die Frau des verwandelten Edgars, Kioskverkäufer mit sprechenden Hunden und anderes. Zwischendurch gibt es Schnitte auf die Machenschaften der Schabe im „Edgar-Kostüm“. Vincent D'Onofrio sei dabei ein besonderes Lob ausgesprochen. Mit schrägen Gesichts- und Gliederverrenkungen stellt er den Zerfall der Außenhülle und die darunter brodelnde Ungeziefergestalt perfekt dar.
In der Leichenhalle stößt man dann auf Linda Fiorentino, deren Rolle leider zu konventionell bleibt und in das ansonsten recht innovative Grundgerüst nicht so recht hineinpassen mag. Sie wird Mittel zum Zweck, was leider nicht besonders überraschend ist.

Aber das macht nichts, denn der Gesamteindruck zählt. Und obwohl alles wie aus dem Ei gepellt wirkt, ist ein ganz spezifischer, aufregender Stil zu erkennen. Das Finale setzt noch mal eins drauf, denn die Schabe ist ein widerliches, sehr schön animiertes Riesenvieh von einem Endgegner. Der Kampf der beiden Agents gegen das gigantische Insekt gestaltet sich aufregend und wendungsreich, so dass man sich beinahe wünschte, er würde noch länger andauern.
Bezüglich der Frage, wieso ausgerechnet eine Schabe als Bedrohung der Erde ausgewählt wurde, müssen ja eigentlich nicht mehr viele Worte verloren werden. Ich sage nur: „Size doesn't matter“.

So ist Barry Sonnenfelds Komödienerfolg des Sommers 1997 eine kurzweilige Knallbombe, die vor lauter schräger Figuren nur so strotzt und deren Special Effects wirklich aufrichtig Spaß machen. Getragen wird die skurrile Alien-Verfolgungsjagd durch zwei bestens aufgelegte Hauptdarsteller, bei denen die Chemie einfach stimmt. Die abgedrehten Waffen und Geräte sowie die detailverliebte MIB-Zentrale tun ihr Übriges. Zwar ist „Men in Black“ Mainstream pur, aber mit einem eigenen Stil. Und das ist selten.

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