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Feinde können zweifelsohne Freunde sein. Aber können Jäger und Gejagter gleiche Feinde haben, wenn sie sich unmittelbar verfolgen? Auf den ersten Blick sieht man einen Widerspruch, im Kontext der epischen Breite von “American Gangster“ beleuchtet Regisseur Ridley Scott aber eindrucksvoll zwei Schicksale, die genau diese Prämisse demontieren. Der Ansatz von zwei Gegensätzen, die sich ähneln kennt man schon aus Michael Manns „Heat“, als Cop und Verbrecher quasi Brüder im Geiste sind.

Die Geschichte um den Afroamerikaner Frank Lucas (Denzel Washington), der vom Fahrer zum mächtigen Drogenbaron emporsteigt und die klassische Mafia in New York übertrumpft, erweitert das Genre jedenfalls um interessante Facetten, die Horizonte öffnen. Genau genommen ist ja die grundsätzliche Frage, weshalb das Leben eines Gangsters cineastisch verarbeitet werden sollte, durchaus legitim. Die Antwort wird hier im epischen Format gegeben.

Detective Richie Roberts (Russel Crowe) und eben Lucas bedienen das klassische Bild von Katz und Maus, die erst einmal tiefgründig charakterisiert werden. Wenige Aspekte sind ausgelassen, zwei Entwicklungen werden ausgebreitet und zugänglich gemacht. Wir befinden uns zwischen dem Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre, als der Vietnamkrieg in vollen Zügen läuft und die Korruption der Staatsgewalt in New York Hochkonjunktur hat.

Auch wenn sich die Wege der Protagonisten zunächst nicht kreuzen, gemeinsame Werte bringen beide nach oben. Lucas hat genauso wie Roberts feste Grundsätze, die er diszipliniert zu verfolgen versucht. Der Jäger widersteht den Versuchungen der korrupten Bereicherung, während der Gejagte erst zu jenem wird, weil er nicht dem Größenwahn verfällt. Lucas agiert aus dem Schatten und lernt von der klassischen Italo-Mafia, wie wichtig Organisation ist. Seine Firma funktioniert durch das Familienprinzip und die eigene Bodenständigkeit. "Blue Magic"-Heroin erreichte neue Standards, die hohe Qualität zu einem niedrigen Preis beinhalten. Bescheidenheit siegt. Der Stoff ist ungestreckt direkt aus Thailand, über militärische Transportwege gelangt das Heroin in die Staaten, wo es bald weit verbreitet ist.

Die Hauptfiguren teilen Selbstdisziplin, wodurch sie einen rapiden Aufstieg erleben. Der neue Drogen-Don auf der einen, der Leiter einer sauberen Drogensondereinheit auf der anderen Seite. Hinter dem Erfolg werden allerdings nicht die Kanten der Charaktere verborgen. Eine Art von Glorifizierung umgeht Ridley Scott durch die ausführliche Beleuchtung der Lebenswege, welche auch alle Schattenseiten implizieren. Man sieht die Probleme innerhalb der Familie, Wutausbrüche, Gewaltaktionen und sonstige Aussetzer, die der strahlenden Hülle von beiden Hauptdarstellern durchaus zusetzt. Trotzdem verleiht gerade Denzel Washington seiner Figur eine ungeheuere Ausstrahlung, die vieles verschlingt. Das Charisma des Teufels, wenn man so will.

In subtiler Manier erlebt man die Figuren auf ihren Fährten, die sich schrittweise überschneiden, wodurch das Duell immer mehr an Brisanz gewinnt, weil beide Asse im Ärmel haben. Schlussendlich stellt sich die Frage, ob er der gelebte Ehrenkodex auf beiden Seiten in Grenzsituationen noch aufrechterhalten werden kann. Zwei Charaktere werden getestet und auf ihre Wahrhaftigkeit überprüft. Die Dekadenz sitzt im Boot und dennoch bleibt die Spannung aufrechterhalten. Der Höhepunkt ist dann erreicht, wenn Gut und Böse sich direkt gegenübersitzen. Wir kennen das Knistern aus „Heat“, als die Gemeinsamkeiten von De Niro und Pacino am Tisch eines Cafes deutlich werden. „American Gangster“ ist jedoch keine plumpe Kopie des magischen Moments, beide Protagonisten unterscheiden sich durchaus, lediglich ihre eigene Ehre teilen sie – und dennoch gibt es den gleichen Nenner.

Sie haben einen gemeinsamen Feind. Lucas schon seit Kindestagen und Roberts im Rahmen seines Berufslebens. Korrupte Cops, die in New York wie ein Krebsgeschwür wuchern. An diesem Punkt spürt man eine gewisse Sympathie zwischen den Gegensätzen. Dann werden Feinde Freunde, weil ihre Überzeugungen harmonieren. Das klassische Bild von Katz und Maus wird auf eine neue Art und Weise eindrucksvoll zerstört. Urplötzlich jagen beide. (9/10)

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