Ridley Scott auf den Spuren von Coppola und Scorcese: Sein „American Gangster“ ist ein schickes Epos über eine Karriere im kriminellen Milieu.
Der titelgebende amerikanische Gangster ist Frank Lucas (Denzel Washington), im Jahre 1968 nur Handlanger einer lokalen Größe in Harlem. Frank ist nicht übermäßig ehrgeizig, doch als sein Boss an einem Herzanfall stirbt, übernimmt er dessen Position, um sie nicht weniger ehrbaren Gangster zu überlassen. Frank zeichnet sich von Anfang an durch Willen, Schläue und Prinzipien aus, die ihm zu einem Aufstieg verhelfen.
Ebenfalls auf dem aufsteigenden Ast befindet sich der Cop Richie Roberts (Russell Crowe), der nebenher noch Jura an der Uni büffelt. Richie ist mit mehr seinem Job als mit dem Eheweib verheiratet, was schon mal Scheidung und Sorgerechtsstreit nach sich zieht, aber der Cop hat ebenso wie Frank Schläue und Prinzipien. Ganz wichtig: Nicht in die eigene Tasche abzweigen, selbst bei der Sicherstellung von 1 Millionen Dollar Drogengeld.
Frank weiß den Vietnamkrieg zu nutzen: Er kauft dort direkt Drogen beim Hersteller, lässt sie übers Militär in die USA fliegen und kann doppelt so gute Ware zum halben Preis anbieten. Genau das erregt die Aufmerksamkeit einer Sonderkommission, der Richie vorsteht…
Im Vorfeld groß als Schauspielduell Washington vs. Crowe erwartet, wird die Vorentscheidung schon vom Drehbuch getroffen. Roberts ist als guter Saubermann mit Ehrgeiz einfach die uninteressantere Figur, zumal das Script ihm weitaus weniger Charakterisierung als seinem Gegenspieler zugesteht. Abgesehen von seiner Jobphilosophie und dem mal mehr, mal weniger wogenden Streit ums Kind erfährt man wenig Hintergrundfakten, was den Film leider zu seinen Ungunsten kippen lässt und etwas an Flair nimmt.
Im Gegensatz dazu ist Frank Lucas interessant gestaltet, wie die meisten Gangster der Hollywoodepen. Er sorgt für Familie und seine spätere Ehefrau mit großer Hingabe, ist aber auch bereit jemandem auf offener Straße in den Kopf zu schießen. Gleichzeitig erweist sich als cleverer Geschäftsmann, angefangen bei seiner Art des Drogenimports bis hin zu seinem Credo nicht aufzufallen. Gerade darin liegt auch die Tragik des Films: Als Frank diesen Grundsatz für einen Abend aus Liebe bricht, besiegelt er damit den Anfang vom Ende.
Als Gangsterbiopic auf wahren Begebenheiten basierend ist Ridley Scott mit „American Gangster“ ein trotz großer Lauflänge schön kurzweiliger Film gelungen. „American Gangster“ erfindet sein Genre nicht neu, die Erzählung erinnert an die Werke von eben Coppola und Scorcese, und dennoch langweilt „American Gangster“ zu keiner Sekunde. Allenfalls das Ende fällt etwas ab, da es so wirkt, als man habe nahezu krampfhaft versucht den beiden Hauptfiguren hier noch ein paar gemeinsame Szenen zuzuschustern, doch dies ist ebenso wie mangelnde Ausarbeitung Richies nur ein kleiner Kritikpunkt.
Auch die optische Präsentation kann „American Gangster“ eindeutig auf der Habenseite verbuchen: Die späten 60er und frühen 70er Jahre werden authentisch und stimmig eingefangen, der Vietnamkrieg stets im Hintergrund, schon allein deswegen, weil er die Grundlage für Franks Geschäft ist. Zudem spielt „American Gangster“ interessant darauf an, dass Frank in dieser Zeit als schwarzer Gangster in jene Regionen aufsteigt, die sich vorher die italienische Mafia und korrupte Cops teilten – Black Power mal auf etwas andere Weise. Dabei nimmt sich „American Gangster“ recht hart aus, Exekutionen und Auseinandersetzungen sind im Metier von Cops und Gangstern an der Tagesordnung, doch Scotts Film gleitet nie in oberflächliche Action ab.
Vom Drehbuch bevorzugt spielt Denzel Washington hier auch folgerichtig alle anderen an die Wand: Als verbrecherische Verkörperung des American Dream ist er einfach große Klasse. Russell Crowe macht dann das Beste aus seiner Rolle, muss aber ganz klar die zweite Geige spielen. Das macht er aber doch überzeugend und kann gegen Washington immerhin überzeugend bestehen. Da kommt der Rest der Besetzung recht kurz, auch bekannte Leute wie Cuba Gooding Jr., Armand Assante und Josh Brolin werden auf die Ränge verwiesen, doch das Ensemble der Nebendarsteller leistet durchweg gelungene Arbeit, um die beiden Hauptdarsteller zu supporten.
Unterm Strich ist „American Gangster“ stilvolle, spannende und kurzweilige Kinounterhaltung. Das Rad wird nicht neu erfunden, die Cop-Hauptfigur kommt leider ein wenig zu kurz, doch sonst überzeugt Ridley Scotts Gangsterepos voll und ganz.