„Scott´s men"
"Männer haben´s schwer, nehmen´s leicht / außen hart und innen ganz weich / sind als Kind schon auf Mann geeicht / wann ist ein Mann ein Mann"
So besang der deutsche Popstar Herbert Grönemeyer Mitte der 1980er Jahre äußerst erfolgreich das „starke Geschlecht". Dass zahlreiche Filme des Starregisseurs Ridley Scott wie die filmische Umsetzung der Grönemeyerschen Statements in „Männer" anmuten, mag zunächst recht abwegig erscheinen.
Oberflächlich betrachtet liebt Scott den Genrewechsel. Ob historische Epen (Gladiator 2000, 1492 1992), Science-Fiction (Alien 1979, Blade Runner 1982), Horror (Hannibal 2001), Kriegsfilm (Black Hawk Down 2001) oder Romanze (Ein gutes Jahr 2006), Scotts Oeuvre weist eine unglaubliche Bandbreite und Vielfalt auf. Schaut man allerdings genauer hin, stellt man sehr schnell fest, dass zahlreiche seiner Filme um die simple Frage kreisen - und hier sind wir wieder bei Grönemeyer - : „Wann ist ein Mann ein Mann?"
Kurz: Scott dreht mit Vorliebe „Männerfilme" für ein erwachsenes (eben vornehmlich männliches) Publikum. Dieses „Genre" teilt er sich seit Jahren beinahe konkurrenzlos mit Michael Mann (u.a. Heat 1995, Miami Vice 2006) und Martin Scorsese (u.a. Casino 1995, Departed 2006). Häufig geht es dabei um einsame Männer, die fast ausschließlich für eine Aufgabe, Mission oder Bestimmung leben und ihren Weg humor- und vor allem kompromisslos verfolgen, komme was da wolle („...Männer sind einsame Streiter, müssen durch jede Wand müssen immer weiter ..."). Diese Männer definieren ihr Mannsein meist durch einen ureigenen (Ehren-)Kodex, der sie außerhalb der Gesellschaft bzw. der sie umgebenden Gemeinschaft stellt. Ob der Replikantenjäger Deckard, der römische Tribun Maximus, der Serienkiller Hannibal Lecter oder der Entdecker Christoph Kolumbus, Scotts Film-(Männer) leben und handeln stets nach ihren ganz persönlichen Regeln.
Sein neuestes Werk American Gangster macht da keine Ausnahme. In einer fast den gesamten Film umfassenden Parallelmontage entwirft Scott das Bild zweier auf den ersten Blick völlig konträrer Charaktere.
Hier der vom einfachen Leibwächter zum unumschränkten Drogenkönig von Harlem aufsteigende Afroamerikaner Frank Lucas (Denzel Washington). Äußerlich und privat ein Gentleman („ ... Männer bestechen durch ihr Geld und ihre Lässigkeit ..."), baut er in kürzester Zeit mit Ideenreichtum, Brutalität, tödlicher Entschlossenheit und Zielstrebigkeit ein Drogenimperium auf, das sogar die ortsansässige Mafia ins zweite Glied rückt.
Auf der anderen Seite der bullige Richie Roberts (Russel Crowe) („... Männer haben Muskeln, Männer sind furchtbar stark ..."). Der Drogenfahnder ist privat ein Rüpel, zu längeren (zwischenmenschlichen) Beziehungen unfähig und auch äußerlich eindeutig das Gegenstück zum stilvoll-eleganten Lucas. So selbstkritisch wie lapidar stellt er bei der Gerichtsverhandlung um das Sorgerecht für seinen Sohn fest: „Ich bin kein Umgang für ein Kind" - und verlässt fluchtartig den Saal. Als Polizist allerdings, ist er über jeden Zweifel erhaben. Unbestechlich, gesetzestreu und geradlinig, wirkt er wie ein Fremdkörper innerhalb der durch Schmiergelder, Mitwisser- und Komplizenschaft völlig korrumpierter New Yorker Polizei.
Beiden gemeinsam ist ihr ureigener Ehrenkodex, Antrieb und Motor ihres gesamten Tuns. Integrität, Ehre, harte Arbeit und eiserne Disziplin sind Werte nach denen beide leben („ ... Männer stehen ständig unter Strom / Männer baggern wie blöde ..."). Nach dieser Formel führt Lucas sein „Geschäft" und nach selbiger bringt Roberts ihn schließlich zu Fall. So gesehen sind die beiden Protagonisten Seelenverwandte, allerdings scharf getrennt durch das Gesetz. Michael Mann in Heat und Martin Scorsese in Departed haben dieses Sujet bereits eindrucksvoll abgehandelt.
Denzel Washington hat dabei den dankbareren Part, da Frank Lucas die weitaus interessantere Figur darstellt. Terrierartig ermittelnde Cops mit völlig zerrüttetem Privatleben tauchen nicht gerade selten auf der Leinwand auf. Ohnehin wurde Richie Roberts Rolle erst auf Drängen Russel Crowes ausgebaut, der wohl nicht so eindeutig die zweite Geige hinter seinem Costar spielen wollte. Dem Film hat es letztlich geschadet. Crowes Charakter ist einfach zu farblos, um als gleichwertiger Gegenpart des schillernden Lucas über die gesamte Lauflänge zu funktionieren. So überrascht es kaum, dass Washington dem Film seinen Stempel aufdrückt und damit erneut unter Beweis stellt, einer der besten Schauspieler seiner Generation zu sein. Inwieweit seine Treffen mit dem realen Frank Lucas dazu beigetragen haben, sei einmal dahin gestellt. Washingtons Lucas jedenfalls ist so bedrohlich wie charmant und stets auf seine jeweilige Aufgabe fixiert, egal ob er mit seiner Familie ein mondänes Thanksgiving feiert, oder einen Rivalen auf offener Straße kaltblütig hinrichtet („ ... Männer sind allzeit bereit ...").
Dramaturgisch gerät American Gangster vor allem in der ersten Hälfte ein ums andere Mal ins Stottern. Zu unspektakulär und zu sprunghaft wird der Aufstieg Lucas zum Unterweltboss erzählt. Auch über das hochinteressante Thema der inneren Logistik von Franks „Organisation" erfährt man eher wenig. Immer wieder bremsen die Szenen um Richie Roberts Erzählfluss und Spannungsbogen aus. Erst in der zweiten Hälfte nimmt der Film Fahrt auf, gewinnt an Atmosphäre und Dichte, wenn sich die beiden Gegner aufeinander zubewegen, wenn sich die Schlinge um Lucas immer enger zieht, bis es schließlich zum Aufeinandertreffen von Jäger und Gejagtem kommt.
Zudem mag man bemängeln, dass Scotts Film das epische Moment fehlt, welches vergleichbare Werke wie Casino oder Der Pate (1971) auszeichnet. Trotz einer ausgezeichneten Kameraarbeit und einer bis ins letzte Detail historisch korrekten Ausstattung - die Filmhandlung erstreckt sich von den späten 1960er bis in die frühen 1980er Jahre - fehlen große Bilder, die das dramatische Geschehen visuell umsetzen und untermalen. Das ist umso überraschender, da hier eigentlich eine von Scotts Stärken liegt.
Eine andere ist sicherlich der Historienfilm. Vor allem 1492 und Königreich der Himmel (2005) atmen regelrecht historische Authentizität. Und hier kann auch American Gangster auf ganzer Linie überzeugen. Ähnlich wie David Fincher in Zodiac (2007), gelingt es auch Scott, den Zeitkolorit der 60er und 70er Jahre perfekt auf die Leinwand zu bringen. Das ist nicht unwichtig, schließlich handelt es sich um eine wahre Geschichte. Sämtliche Hauptcharaktere und Ereignisse sind Teil der Zeitgeschichte und damit hinsichtlich Darstellung und Wahrheitsgehalt überprüfbar. Man merkt Scott deutlich an, dass er hier keinen Fehler machen wollte. Ohnehin gilt er als Detail-besessen was Ausstattung und Recherche betrifft.
Am Ende steht ein historisch korrektes Männerdrama, das dramaturgische und atmosphärische Schwächen aufweist. Eine klarere Konzentration auf den titelgebenden Frank Lucas hätte dem Film besser zu Gesicht gestanden, zumal er hier eindeutig seine stärksten Momente hat. Denzel Washington spielt den facettenreichen Unterweltboss gewohnt charismatisch, Russel Crowe wirkt etwas lustlos in seiner doch recht stereotypen Rolle.
American Gangster ist immerhin noch ein überdurchschnittlicher Genrefilm geworden, ohne allerdings die modernen Klassiker (Der Pate und Casino) zu erreichen. Trotzdem hat er gute Chancen, Brian de Palmas Scarface (1983) als Kultfilm vieler Afroamerikaner abzulösen. Frank Lucas dürfte ob seiner Hautfarbe und (historisch belegbarer) „Leistungen" in den einschlägigen (Hip Hop) Kreisen auf noch weit mehr Resonanz und Gegenliebe stoßen, wie der filmische Latino-Gangster Tony Montana.
Männerfilme hat Scott schon bessere gedreht. Herbert Grönemeyers „Hauptfrage" - „Wann ist ein Mann ein Mann?" - beantwortet er in gewohnter Marnier, ohne allerdings neue Akzente zu setzen. Filmische Charakterstudien einsamer Männer, die sich nur sich selbst und einem inneren Ehrenkodex verpflichtet bzw. verantwortlich fühlen, sind uns von Michael Mann und Martin Scorsese schon fesselnder vermittelt worden. Vielleicht ist inzwischen die „Kombination" Grönemeyer - Ridley Scott nicht mehr zeitgemäß. Vielmehr scheint ein anderer deutscher 80er-Hit Scotts Dilemma besser zu beschreiben: Ina Deters. „Neue Männer braucht das Land." Oder anders ausgedrückt: Neue Regisseure braucht der Männerfilm.
(6,5/10 Punkten)