Ein Außenseiter mit Gehörschaden an einem Kleinstadtgymnasium, ein Lehrer mit einem mysteriösen Stille-Experiment, ein seltsamer Giftmord im schulischen Umkleideraum – das sind die Elemente, die Andreas Kleinerts „Freischwimmer“ in die Richtung des Genres Thriller treiben und doch entzieht sich der Film des sonstigen TV-Regisseurs einer eindeutigen Zuordnung.
Bizarr ist wohl der gängigste Begriff, der dem Zuschauer in den Sinn kommen kann, wenn er sich auf dieses filmische Experiment einläßt oder es zumindest versucht, denn der Stilmix ist nicht dazu angetan, den Betrachter locker-leicht an der Hand durch die Geschichte zu führen.
Kleinert entfaltet von der Leinwand aus ein breitwandiges Panoptikum von Kleinstadttypen, deren Verbindungen untereinander sich erst nach und nach erschließen. Was zunächst nur schräg-skurile Figuren sind, bekommt mit zunehmendem Filmverlauf mehr und mehr Tiefe.
Ausgangspunkt ist eine Rettungsschwimmerprüfung, die für Rico mit seinem Hörgerät zunächst schlecht ausgeht, vor allem wenn man gegen den muskulösen Schulprimus schwimmt. Der jedoch erobert sich in der Umkleide durch das Recht des Stärkeren einen Liebesknochen, der eigentlich für Rico gedacht war und stirbt kurz darauf zuckend.
Doch traditioneller Thrilleraufbau ist hier nicht gefragt, der Plot mäandert im Anschluß in alle möglichen Richtungen: das blonde Schulmodel, ebenso rätselhaft wie arrogant, die detektivisch angehauchte Pastorin, die alle weltlichen Genüsse und Sünden durchprobiert, nur eben nicht predigt; die Apothekermama, die ein schlagkräftiges Verhältnis mit dem verhaßten Sportlehrer hat. Dazu ein Familientodesfall, der Jahre zurück liegt, ein jovial-bemühter Rektor, eine die Realitäten ständig ausblendende Musiklehrerin und nicht zuletzt der Kunstlehrer, der zwar vernünftig wirkt, aber mit einigen spinnerten Marotten daher kommt.
Wer wissen will, wie hier die Fäden wirklich miteinander verwoben sind, muß Geduld mitbringen, jedoch lohnt die Aufmerksamkeit an der Oberfläche durchaus. Immer zwingender und fokussierter, aber auch immer abgründiger wird die Handlung, Täter und Opfer sind bald lange nicht mehr klar definiert und nach und nach wird überdeutlich klar, das hier jeder noch eine Leiche im Keller hat – und wenn das nicht, dann kommt bestimmt vor Filmende noch eine dazu.
Aber was ist das fertige Produkt denn nun eigentlich. Schwer zu sagen, denn neben der Schilderung der Kleinstadtidylle (bzw. der scheinbaren) , verfällt Kleinert immer wieder in kritische Töne oder geht mit einer derart absurd-albernen Komik hausieren, das sich die Spannung in Gelächter löst.
Gleichzeitig hat die Inszenierung von Zeit zu Zeit etwas derart betont Theatralisches, das sich alles als reine Inszenierung für einen höhreren Zweck erweist.
Das ist wohl auch durchaus beabsichtigt, denn „Freischwimmer“ ist vor allem auch eines: Projektionsfläche.
Wichtig für die Figuren ist hier, wie es der Kunstlehrer ausformuliert, die Erschaffung eines Abbild des Lebens. Und so erscheint das ganze Geschehen, wie ein Modell des echten Lebens. Beherrschen doch auch Modelle den ganzen Film: Rico hat das Städtchen als Modelleisenbahnanlage über seinem Bett hängen, der Lehrer erschafft sich seine Klasse als aufmerksames Modell in der Werkstatt und die ganze Schule, die bezeichnenderweise auch noch Kafka-Gymnasium heißt, wirkt so, wie man sich eine Schule optisch vielleicht vorstellt, doch auf den zweiten Blick sieht man nur leere Gänge, tiefe Hallen, Bauteile, lebensferne Räume mit Tischen und Stühlen, Beton. Füllen muß das der Betrachter selbst mit Leben und mit Interpretationen, was das Ganze nun soll.
Doch genau hier scheitert „Freischwimmer“ : zu selbstverliebt gerät alles zum kunterbunten Mix, treffen pädagogische Kritik am Schulsystem auf Kleinstadtintrigen, kreuzen sich Sitcomdialoge mit derbem Familiendrama. Da werden biblische Anklänge laut und Eindrücke von David Lynch haben einen zeitweiligen Auffahrunfall mit der unheimlichen Gebäudeoptik eines Dario Argento.
Der Zuschauer wird von den vielen Wechseln stets in Unruhe gelassen und man nötigt ihm totale Aufmerksamkeit hat, Entschiedenheit oder eine klare Bildsprache sind aber bei einem Zusammentreffen von Theatralik, typischem Ernst und überhöhten Comedyskizzen nicht möglich.
Man kann sich vergnügen mit der Charakteren und die Darstellerleistung sind einzeln genommen mehr als beachtlich, wenn auch Frederick Lau als Rico darunter zu leiden hat, gleich nach die Welle wieder als Semi-Psycho durch einen Film taumeln zu müssen. August Diehl spielt abgründig, Fritzi Haberlandt als Musiklehrerin bestrickend in ihrer Naivität. Und eingefaßt ist das alles in einen wiederholten berühmten Dialog aus der Filmgeschichte, das berühmte „Ich liebe dich!“ – „Ich weiß!“, das schon Han Solo und Prinzessin Leia in „Das Imperium schlägt zurück“ austauschten, bevor es ernst wurde. Hier jedoch betritt man am Ende den Spiegel hinter dem Spiegel, scheint die Realität beim Happy End plötzlich auf den Kopf gestellt, rekapituliert ein gezeigter Film im Film den Anfang und eine neue Form von Modellrealität und Existenz, vielleicht die Echte, wer weiß.
Mit „Freischwimmer“ kann man eine Menge herumspielen und streckenweise ist der Film auch faszinierend, eine Erlösergeschichte, wenn man so will, wenn auch eine ungewöhnliche. Emotional, spannend. Doch es entsteht daraus leider kein kreatives Ganzes, sondern operatives, wenn auch unterhaltsames und zeitweise geniales Chaos. Leider bleibt Kleinert zwischen feinfühliger Bildsprache und innovativem Zitatekino auf dem Weg zu einem ganz neuen Rezept irgendwo stecken – das der Film das halbwegs überlebt, ist dabei die größte Leistung.
Die Perspektiven in den Kinos oder generell beim Publikum sind jedoch eher gering, auch wenn die pilgernden Schulklassen mit diesem Film mehr zu tun hätten, als in der sehr offensichtlichen „Welle“.
In diesem Fall zählt jedoch das individuelle Gefallen letztendlich alles – und da liegt der Film bei 7/10.