Was für ein Film! Bin selbst so ziemlich Filmfanatisch, doch dieser hat
es geschafft, dass ich meinen DVD-Player innerhalb einer Woche ganze 8
Male mit dem Streifen fütterte. Dieser Film kann auch Heteros sehr gut
gefallen, da diese Liebesgeschichte gekonnt in Szene gesetzt wurde und
einem vor geschmacklosen Eigenheiten bewahrt. Nur schade, dass dieser
Film trotzdem so unterging, als „Gayfilm“ abgestempelt wurde und somit
unverdienter Weise nur in der Schwulenszene bekannt ist. Heteros sind
in dieser Sache leider immer etwas zu vorsichtig. Es gibt nur sehr
wenige Streifen, die den Zuschauer mit einem so optimistischen
Lebensgefühl auf der Couch zurück lassen. Spontan fällt mir da nur
„Chungking Express“ ein. Wobei „Chungking Express“ einen sehr viel
schwierigeren Stil aufweist und das Ending nicht ganz so eindeutig in
Zweisamkeit endet. Womöglich hängt es aber auch da mit dem „The Mamas
& the Papas“-Sound zusammen.
Worum geht’s? „Jamie“ (Glen Berry), 16Jahre, wohnt mit seiner Mutter
„Sandra“ (Linda Henry) in einem Arbeiterwohnsilo, im Londoner Stadtteil
Thamesmead. Jamie wird in seiner Schule gehänselt und geht auch sonst
als Einzelgänger seine Wege. Mit seiner Mutter (Linda Henry) ist es ab
und an stressig, doch verstehen tun sich beide letztendlich gut. An
sich ist er glücklich, nur weiß er nicht so recht wohin mit sich
selbst. Für seinen gleichaltrigen Nachbarn „Ste“ (Scott Neal), der
recht beliebt, sportlich ist und gut aussieht, hegt er gewisse Gefühle,
die er aber sichtlich unterdrückt um nicht als „Schwuchtel“
durchzugehen. Bis eines Abends „Ste“ zuhause vermöbelt wird, von daheim
wegläuft und bei „Jamie“ vorübergehend aufgenommen wird. Zusammen
sollen sie in einem Bett schlafen, wogegen keiner der beiden etwas
einzuwerfen hat. Nach anfänglichem Herantasten und Ausfragen,
entwickelt sich ein Gefühl der Liebe zwischen beiden. Zuerst noch
unterdrückt, bekennen sie sich immer mehr zueinander.
Zur Abwechslung, wird hier das, für fast jeden problematische Outing,
nicht mit einer klischeebehafteten Story verbraten. Auch auf unnötige
Witze und Effekthascherei zum Thema Homosexualität wird verzichtet. Die
Darsteller sind allesamt, von der ersten Minute an, sympathisch und
überzeugend. Auch der Einbau von Nebenhandlung macht diesen Film nicht
so einseitig. Denn Jamies Mutter will ein eigenes Pub eröffnen und die
schwarze Nachbarin Leah (Tameka Empson), die mit ihren 16 Jahren auf
„Mama Cass“ (The Mamas & the Papas) abfährt, sich ganz gerne mal
voll dröhnt, und aus jeder Schule fliegt, die sie beginnt. „Mama Cass“
ist dann hier auch das Stichwort. Die leichte Atmosphäre bildet sich
wunderbar aus der durchgängigen Musik von Mama Cass, der Hitzewelle vom
Sommer 1995, dem Drehort, den liebenswerten Akteuren und dem
wundervollem britischen Humor zusammen. Hier stimmt einfach alles und
die Handlung tritt in keinem Moment unnötig auf der Stelle. Es ist kein
unnötiges Liebesgesäusel vorhanden und man wird hier auch nicht mit
dämlichen Sexszenen bedrängt. Das Ende ist durch und durch gelungen. Es
ist einfach zu schön, um es zu beschreiben. Man fühlt mit, da alles so
überzeugend und realistisch dargestellt ist.
Ist der Film aber zuende, hat man Lust auf mehr. Schade, dass die
Darsteller nicht mehr, in der Filmbrache, gemacht haben. Scott Neal und
Glen Berry waren schon vorher gut befreundet und spielten zusammen in
englischen TV-Serien und jeder in TV-Filmen mit, die aber in
Deutschland bis gar nicht veröffentlicht wurden. Die schwarze Tameka
Empson spielte in reichlichen Filmen eine Nebenrolle, teils auch in
Serien, hatte mit eine eigene Scetchserie (The None Blondes) und tritt
hauptsächlich sehr erfolgreich im Theater auf. Während Scott Neal und
Tameka Empson immer noch vor der Kamera aktiv sind, hat sich Glen Berry
für eine gewisse Zeit aus dem Filmgeschäft zurück gezogen und verkauft
nun Autos.
Fazit: „Beautiful Thing“ lässt den Zuschauer unweigerlich in seinen
Erinnerungen schwelgen. Auch, wenn es hier um Homosexualität geht, ist
die Handlung nicht unerträglich schwul, so dass auch Heteros prima
unterhalten werden, so lange sie sich darauf einlassen. Hier passt
alles und man wünschte sich sogar, das eigene Outing so durchlebt
zuhaben. Und wenn „Mama Cass“ im Radio läuft, holt dieser Film und
seine Atmosphäre einen wieder ein. Man merkt richtig, woher dieser Film
kommt. Womöglich ist nur Europa (vornehmlich England) und Asien in der
Lage, solche Streifen zu produzieren. Vergesst das Heldenfixierte und
Effektverliebte Hollywood, denn die schaffen es nicht, einem Film,
solch einen Ausdruck zu verleihen. Der Film sucht seinesgleichen.
Schade, dass er dann auch schon wieder zuende ist, man möchte nämlich
mehr davon... und noch mal, und noch mal, und noch mal...
P.s.:
Wen es interessiert: Unter den Koordinaten: Breite: 51“29’50.32“N,
Länge: 0“7’21.27“E kann man bei „Google Earth“ den Balkon von Jamies
doppelgeschössiger Wohnung von oben bewundern.