Ein Found Footage-Meisterwerk, das noch nicht gefunden wurde
MGM ist als Filmfirma nach meinem letzten Stand kurz vor dem Herzinfarkt. Wenn man sich „The Poughkeepsie Tapes“ und dessen katastrophale „Veröffentlichungspolitik“ anguckt, wundert einen das nicht... In der nahezu unbekannten und schwer zu erhaschenden (geschweige denn zu besitzenden) Found Footage-Fake-Doku geht es um einen perfiden Killer, der sein Jahrzehnte umspannendes „Werk“ auf etlichen Videokassetten festgehalten hat und der Polizei Kopfzerbrechen und Würgereize beschert. Und genau in diese schockierenden Videos und Aufzeichnungen, gemischt mit Interviews und Fernsehausschnitten, dürfen wir „dank“ diesem beeindruckenden Thriller Blicke werfen und uns selbst ein Bild von den Ausmaßen und dem äußerst intelligenten, teuflischen Serienmörder machen, der fast schon ein wenig übernatürliche Fähigkeiten und Kräfte zu besitzen scheint...
Natürlich werden ab und zu Erinnerungen an die „VHS“-Reihe oder „Sinister“ geweckt, aber diese höllische Collage an Gräueltaten geht irgendwie noch tiefer und entweicht am Ende sogar in die Realität. Von zarten Gemütern ist dieser Horror definitiv zu meiden, denn er hat es in sich! Es ist einer dieser Filme, bei dem man sich, trotz zwischendurch deutlich spürbaren Amateurdarstellern, nachher vergewissert, dass es sich wirklich um einen Film gehandelt hat. Ok, das klingt etwas übertrieben und „newbiemässig“ und naiv - aber ich will damit nur sagen, dass diese Tapesammlung ziemlich nachhaltig unter die Haut und in den Kopf kriecht. Vielleicht war das MGM wirklich ein Stück zu heikel, wer weiß. Anderseits wäre das natürlich dumm, da die Horrorgemeinde nach solchen Erfahrungen und Schockern natürlich hechelt. Erst recht in den letzten Jahren, wo sich diese immer rarer machen und man meint, man hätte (nach z.B. „A Serbian Film“ oder den menschlichen Tausendfüßlern) schon alles gesehen.
In Zeiten von „Mindhunter“, „American Vandal“ oder „American Horror Story“, in denen auch Found Footage noch immer Lebenszeichen von sich gibt und scheinbar nicht stirbt, könnte „The Poughkeepsie Tapes“ ein echter, fast verlorener Gem in den Archiven des Studios und der Filmwelt sein. Fast eine kleine urbane Legende. Obwohl mittlerweile ja zumindest in den Staaten auch endlich eine Kaufversion erschienen ist. Ich habe das Ding mitten in der Nacht in einer verlassenen Wohnung auf mich wirken lassen - und hatte ihn definitiv noch länger in Kopf und Nacken. Was immer für einen Film spricht, der das bei einem doch recht abgestumpften Genrefan hinbekommt. „The Poughkeepsie Tapes“ ist intensiv und gemein, fies und hinterhältig, fährt ein perfide Taktiken und vertraut bei weitem nicht nur auf Jumpscares. Er ist quasi das Gegenteil von völlig zurecht verrufenem Found Footage-Schrott wie „The Gallows“ und zeigt, wie krass und gruselig das Subgenre noch immer funktionieren und umgesetzt werden kann. Eine ganz unangenehme und gleichzeitig fesselnde Atmosphäre wird aufgebaut, fast gleichzusetzen mit einem Unfall, der immer wieder die Augen auf sich zieht, obwohl man eigentlich nur daran vorbei will. Einige Bilder und Momente haben sich eingebrannt, da kann und will ich nicht lügen. Irgendwo zwischen „Zodiac“ und „Megan Is Missing“, zwischen „Cannibal Holocaust“ und „Tesis“, zwischen Alptraum und Offenbarung. Psychologisch interessant bis bitterböse, inszenatorisch versiert und atmosphärisch oft fast schon zu realistisch. Hier gibt es wenig Tabus und Grenzen, ohne komplett in eine reine Foltershow abzurutschen. Erst recht bei fantasiereichen Zuschauern. Nichts für schwache Nerven oder Leute, die meinen, die Welt da draußen könnte sie eh jeden Moment auffressen...
Fazit: ein überraschend verstörender und richtig fieser, ungemütlicher Geheimtipp für hartgesottene Serienkillerfans. Mockumentary from Hell. Zu krank für größere Bekanntheit und weitere Vermarktung?! Maybe. Dennoch schade!