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Ohne weiteren Aufhebens erschienene My Way Film Company - Produktion, die nicht nur auf dem ersten Blick wie ein leicht verspätetes Spinoff zu Stephen Chows Kung Fu Hustle anmutet und zum gegenwärtigen Moment beinahe solo die Martial Arts Fahne des HK Kinos hochhalten möchte. Zwar gab es in den letzten Monaten hier und da mal einige Rückbesinnungen auf die einstmals ruhmreiche Tradition der Handkanten-Reisser [ Fearless, Fatal Contact, SPL ], nahmen diese aber im eh schon abgeklungenen Ausstoss immer noch die Position der Nischenware ein. Kung Fu Fighter wird daran trotz Wiederbelebung alter Stoffe und Techniken nicht allzu viel ändern können, stellt sich aber immerhin phasenweise als willkommene Zwischenmahlzeit auf dem beschwerlichen Weg zu besseren Zeiten dar und schlägt sich für einen wenig wachstumsträchtigen Ableger bedingt wacker.

Überwacht von Sharon Yeung, die als "Lady Jackie Chan" ab den späten 70ern bis zu den frühen 90ern über die Leinwand wirbelte und die Gleichberechtigung im Stuntbereich mit Händen und Füssen vorantrieb, stellt sich der Film von Beginn weg als finanziell sichtlich gehandicapped dar. Da abseits von Komödie und Lovestory kein oder nur wenig Publikum vermutet wird, winkt trotz der starken Partner in Allianzen [ Sil-Metropole Organisation Ltd., Brilliant Emperor Production Ltd. ] auch nicht das grosse Finanzvolumen. Mit wenig Aussicht auf Ruhm, Geld und Ehre, aber mit zumindest kolportierter Unterstützung durch Stephen Chow konnte man sich immerhin seiner regulars bedienen und schmückt die Besetzung dementsprechend mit gleich dem halben Cast aus eben Kung Fu Hustle. In der Hauptrolle selber wurde mit dem ehemaligen F4 - Schmusesänger Vanness Wu ein relativ beschriebenes, aber nichtdestotrotz seltenes Gesicht als Zugpferd unter Vertrag genommen. Wu besitzt eine gesunde Reputation vor allem in Musikkreisen und eine damit einhergehend anhaltende Fanbasis, hat sich zwar selten, aber dafür auch gleich in den high profile Werken Star Runner [ 2003 ] und Dragon Squad [ 2005 ] in Szene setzen lassen und wird auch in Daniel Lees diesjährigem, von vornherein renomiertem Three Kingdoms - Resurrection of the Dragon zu sichten sein.

Weit entfernt von deren aufmerksamkeitsheischenden Habitus und stattdessen mit einem grobkörnigen B - Movie Anstrich versehen lief Kung Fu Fighter Ende April 2007 zwar vereinzelt in den Kinos an, soll aber seine Ausgaben offenkundig direkt auf dem Heimvideomarkt einspielen.
Geformt durch gesetzmaßige Töne, Bilder, Wörter und Ideen, die nach der Historiography der Martial Arts Filme die Modi der Darstellung festsetzen, stehen die Voraussetzungen so schlecht nicht. Eine scheinbar einfache Evergreen-Angelegenheit ohne zeitkritische Metaphern, die Jeder kennt und Jeder versteht:

Manik Ma [ Vanness Wu ] verlässt nach dem Tod seiner Mutter die Heimatprovinz Fujian, um im Shanghai des vorigen Jahrhunderts nach seinem verschollenen Vater zu suchen. Dabei gerät er mit dem Landsmann Porky [ Lam Tze Chung ] in den offenen Gangwar zwischen Sam Cho [ Tin Kai Man ] und Don Ching [ Danny Chan ], die sich auch bevorzugt auf belebter Strasse um ihre Territorien duellieren. Als Manik auf der Flucht vor dem Schergen Rocky [ Sheak Chan ] das Restaurant von Uncle Yeah [ Bruce Leung ] zerstört, muss er den angerichteten Schaden mit der Tätigkeit als Rickshaw-Fahrer abarbeiten. Dabei trifft er auf die Chanteuse Goldie [ Emme Wong ]; für die er schnell Gefühle entwickelt, die aber bereits mit Don Ching verbandelt ist.

Die kommenden Probleme sind zumeist ebenso ersichtlich wie ihre Auswirkungen; in Sachen Ideenreichtum reisst das Drehbuch ganz erwartungsgemäss keine Bäume aus der Landschaft - auf die wenigen Neuerungen hätte man rückwirkend lieber verzichtet -, kann aber dennoch eine gewisse Kreativität im Bereich des strikten Nachschreibens entwickeln. Die storytechnisch und visuell rückkoppelnde Konstruktion der Umgebung wird sogar durch die Mitspieler selber bekanntgegeben: Eine Mischung aus dem God of Gamblers, nur in die Vergangenheit der Fernsehserie Shanghai Beach [ AT: The Bund, 1983 ] versetzt. Die im Prolog bereits in Standbildern vergilbter Photos festgehaltene Handlung kennt man zwar schon von vorgestern, aber besser gut imitiert in neuer Zeit und an anderem Ort verlegt als sich mit falschen Originalbeobachtungen abzugeben. Weder von einem derartigen Projekt noch dem Genre selber erwartet man nach all den Jahren Tristesse eine innovative Behandlung oder begnadete Improvisationskunst, sondern vielmehr die Einhaltung gewisser stabiler Regeln in Bezug auf alltägliche Anlässe und Anwendungsmöglichkeiten. Die spätere Konfrontation darf und soll sogar schon absehbar sein und kann auch ruhig mit allen Klischees von Rückblende und Überschneidung zurechtgelegt werden. Gerade die frisch-modernisierte Bedienung gewohnter Standardsituationen macht mittlerweile den weitgehenden Reiz aus; entsprechend gefahrlos kann man sich Rezepte und Patente vom Konkurrenten kopieren. Kosten, Mühen und angesparte Mehrarbeit sollte man vielmehr in die Umsetzung der aggressionsorientierten Begebenheiten stecken; ist ein Wissen und Wollen hierbei durchaus erkenntlich, so scheitert es doch an einigen kleineren Primitivitäten.

Manche werden sich bereits mit der Ausstattung schwertun. Nach optischen Leckerbissen der letzten Monate und der gleichzeitigen Absenz wahrer direct to video - Werke schreckt das hiesige Grau-in-Grau mitsamt stark synthetischer Obszönität und hölzern wirkender Intimität erstmal ab. Zwar kennt man diese unnatürlich wirkende, unfreie, trüb-beschlagene Kulturschänder-Gesinnung bereits von diversen gestelzten low budget Kollegen wie Bloody Brothers, Revanchist oder Shanghai Affairs, aber deren Bekanntheits- oder Beliebtheitsgrad existiert nicht gerade im Superlativ. Wer das Gegenteil von breitem Shawscope und überbordendem Technicolor bevorzugt und seine Filme lieber ein bisschen eckig-eingerostet, diesig, feucht-kalt und trüb mag, kommt dafür umso mehr auf seine Kosten. Zwar leuchten manch vereinzelte Szenen wie ein Regenbogen, aber bunte Happy Birthday-Girlanden, Pailletten- und Glasperlen-Applikationen aus dem Trendschmuckladen täuschen nicht automatisch ein wirtschaftlich prosperierendes Shanghai der 40er Jahre vor. Furnituren und Zubehör aller Art sehen zwar tatsächlich aus der Zeit stammend aus, aber vollgriffig verinnerlicht wird die period piece Atmosphäre nicht. Man spürt die Anwesenheit der artifiziellen Bühne: Playback und Pappmaché. Blasser Score. Verschenkte Interaktion. Nachlässige bis nicht nachvollziehbare Figurenzeichnung. Schmerzende Dramanwandlungen. Ein Schritt zuviel nach links oder rechts aus dem Schein-Involvement hinaus würde man bereits in die aktuelle Gegenwart stolpern.

Wo ein Kung Fu Hustle auf der Meta-Ebene mit voller Absicht vielfältige zeitliche, räumliche, politische und kulturelle Begleitumstände anstreben will, so gelingt dies dem vorliegenden Werk aus der Unsicherheit bzw. dem Nichtkönnen einer vollständigen Illusion heraus. Wie so oft bei weniger gut bestückten Filmen wird ein gewisser halluzinatorisch verfremdender Effekt entwickelt, der die eigentliche Handlung mit anderen Kontexten durchdringt, die die Ausgangsidee nacheinander formen und kommentieren und so zuweilen surreal anmutende Sequenzen schaffen. Explizit trifft es vor allem die begleitenden Einstellungen um den Bandenkrieg, die wohl gerne so etwas wie Es war einmal in Amerika wären, aber eher nach der todernsten Variante von Wo Gangster um die Ecke knallen aussehen; incl. der Verwendung von Requisiten wie Oldtimer, die eigentlich ständig nur im Kreis fahren und Maschinengewehren, die überdeutlich nach einem tiefen Griff in den Kostümfundus rufen.

Auch die frequenten Actioneinlagen ziehen sich auf das sichere Feld der Erfahrung zurück und lassen statt autarker Wirkung lieber reproduzierte Erinnerung an frühere Glanztaten aufkommen. So ist öfters ein no-holds-barred type of fighting anzumerken und wird sich fleissig wie weiland Jackie Chan am und um das umstehende Inventar bedient, aber dadurch allein verwirklicht man keine souverän-akribische Montagekonzeption oder gar eine empathische Intensivierung der Wahrnehmung. Positiv festzuhalten ist sicherlich das Bedürfnis auf präzis definierte Bildausschnitte und darin befindlichen längeren Einstellungen, die die Akteure auch regsam in ökonomisch aufgeteilten Ereignissen vor der Kamera arbeiten lässt. Man unterschneidet die Aktionen nicht grundlos und erzeugt die Vitalität durch choreographische Effekte und nicht bloss durch Änderung des Standpunktes, Tempowechsel und andere filmtechnische Manipulationen. Leichtes Versetzen der Position, behände Reaktion auf initiierte Aktionen und dynamisch gestufte Formationen erzeugen ein agiles Nahkampfsystem; die Körpersprache ist sauber, mit schwungvollen Beintechniken und flüssigen Übergängen vollzogen, die einzig ein wenig forscher Heissblütigkeit und radikaler Spontanität gebrauchen könnten. Die erzählerische Intention auf langatmige Vorbereitungswitze, Slapstick und Spiel statt fatalistischem Ernst nimmt immer wieder den Biß heraus. Anfänglich handfeste Reibereien wachsen erst zu unlustigem Haschmich, [durchaus noch in sich stimmigen] Wireworkexzessen und dann zu comigalen CGI "Attraktions"momenten aus: Manik besitzt die supreme power, sobald er richtig wütend wird und kann Mensch und Gegenstand wie Luft durch die Gegend schleudern; zuletzt wähnt man sich beim Chinese Hulk und möchte schon vorsorglich die Augen vor dem Unheil mit der Geisterhand schliessen.

Der im Finale völlig aus dem Rahmen fallende Fantasyanstrich, der ohne Hinweise, Erklärungen oder Auflösungen noch nachträglich den viertelstündigen Showdown beeinträchtigt, ist weder von dieser Welt noch scheint er zum Film zugehören und soll auch am besten ganz schnell aus dem Gedächtnis gestrichen werden.

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