7 Jahre nach dem ersten Leinwand-Einsatz der legendären "Wildgänse" inszenierte "Bond"-Regisseur Peter Hunt ("Im Geheimdienst Ihrer Majestät") die Fortsetzung, die dem kurz vor Beginn der Dreharbeiten verstorbenen Richard Burton gewidmet ist, der auch in der Fortsetzung die Rolle des Colonel Faulkner hätte besetzen sollen.
Auch der Stab weist einige Parallelen zum Original auf:
Euan Lloyd produzierte das Spektakel an Originalschauplätzen unter anderem an Originalschauplätzen im geteilten Berlin, während Komponist Roy Budd den Score beisteuerte und Drehbuchautor Reginald Rose erneut einen Roman von David Carney adaptierte.
Die Mission scheint unmöglich: NS-Kriegsverbrecher Rudolf Hess aus dem Gefängnis Spandau zu befreien und aus Berlin zu schleusen.
Auftraggeber: ein mächtiger US-Nachrichtensender, der sich die große Story erhofft und dafür sogar diplomatische Verwicklungen in Kauf nimmt.
Außer einem Prolog (in der ursprünglichen deutschen Kino- und Fernsehfassung nicht enthalten), der in Rückblenden in Gedenken an Richard Burton die Höhepunkte des ersten Teils präsentiert, erinnert bis auf den berühmten Codenamen "Wildgänse" und der Rollenname "Faulkner" nichts an den großen Vorgänger, dessen Klasse Peter Hunts Version zu keiner Zeit erreicht.
Vielmehr wirkt "Wildgänse II" wie ein Abklatsch und spult die gleiche Handlungskette des ersten Teils vor dem Hintergrund einer neuen Mission ab: Auftrag, Planung, Rekrutierung, Ausbildung, Ausführung.
Die Action wurde auf das mindeste reduziert, stattdessen die nervtötende Rolle von Barbara Carrera ("Sag niemals nie", "Ich, der Richter") als Verbindungsfrau zum Auftraggeber mitsamt einer aufgesetzt wirkenden Liebesgeschichte eingebaut.
Scott Glenn ist zu keiner Zeit ein Ersatz für Richard Burton - unabhängig davon, dass er die nötigen körperlichen Voraussetzungen für einen solchen Einsatz mitbringt und glaubwürdiger wirkt - das Charisma und die Leinwandpräsenz seines Vorgängers erreicht er aber nicht.
Edward Fox brillierte als "Der Schakal" und enttäuschte bei "Sag niemals nie!" als "M" - bei "Wildgänse II" ist er die blasse Kopie von Roger Moore - selbst seine pseudo-intellektuellen Sprüche sind kaum belustigend. Im Gegenteil: waren im 1978er-Original die ironischen Brechungen das Salz in der Suppe, verkommen sie hier zum faden Beigeschmack und sind einfach nur überflüssig.
Auch der Rest der "Wildgänse"-Einheit kann kaum überzeugen: die Rollen des ehemaligen IRA-Kämpfers Peter Hourigan und des Ausbilders Murphy weisen noch ansatzweise Charakterzeichnung auf und sorgen für einige Spannungen innerhalb der Gruppe, auch wenn die Rolle des Murphy vielmehr ein Klischee von Jack Watsons grandioser Verkörperung des RSM Sandy aus dem Original ist.
Trotz einiger Kritikpunkte ist "Wildgänse II" ebenso spannend und dramatisch wie der erste Teil. Seinen größten Unterhaltungswert bezieht er vor allem aus der Mission, deren Planung und Ausführung zwar weniger spektakulär inszeniert ist, aber hinsichtlich ihres geschichts-politischen Hintergrunds zu überzeugen weiss.
Peter Hunts Söldner-Ballade ist vielmehr ein harter Agentenkrimi a la "Finale in Berlin" oder "Das Quiller-Memorandum" mit etwas "Kalter-Krieg-Mentalität", bei dem verschiedene Nachrichtendienste und Organisationen ihre Finger im Spiel haben.
Und so überzeugen vor allem die Darsteller auf der gegnerischen Seite: Robert Freitag als Stroebling, ehemaliger BND-Agent, der für die Sowjets und diverse Terrororganisationen arbeitet, und Kenneth Haigh als aalglatter Colonel Reed-Henry können überzeugen und verleihen dem doppelbödigen Spiel den nötigen Thrill.
Der Großstadt-Dschungel der damals noch zweigeteilten Stadt Berlin, eingeteilt in die Besatzungszonen der vier Siegermächte, gibt eine herrliche Kulisse ab: finstere Hinterhöfe oder Kamerafahrten entlang der Mauer und des Todesstreifens verleihen dem harten Actionthriller einen ganz besonderen Reiz - unabhängig von der (Un-)Möglichkeit einer solchen Befreiuungsaktion.
"Wildgänse II" ist ein Film, der sich als Teil einer Reihe Vergleiche und Verweise zum Original gefallen lassen muss, die er hinsichtlich seiner Hauptdarsteller und Inszenierung aber nicht halten kann.
Er überzeugt vielmehr durch das perfekt in Szene gesetzte Großstadt-Szenario, dem undurchsichtigen Doppelspiel verschiedenster Interessengruppen und einem ordentlichen Maß an Tempo, Thrill und Dramatik.
Insgesamt durchweg unterhaltsam ohne nennenswerte Längen straff in Szene gesetzt, ist der zweite "Wildgänse"-Einsatz zumindest in dieser Beziehung dem Vorgänger ebenbürtig.
8/10