Mad Max - Jenseits der Donnerkuppel
Der ob reduzierter Action und Düsternis von vielen Fans ungeliebte dritte Mad-Max-Film ist ein im Gesamtkontext schlüssiger und konsequenter Abschluss, der Mythenbildung und Saga-Konzept geschickt kombiniert.
In the desert sun, every step that you take could be the final one
And in the burning heat, hanging on the edge of destruction …
So now you’re going to shoot bullets of fire
Don´t wanna fight, but sometimes you’ve got to
You’re some sole survivor
There’s just one thing you got to know, you got ten more thousand miles to go
Because you´re one of the living …
Tina Turners Rock-Song „One of the living“ röhrt zu den opening titles. Die Message ist klar. Die postapokalyptische Wüste ist heiß, feindselig und gnadenlos. Wer überleben will, muss kämpfen, hart und ausdauernd. Der dritte Mad Max Film („Mad Max - Jenseits der Donnerkuppel“, 1985) beginnt also wie sein Vorgänger („Mad Max II - Der Vollstrecker“, 1981) mit einer Zustandsbeschreibung des dystopischen Status Quo. Und dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied. Der resignative und desillusionierte Tenor des Intros, vorgetragen von einem greisen Erzähler und flankiert von düsteren Schwarz-Weiß-Bildern, weicht einer kraftstrotzenden Ode an Überlebensgeist und Durchhaltevermögen, angetrieben von wuchtigen Synth-Rock Klängen und Turners markigem Gesang. Nihilismus, Pessimismus und Aporie sind nicht verschwunden, aber, so die entscheidende Botschaft, es gibt Hoffnung. Eine durchaus bemerkenswerte Neuorientierung im bis dato knallfinsteren Mad Max-Kosmos.
Rückbesinnung und Neuorientierung
Zu Beginn des Films wird dieses Versprechen noch vertagt. Der „Road Warrior“ Max (Mel Gibson) ist abgesehen von deutlich längerem Haupthaar noch ganz der Alte, soll heißen der wortkarge Einzelgänger mit offenkundiger Neigung zu gewaltsamen Lösungen. Der Verlust seiner Kamele führt in nach Bartertown, eine Basar-ähnliche Siedlung, die von der tyrannischen Aunty Entity (Tina Turner) mit gandenloser Härte effektiver Grausamkeit geleitet wird. Schnell erkennt sie Max besondere Fähigkeiten und handelt einen Deal aus. Er geht als Kämpfer in die „Donnerkuppel“, eine Stahlkäfig-artige Arena, um dort ihren ärgsten Konkurrenten zu beseitigen und erhält dafür sein Eigentum zurück.
Die Übertragung römischer Gladiatorenkämpfe in eine anarchische Endzeit-Welt hatte schon John Carpenter im Genreklassiker „Escape from New York“ („Die Klapperschlange“, 1981) sehr effektvoll vollzogen, aber Mad Max-Schöpfer George Miller hatte ein paar gewitzte Ideen, die den Plagiats-Vorwurf zumindest entschärften. So durften die Kombattanten nicht nur aus einer Vielzahl phantasievoller Tötungswerkzeuge wählen, sie waren auch an eine Art Bungee-Jump-Geschirr geschnallt, das es ihnen ermöglichte, durch die Arena und über den Gegner hinweg zu fliegen. Eine besondere Diabolie ist schließlich ein spezielles Glücksrad, bei dem Vertragsbrüchige - „Bust a deal, face the wheel" - selbst über ihre Bestrafung entscheiden (müssen). Zur Auswahl stehen u.a. Death, Hard Labor, Gulag, Amputation und Life Imprisonment. Immerhin gibt es eine Chance von 1:9 auf „Freispruch“. Max, der sich weigerte seinen Gegner zu töten, landet auf „Gulag“. Dazu wird er rückwärts auf ein Pferd gesetzt und ohne Wasser in die Wüste getrieben.
Prinzip Hoffnung und „Messias-Mythos“
Damit beginnt die eigentliche Haupthandlung des Films, denn der Bartertown-Trip dient von allem als Bindeglied zwischen den unterschiedlichen Tonlagen der beiden Sequels. Von nun an rückt das Prinzip Hoffnung deutlich in den Fokus, was dem Film häufig den Vorwurf anbiedernder Familientauglichkeit, in vehementeren Fällen auch den des Verrats an den Vorgängern eingebracht hat. Gemeint ist Max Rettung vor dem sicheren Wüstentod durch eine Gruppe Halbwüchsiger, die sich in der Folge als Teil einer sektenähnlichen Gemeinschaft entpuppen, die in einer abgeschiedenen Oase ein vergleichsweise friedliches Leben führen. In dem Geretteten meinen sie ihren sehnlichst erwarteten Erlöser gekommen, einen gewissen Captain Walker, der sie zurück in die Zivilisation führt.
George Miller greift damit den aus aus vielen Religionen bekannten „Messias“-Mythos auf, was aber sowohl im Kontext seines Worldbuilding wie auch in dem seines Protagonisten sinnhaft erscheint. Die Apokalypse ist nicht nur mit dem Ende allen Lebens konnotiert, sie steht auch für Zeitenwende und Neuanfang. Die Figur des Max Rockatansky wiederum beginnt als aufrechter Familienvater, durchläuft dann die Stationen vom blindwütigen Racheengel zum mythischen Einzelgänger und wartet fortan auf irgendeine Form der Erlösung. Diese könnte natürlich durch Tod, aber eben auch durch eine weitere Metamorphose hin zu einem positiver eingestellten Charakter erfolgen. Miller entschied sich für letzteres und verfolgt diesen Weg fortan konsequent mit dem Trilogieabschluss.
Western-Motivik und Saga-Konzeption
Wiederum greift er dazu einen vor allem im Western-Genre etablierten Topos auf, den des "Helden wider Willen". Trotz Max Warnungen machen sich einige Kinder nach Bartertown auf, in dem sie die ersehnte Zivilisation vermuten. Und obwohl er einfach weiter ziehen wollte, nimmt Max die Verfolgung auf, wohl wissend, dass eine weitere Konfrontation mit Aunty Entity und ihren Schergen unvermeidlich sein wird. Im großen Finale sind dann aber nicht nur wieder die Fähigkeiten des „Road Warriors“ gefragt, Max fällt hier auch zusätzlich die Aufgabe als Treckführer zu, der seine Schutzbefohlenen sicher durch eine feindselige Natur ins gelobte Land führt. Der damit anklingende Frontier-Mythos, also die Bestimmung oder Verheißung eines Sehnsuchtsortes, kombiniert mit Themen wie Aufbruch und Freiheit, schließt dann den Kreis der Western-Motivik.
„Mad Max - Jenseits der Donnerkuppel“ schlägt also weit weniger aus der Reihe als oftmals kolportiert, er ist vielmehr ein im Gesamtkontext der Trilogie stimmiger und konsequenter Schlussakt. Mann kann diese karthartische Konzeption kritisieren, oder sogar ablehnen, aber sie ist definitiv bereits im Originalfilm angelegt und damit als narrativer Unterbau vorhanden. Als Einzelfilm mag der dritte Teil ob seiner actionärmeren und insgesamt positiveren Ausrichtung in der Fangunst etwas abfallen, im Gesamtkontext allerdings offenbart er eine schlüssig arrangierte Sinnhaftigkeit. Die beiden Vorgänger sind zu Recht als Genreklassiker und Kultfilm in die Filmgeschichte eingegangen, eine Ehre die dem dritten Teil nicht zuteil wurde. Sein Verdienst für die Serie ist eher ein dienendes, denn er ist der Film, der den Begriff „Saga“ rechtfertigt. Für die Mad-Max-Mythenbildung kein unerheblicher Baustein.