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Schon in den 60ern fragte Philip K. Dick, ob Androiden wohl von elektrischen Schafen träumen mögen. Und schlug mit seiner Fragestellung Fässer auf. Daraus sprudelten Nullen und Einsen, in deren Zwischenräumen der Autor dem menschlichen Faktor auf den Grund zu gehen versuchte. Würde die behauptete Analogie zwischen Mensch und Computer sich bestätigen oder verfügte der Mensch am Ende doch über nicht reproduzierbare Alleinstellungsmerkmale?

Dann ging Philip K. Dick von dieser Welt. Es kamen die 80er. Der Personal Computer erlebte seine Blütezeit und wurde zum integralen Bestandteil vieler Haushalte. Die Zukunft, sie war nicht mehr abstrakt, sondern ganz real als grauer Kasten im Arbeitszimmer an den Strom gestöpselt, bereit dazu, das nächste Eingabekommando zu empfangen. Brauchte es die Computerphilosophie noch, wenn der Computer bereits Teil des normalen Alltags war?

Wenn man sich die Filme dieser Zeit so anschaut, waltete die Philosophie, wenn überhaupt, eher in autonomen Schaltkreisen im Hintergrund. Eher schon galt die Aufmerksamkeit nun der bunten Benutzeroberfläche. Für das zeitgenössische Publikum sollten nicht länger Tiefen aufgewühlt werden, es ging nun hauptsächlich darum, technischen Fortschritt mit dem Alltag zu verknüpfen. Als Konsequenz wurden Filme wie „D.A.R.Y.L.“ oder „Nummer 5 lebt“ gedreht, die einen empathischen Blick auf künstliche Lebewesen warfen, ja mit „L.I.S.A – der helle Wahnsinn“ stellte sogar die Teen Comedy einen Vertreter ab und programmierte den feuchten Traum eines jeden Teenagers.

Die Fragestellungen blieben im Hintergrund oft sogar dieselben wie bei Philip K. Dick, sie wurden aber zunehmend ihrer Substanz beraubt und für banale Melodramen, Komödien und Romanzen instrumentalisiert, die letztlich universelle Gefühle bei einem möglichst breit gefächerten Publikum entfachen sollten, um im Idealfall einen Kassenschlager zu generieren. Produzenten zielten dabei tendenziell eher auf den Torso als auf den Kopf: Zwerchfell, Herz und Bauch sollten stimuliert werden, weniger das Gehirn.

Damit wäre dann auch schon die Brücke zu „Electric Dreams“ gelegt. Inszeniert von Steve Barron, ist der Tiefgang dieser Romantikkomödie nur wenig schmeichelhaft mit den Videoclips vergleichbar, die der Regisseur bis dahin für die ganz Großen des Pop, von Toto über Madonna bis Michael Jackson, gedreht hatte. Culture Club und Heaven 17 müssen bloß ihren bekömmlichen Synth-Pop in die Stratosphäre pusten, und dann betritt auch schon Miles Harding ein Elektrofachgeschäft, um sich einen PC zu kaufen, nicht ahnend, dass der bald sein komplettes Liebesleben auf den Kopf stellen würde.

Wenn man sich all die Röhrenfernseher und klobigen Rechner anschaut, dann macht das den zugehörigen Film fast vierzig Jahre später natürlich umgehend zur naiven Retro-Veranstaltung. In gewisser Weise hat man es mit einem Großcousin der Virtual-Reality-Prototypen zu tun, die sich in den Frühneunzigern ausbreiteten („Der Rasenmäher-Mann“, „Der Killer im System“), auch wenn der SciFi-Aspekt natürlich hier kaum ausgeprägt ist, folgt der sprechende Computer doch eher den Regeln von Fantasy und Märchenfilmen.

Dem schlaksigen Nerd mit der Fliege, den Lenny Von Dohlen mit einer satten Portion Verunsicherung spielt, möchte man aus heutiger Sicht kaum abkaufen, dass er sich angeblich nicht mit Computern auskennt, obwohl die kurzen Einblicke in seinen Job in einem biederen Grau-in-Grau-Bürogebäude eindeutig die prädigitale Epoche der Stempelkarten und Schreibmaschinen widerspiegeln. Als Miles mit der risikofreudigen Investition in sein karges Single-Apartment zurückkehrt und das Gerät zentral auf dem Wohnzimmerschreibtisch aufbaut, fühlt man sich als Kind jener Zeit fast ein wenig an den bedeutsamen Tag erinnert, an dem der erste Commodore oder Amiga Einzug ins eigene Heim erhielt und plötzlich das gesamte Erscheinungsbild der eigenen vier Wände völlig veränderte. Intuitiv wusste man, dass nun eine neue Zeitrechnung anbrechen würde.

Barron zielt aber nicht unbedingt darauf ab, die ersten unbeholfenen Schritte ins Digitalzeitalter zu dokumentieren. Letztlich ist er bloß Erfüllungsgehilfe für einen Liebesfilm, den es, soweit das Alleinstellungsmerkmal, in der Sprache von Bits und Bytes zu erzählen gilt. 01001100011011110111011001100101 bedeutet „Liebe“ ist eine repräsentative Gleichung dafür, wie sich der vorhersehbare Ablauf der Geschichte vollzieht.

So schwenkt die Kamera also wie beflügelt vom Apartment des Junggesellen in das seiner Nachbarin, um gleich die nächste Gleichung aus dem Hut zu zaubern. Der Zuschauer nimmt die Schwingungen aus luftiger Perspektive heraus unweigerlich wahr, vielleicht immer ein Stück früher als die Verliebten, die aber gemessen am Genre-Standard ungewöhnlich schnell zueinander finden. Missverständnisse (wie in der Szene im Autokino) führen nicht etwa unmittelbar zur kurzfristigen Distanzierung des Paars, nur um dann wieder den üblichen Prozess der Versöhnung in Gang zu setzen. Im Gegenteil, Störsignale scheinen die Bindung noch stärker zu machen, denn die Unterschiede im Denken der Figuren werden wie Haken dargestellt, die sich ineinander verkeilen. Leider führt das Fast-Forward-Erzähltempo dazu, dass viele Gags halbgar serviert werden, weil die Zeit fehlt, sie vernünftig auszuarbeiten. Wo Romcoms normalerweise ihre stärksten Phasen haben, im Anfangs- und Mittelteil nämlich, wenn die Situationskomik noch spontan aus der Hüfte kommt, da wirkt bei „Electric Dreams“ immer alles ein wenig gehetzt.

Der Grund für die übereilte Entwicklung der Romanze ist natürlich schnell gefunden: Das Drehbuch möchte baldmöglichst auf den Konflikt zwischen dem Computer und seinem Besitzer zu sprechen kommen. Nicht umsonst findet zwar mit Maxwell Caulfields Bill der klassisch-aalglatte Nebenbuhler einen Platz im Skript, er wird aber sehr schnell bedeutungslos für den Fortgang der Handlung, die sich im weiteren ganz auf das Dreieck Lenny von Dohlen / Virginia Madsen / Bud Cort konzentriert. Letzterer spricht den Computer namens Edgar nicht etwa roboterhaft, sondern betont die menschlichen Nuancen: Er staunt über neu gelernte Dinge, er reißt schmutzige Witze, er verliert regelmäßig seine Contenance wie ein Baby ohne Schnuller, letztlich fügt er sich einer Melancholie des Nichtmenschseins, wie sie wohl nur künstliche Intelligenzen empfinden können. Kurzum, Corts Stimme ist mindestens ebenso wichtig wie das Rundumpaket, das die beiden Hauptdarsteller zu bieten haben, vermutlich noch wichtiger, weil er die exotische Zutat des Films ist, auf die alle Augen gerichtet sind.

Von Seiten der visuellen Effekte bekommt er dabei vergleichsweise wenig Unterstützung. Ein paar fluoreszierende Eingabemasken, simple Vektor-Grafiken und vorsintflutliche Emoji-Gesichter sind alles, was der Film in dieser Hinsicht zu bieten hat, wodurch Corts Performance nur noch deutlicher in den Mittelpunkt gehievt wird. Indes entwickelt sich das Skript zu einer Jekyll-Hyde-Variation, in der das extrovertierte zweite Ich des introvertierten Helden, repräsentiert durch den lernbegierigen Computer, zu dessen schärfstem Rivalen wird.

Die Chemie zwischen Lenny von Dohlen und Virginia Madsen stimmt durchaus, die beiden Darsteller ergeben ein hochgradig sympathisches Pärchen, das schüchtern-tapsig durch einen optisch etwas farblosen Film führt, der hauptsächlich von der Spielfreude der Beiden, vom luftigen Soundtrack und der dynamischen Kameraarbeit getragen wird. Gegen Ende zeigt sich dann auch verstärkt das philosophische Fundament, als das Konzept der Liebe über die Figuren hinaus in eine metaphysische Dimension transzendiert wird. Das erinnert, wenn auch nicht die gleiche Intensität erreicht wird, an den apokalyptischen Liebesfilm „Miracle Mile“, der mit Anthony Edwards und Mare Winningham eine ähnlich unkonventionelle Paarung zu bieten hatte.

Am Ende des Tages sieht sich der Computer aber eben doch bloß in der klischeehaften Rolle des geflügelten Liebesboten, der mit Elektro-Pfeilen auf zwei junge Menschen mit rosafarbener Brille schießt, so wie es sich für eine harmlose 80er-Komödie mit einem sprechenden PC eben gehört. „Electric Dreams“ hätte es durchaus gut gestanden, wenn er noch öfter den Noten in der Luft nachgejagt wäre anstatt den Herzen, um zu verstehen, was die Kunst zur Kunst macht, das Gefühl zum Gefühl und den Menschen zum Menschen. So repräsentiert er nun immerhin das Zeitalter oberflächlicher Musikvideos und archaischer Computertechnologie mit einem Ausdruck der Unschuld, wie er nur in den 80ern getragen werden konnte.

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