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Anthony Hopkins spielt den römischen General Titus, der nach seinem Sieg gegen die Goten nach Rom zurückkehrt und vor den Augen der Gefangen genommenen Goten-Königin Tamora, gespielt von Jessica Lange, deren Sohn grausam verstümmelt und verbrennt. Als Tamora jedoch mit dem Imperator, den Titus selbst zu seinem Amt verhalf, heiratet, beginnt ein grausamer Rachefeldzug der Goten-Königin, bei dem mehrere Söhne von Titus getötet und seine Tochter vergewaltigt und grausam verstümmelt wird. Titus wiederum sinnt nach Rache und der Teufelskreis setzt sich fort.

Bisher habe ich noch an keiner Shakespeare-Verfilmung Gefallen finden können und als ich auch noch erfuhr, dass es sich bei "Titus" um das erste und ein überaus unbekanntes Werk des bekannten Autoren handelt, dass aufgrund seiner martialischen und brutalen Handlung niemals bekannt wurde, habe ich mich schon einmal auf das Schlimmste eingestellt, aber dieses Werk lohnt sich wirklich.

Die Story ist, wie man es von Shakespeare kennt, genial, doch im Gegenteil zu vielen anderen, ähnlich alten Werken, ist dieses noch nicht überholt und liefert immer noch gute Ideen und relativ unverbrauchte Ansätze, womit sich die Story jeder Stereotype entzieht. Während "Kill Bill" oder andere Vertreter des Rache-Thriller oder Drama eine grausame Tat an den Anfang stellen und damit sofort offensichtlich zeigen, wer "böse" ist, und wer ein Anrecht auf Rache und Gewalt hat, stellt dieser Film die Situation wesentlich komplexer und vielschichtiger dar und spart sich somit nervige und flache Gut-Böse-Klischees. Die Charakterkonstruktion ist ebenfalls gelungen und hat genügend Tiefe, sodass auch hier Klischees umgangen werden. Es gibt viele Figuren und Wendungen, aber dennoch bleibt der Film die ganze Zeit über recht überschaubar und wirkt zu keinem Zeitpunkt überhastet. Darüber hinaus ist der Film, was ich als überaus angenehm empfinde, kaum vorhersehbar. Die Sprache ist wirklich sehr alt, im Vergleich dazu ist sogar die Sprache in "Herr der Ringe" oder "Königreich der Himmel" modern, wobei ich persönlich sagen muss, dass mir diese Konsequenz imponiert und, zumal das Ganze durchaus verständlich ist, wenn man sich ein bisschen konzentriert. Alles in allem zeigt Shakespeare den grausamen Kreislauf aus Rache und Gewalt hervorragend auf und verpackt sie in einer vielschichtigen und wirklich genialen Story.

Die Umsetzung erinnert nicht einmal ansatzweise an die eines Monumental-Films oder die einer Literaturverfilmung. Denn im krassen Gegensatz zu der unglaublich alten, bildhaften, beinahe poetischen, aber interessanten, irgendwie wohltuenden Sprache, steht der modernisierte Stil, mit dem "Titus" verfilmt wurde. Regisseurin Julie Taymor, die vor "Titus" überhaupt nicht in Erscheinung treten konnte, setzt einerseits auf altbewährte Monumental-Film-Kulissen, baut aber auch modernere Requisiten mit ein, so tragen die Römer teilweise Leder-Jacken, haben Gewehre und die Söhne der Goten-Königin spielen an Spielautomaten, wie man sie aus Kneipen kennt. Normalerweise mag ich es überhaupt nicht, wenn Literaturverfilmungen mit aller Macht modern wirken wollen, doch zu diesem Meisterwerk passt es einfach hervorragend. Der skurrile Mix aus uralter Sprache und moderner Umsetzung ist auf jeden Fall einzigartig und sehenswert.

Die Filmmusik tritt über weitere Strecken in den Hintergrund und kann somit nicht durch gewaltige Klänge beeindrucken, die Filme wie "Herr der Ringe" oder "Fluch der Karibik" unverkennbar machten und wesentlich gewaltiger wirken ließen. Doch auch dies passt bei "Titus" hervorragend, da die guten und einzigartigen Dialoge und die alte Sprache somit wesentlich besser zur Geltung kommen. Die Kulisse ist jedoch sehr gewaltig und lässt "Titus" im Endeffekt doch so monumental wirken, wie andere Vertreter des Genres. Die Atmosphäre ist damit die ganze Zeit über melancholisch und zum bersten gespannt, bei "Titus" passt einfach alles. Darüber hinaus setzt Taymor den Film mit einigen überaus brutalen Sequenzen in Szene, die beinahe schon Splatter-Szenen gleichen. Doch diese extreme Darstellung der Gräueltaten, betont den Kreislauf der Gewalt noch besser, verschärft das Ganze sogar noch. Damit erzielt der Film, auch wenn die Vorlage mehrere Jahrhunderte alt ist, immer noch eine verstörende Wirkung, wie man sie nur von wenigen Filmen kennt. Aber allen Splatter-Fans, die sich jetzt schon die Hände reiben, soll gesagt sein, dass es nicht sonderlich viele solcher Szenen gibt. Der Unterhaltungswert ist damit sehr hoch, zumal der Film bis zur letzten Minute Spannung und Dramatik steigern kann, wobei aber auch gesagt sein sollte, dass "Titus" nicht Jedermanns Geschmack sein wird. Ich persönlich war wirklich überrascht, dass ich mich nicht gelangweilt habe und sogar Gefallen an dem Film fand.

Anthony Hopkins ist allgemein dafür bekannt, dass er überaus gern in Verfilmungen bekannter britischer Autoren spielt und leistet nach "Hamlet", "Wiedersehen in Howards End" und "Bram Stokers Dracula" erneut überragende Arbeit. Der Oscar-Preisträger zeigt überaus starke und überzeugende Emotionen, zeigt sich aber bei seinen brutalen Rache-Szenen auch, dass er die Kaltherzigkeit seiner Hannibal-Rolle immer noch bestens spielen kann. Ohne ihn wäre der Film vermutlich nicht ohne weiteres möglich gewesen. Aber auch der übrige Cast, unter Anderem bestehend aus Jessica Lange, leistet sehr gute Arbeit und rundet das überaus gelungene Werk ab.

Fazit:
Mit einer überragenden, komplexen und vielschichtigen Story präsentiert Julie Taymor ihr Werk "Titus". Die Umsetzung ist überaus bizarr und gewöhnungsbedürftig, aber der Mix aus einer uralten Sprache, brutalen Splatter-Szenen, und überaus modernen Requisiten stimmt. Da der Film von Anfang bis Ende konsequent Spannung und Dramatik steigern kann, ist auch der Unterhaltungswert überaus hoch und durch die hervorragenden Darsteller, allen voran Anthony Hopkins, wird das Meisterwerk endgültig vollkommen. Auch wer sonst keine Literatur-Verfilmungen leiden kann, könnte an diesem einzigartigen Werk seinen Gefallen finden. Auf jeden Fall empfehlenswert.

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