„Dieser silberne Halbmond ist unser neuer Talisman, ja?“
„Das Rätsel des silbernen Halbmonds“ aus dem Jahre 1972 wurde seinerzeit als 38. (und letzter) Teil der Edgar-Wallace-Verfilmungsreihe vermarktet, basiert jedoch – mit viel Wohlwollen – lediglich lose auf Wallace-Motiven und ist, wie bereits die jüngsten vorausgegangenen Verfilmungen, eine deutsch-italienische Koproduktion – und letztlich eigentlich ein wachechter Giallo. Mit der Inszenierung wurde der italienische Genrefilm-Regisseur Umberto Lenzi („Spasmo“) betraut, der bereits auf mehrere Gialli im Portfolio zurückblicken konnte. Als einzige Wallace-Verfilmung spielt diese nicht einmal mehr wenigstens zum Teil in England, sondern durchgehend in Italien. Die deutsche Kinofassung war gegenüber der internationalen (auf der diese Kritik beruht) radikal gekürzt.
„Ich habe nicht so viel Vertrauen zur Polizei wie du!“
Bei einer in Rom brutal ermordeten Prostituierten wird ein silberner Halbmond gefunden, was sich als der Auftakt einer ganzen Mordserie entpuppt, die weit übers Rotlichtmilieu herausreicht. Stets drapieren die Täterin oder der Täter ein solches Schmuckstück bei der jeweiligen Leiche. Eines der Opfer, Giulia (Uschi Glas, „Zur Sache, Schätzchen“), überlebt jedoch verletzt, während der Täter sie für tot hält. Die Polizei kommt mit der Presse überein, Giulia als tot zu melden und inszeniert sogar ihre Beisetzung, um sie zu schützen und den/die Täter(in) in Sicherheit zu wiegen, während man weiter auf der Suche nach ihm oder ihr ist. Giulia erinnert sich, einen solchen silbernen Halbmond bereits vor zwei Jahren in einem Hotel als Schlüsselanhänger eines amerikanischen Gasts gesehen zu haben. Während die Polizei um Inspektor Vismara (Pier Paolo Capponi, „Frauen bis zum Wahnsinn gequält“) weiter im Dunkeln tappt, ermittelt Giulias Ehemann Mario (Antonio Sabato, „Das Auge der Spinne“) auf eigene Faust. Der Mörder scheint es speziell auf Frauen abgesehen zu haben, die sich einst in jenem Hotel aufhielten…
Kaum noch Wallace, dafür bella Italia, Lenzi und in der weiblichen Hauptrolle, Schockschwerenot: Deutschlands biederstes und reaktionärstes Fräuleinwunder Uschi Glas, die bereits bei der Wallace-Verfilmung „Die Tote aus der Themse“ mitwirkte. Alles beginnt mit einer nächtlichen Autofahrt. Lenzi fackelt nicht lang: Killer-Point-of-View, schwarze Handschuhe, Messer, erster Mord; Straßenstrich, Tittenszene, nächster Mord mit Holzlatte an Dirne Marcella, am Tatort drapiert: der titelgebende silberne Halbmond. Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf und Giulia wird in die Handlung eingeführt. Nach einem Abstecher zu einer Kunstausstellung können beide auch die nächste Gräueltat nicht verhindern: Das Opfer trägt einen krassen Glitzerfummel, schlüpft in ein nicht minder exaltiertes Nachthemd und erleidet einen sehr stylischen Tod. Uschi, ‘tschuldigung, Giulia versucht man im Zug zu meucheln, doch wie bereits erwähnt geht der Anschlag daneben.
Lenzi legt also ein recht hohes Tempo vor. Gut, kann man so machen, sollte dann jedoch nicht mehrere Gänge zurückschalten. Dabei wirkt die Geschichte mit der eher schemenhaften Erinnerung einer auf eigene Faust ermittelnden Privatperson, die schließlich zum Schlüssel zur Lösung wird, zunächst einmal überaus typisch gialloesk und vielversprechend; Augenzooms und Suspense-Szenen sind weitere liebgewonnene Charakteristika. Die eingeflochtene Kritik an einer Polizei, die ein falsches Geständnis erfoltert, erfreut den Geist, Uschis heftiges Sonnenbrillengestell hingegen beleidigt jedes Ästhetikempfinden. Die Szenen aus der Frauenklapse, in der das nächste Opfer weilt, muten grotesk an; durch die parallel stattfinden Polizeiermittlungen erhält der Film genreuntypische Krimianleihen. Lange Zeit verzichtet der Film auf Schauwerte und wird – leider bis zum Finale – immer langweiliger. Aus dem Nichts auftauchende Familienmitglieder stehen ebenso wie eine generell immer abstruser werdende Handlung, bei der man irgendwann geistig abschaltet, für eine entweder von vornherein wirre oder aber durch die Inszenierung unzureichend vermittelte Handlungskonstruktion. Laut Mitautor Lenzi basiere die Drehbuch-Idee auf irgendeinem Roman (jedenfalls keinem Wallace).
Überlieferungen zufolge habe die Chemie innerhalb der Darsteller(innen)riege am Set nicht gestimmt, was erklären würde, weshalb es der Inszenierung merklich an Esprit mangelt – dabei ist diese rein handwerklich betrachtet eigentlich einwandfrei, die Kameraarbeit sticht gar mit einigen wirklich schönen Bildgestaltungen ins Auge und Riz Ortolanis minimalistischer, jazziger Score kann sich hören lassen. Vielleicht wäre unter anderen Umständen aus den vorhandenen Zutaten ein etwas bekömmlicherer Giallo mit einem deutlicher herausgearbeiteten Subtext über den Kampf des Vergehenden gegen die Moderne entstanden. In der vorliegenden Form aber wirkt es fast, als habe man Lenzi nach dem Auftakt ausgebremst, daran erinnert, dass die Edgar-Wallace-Reihe britische Kriminalromane und keine reißerischen italienischen Groschenhefte sind und ihn letztlich demotiviert.