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Weit in der Ferne...

Hoffnungslos nennt man wohl diese Umstände, ein Umhertraben, ein Dahinvegetieren, mit dem Bewusstsein, dass dort Draussen ausser dem Zwang, nur der Tod, die Verzweiflung, oder das qualvolle Ende der Hoffnungslosigkeit schwebt. Zerüttet in dem Dasein des Gefangenseins, wie ein Vogelkäfig, gehalten, der sich aber aber nach Freiheit sehnt, wie es seine Flügel erlauben, bestimmt seine ursprüngliche Natur sich frei bewegen zu können. Die Leiter nach oben in der Ferne, doch sie bricht immer ab und so verschwimmt das Leben in Beton aus Grau in Grau, weil man ausser Provokation, vor lauter Rückschläge, nichts Anderes mehr kennt. Doch in den Köpfen herrscht der Unmut eines jeden Menschen, sich wünscht hinfortzuschweben.

Der Vater ein aggresiver, besitzergreifender, bestimmender und gewaltbereiter Arsch, der eine Sohn verloren, der Andere, der aus dem Sumpf der Belanglosigkeit heraus möchte. Inmitten Brüno, alleingelassen von der Mutter, die in der banalen Hoffnung nach etwas Besserem strebt, aber ihren Sohn dadurch vernachlässigt. Sein einziger Besitz ist sein kleiner Vogel und seine Fantasie nach reinem Frieden, die durch die Zuneigung einer imaginären, in weisse Laken der Reinheit umhüllte, wunderschöne Frau, die seine nach Wärme greifende Hand hält.. Er ist genügsam, voller Willen, wissensbegierig, doch auch voller Trauer und Weltschmerz, weil seine kleine Welt in Hochhaushohen Sümpfen in Endstationen versinkt.

Alleine diese Hoffnungslosigkeit gescheiterter und auswegloser Existenzen offenbart der französische Film, der damals einen handfesten Skandal, aufgrund seiner schonungslosen Inszenierung gewaltbereiter Jugend aufbereitete, symbolisch, denn auch wenn er nur eine dramatische, nicht gerade gehalt ,- oder spannungsvolle Geschichte erzählt, rüttelt er aufgrund seiner bildgewaltigen Zweideutigkeit extrem auf. Langsam erzählt, zeigt er uns eine karge, graue und kaputtene Welt von Menschen, die in Schulen ihre Stunden absitzen, obwohl sie wissen, dass ihr Dasein keine Zukunft in dieser Zeit hat und sie nach Hause kommen, ohne Wärme, dafür aber Brutalität, Einsamkeit und den Hass auf sich und ihre in Ketten gelegte Umwelt erfahren müssen.

Es ist sinnvoll den Film in einem gnadenlos schranzigen Hochhaus spielen zu lassen, in dem Unmengen von Menschen ihr Leben fristen. Massenmenschenhaltung der unschönsten Art, es ist ein Hausen, sie sind eingekerkert, doch der Lärm um sie herum könnte ihnen nicht egaler sein, steigert sich die ignorante Wut immer weiter aus, die der kleine Bruno immer weiter erfahren muss. Symbolträchtig schildert der Film ein kaltes Grauen der Realität und banalisiert fast schon lebensverneinend unser Tun und sein, denn ein Gesetz kennen diese mittellosen Menschen nicht, ausser sich selbst beschützen zu müssen.

Der Film bietet Schlüsselsituationen, die man entweder auf sich einrieseln lässt, oder die den traurigen Umstand, der auf das alles hinausspielte noch mehr untermauern. Einige, sofern man sich nicht in das schreckliche, absolut realistische Szenatio hineinversetzen kann, werden es als schlichtes Teendrama abstempeln, dabei bietet der Film, der irgendwo eine Gradwanderung zwischen Kids, Rollins Night of the Hunted oder dem deutschen Film Bübchen ist, doch viel mehr.

Sofern er anprangern möchte oder aufrütteln will, tut er das verdammt gut, denn er schildert eine Zwecksfreundschaft, zweier noch so ungleicher Menschen rücksichtslos, wo andere Dramen schon längst abgeblendet hätten. Ignoranz des Vaters führt zu kalter Wut, ein Nichtgeborgensein, das man an seiner Umwelt auslassen muss, auch wenn die genauso vor die Hunde geht. Ob der Hund hinterm Motorad hergezogen wird, oder elendige Säufer auf der Parkbank angezündet werden, der Vorschlaghammer trifft immer die, die noch kleiner sind, oder nicht fähig sich zu wehren.

Es ist klar, dass der Film dies nicht zur Unterhaltung zelebriert, denn wenn man es anders betrachtet ist der Film ein Mahnmal der in eine andere friedvolle Welt schielt, was man an vielen Situationen und am Ende auch erahnen kann. Wer das nicht erkennen kann oder nicht will, ist genauso gefangen, wie der eine Vogel, der aus seinem Käfig nicht entfliehen kann, oder die weisse Taube, die nach Frieden bettelt.

In einer Szene trifft der Vater es auf den Punkt, kritisiert er doch die scheinbar banalen Taten seines zweiten, älteren Sohnes, der nun zu arbeiten beginnt. Er würde versklavt werden, ausgenutzt wie ein kleines Stück Vieh, abgerattert und elendig verendet für eine Arbeit, die ihn zwar unterhält, aber seine Seele raubt. Doch die Widersprüchlichkeit kommt auch hier mit dem Dampfhammer, liegt die wahre Intention des Filmes darin, die Worte des Vaters zwar zu bejaen, doch er selbst ödet vor sich hin, vor lauter Schmutz, Hass, Wut und Dreck. Der Film differenziert zwischen störriger Anschaunung und einem Gefangensein in festgefahrenen Vorurteilen.

Es ist zwar so, dass der Film mit Bruno einen eigentlichen Protagonisten hat, aber eigentlich bezieht er sich auf die Allgemeinheit der Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, in der man sich beweisen muss, in der man eigentlich nur untergehen kann. Bruno weiss das, denn er passt sich unbewusst dem Flegelsohn des zerstörten Vaters an, um nicht alleine zu sein, seine Zeit vertreiben zu können, doch anderwertig bleibt er länger in der Schule um mit seiner zuvorkommenden und ruhigen Treuseele von Lehrerin mehr zu lernen, da er von ihr wirkliche Akzeptanz und Respekt erfährt. Allein die Szene, in der der Junge, nach dem er für seine gute Arbeit gelobt wird und er fragt, ob er kein Taugenix ist, macht den Film klarer, zeigt er nur zu sinnbildlich auf, was Bruno und der bzw. diese Menschen brauchen, aber fast nirgends finden.

Der Film braucht nicht vielmehr als ein paar Teenies, ein ranziges Hochhaus, die Schule und einen Park um zu schildern, wo sich die Hauptmotivation bewegt. Und das Ende mag zwar hart und direkt sein, doch es kommt Knall auf Knall, wie es nur allzu menschlich ist. Der Gnadenstoss bekommt immer derjenige verpasst oder verpasst es sich selbst, der es am wenigstens notwendig. Aber man weiss es nicht, denn alles wie in dem Film, je nach Standort ist Interpretationssache.

Es ist ein wechselhaftes, zwanghaftes Mitziehen, Fliehen, Vergessen und Hoffen. Doch am Ende bleibt nur die Freiheit - wer tot ist lebt wirklich. Womöglich in Frieden...

Lärm und Wut ist ein seltenes, ruhiges, lautes, wütendes und traurig pessimistisches Drama, dass Hoffnung weckt, einen aufhorchen lässt und doch alles im Keim erstickt, kommt man sich nach dem Sehen so klein, belanglos und eingeschlossen vor. Was hat ein Leben zu bieten, in dem man auf der Stelle steht. Perspektiven muss man sich schaffen, aber nicht durch radikale Zerissenheit erzwingen, denn dadurch zerstört man die Emotion, den eigenen Frieden und meist die eigene Umwelt.

Lärm und Wut kann man jedem ans Herz legen, der sich als Mensch wieder selbst entdecken möchte, bei einem Film nachdenken ,- fühlen und leiden möchte, und auch soviel Weitsicht besitzt, den Film nicht als plakatives Jugenddrama abtun zu müssen.

Geheimtipp !

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