Einen Animationsfilm über Ratten zu drehen, ist an sich ja schon mal riskant, zu viele Vorurteile sind mit den Nagern verbunden, Schmutz und Krankheiten tauchen nicht selten im selben Satz auf, in dem auch das Wort Ratte fällt.
Aber dann auch noch einen Film über eine Ratte mit ausgezeichneten Kochkünsten in einem französischen Nobelrestaurant zu drehen, dazu muß man ein echter Hasardeur sein oder bei Pixar arbeiten.
Zum Glück ist „Ratatouille“ von Pixar und bis auf diejenigen, die einen akuten Ekel vor Ratten mit sich herumtragen, dürfte das Amusement auch mit diesem Streich garantiert sein.
Getreu der alten Regel, das die Geschichte die Bilder tragen muß und umgekehrt, hat das Animationsteam auch hier wieder eine relativ perfekte Balance gefunden, zwischen leisem Ernst und komischen Jokes, zwischen Niedlichkeit und Slapstick.
Die Geschichte von der talentierten Ratte Remy, die sich eines unbegabten Küchenjungen bedient, um ihren Leidenschaften nach zu gehen und ein berühmtes Restaurant zu retten, ist gleichzeitig auch eine Geschichte über die Suche nach Identität und einem Platz im Leben.
Die alte Zeichentrickmoral von der „Zusammengehörigkeit der Familie“ findet hier ebenso ein Plätzchen wie das Prinzip „Auch du kannst es schaffen!“, das zu Ruhm und Selbstüberwindung führt.
Zugegeben, durch diese alten Weisen, ist die Story von „Ratatouille“ dann doch ein wenig altbacken, die Präsentation reißt es allerdings wieder heraus.
Und ich spreche jetzt mal nicht von Tausenden von Rattenhaaren, die animiert werden mussten, sondern von dem Gesamteindruck an Bewegung, Geschwindigkeit, Farbe, Licht, Schatten, Atmosphäre und Einfallsreichtum, der in den Bildern zum Tragen kommt.
Frische, unterhaltsame (wenn auch nicht sonderlich innovative) Charaktere würzen die Geschichte, die doch immer sehr stark auf Remy konzentriert bleibt, während die teilnehmenden menschlichen Figuren eher auf ein zeitweiliges Karikaturenmaß gestutzt werden.
Erzählerisch ist es ein bisschen viel auf einmal: die Selbstfindung, die Familie, die Differenzen Mensch/Ratte, die Liebe, der Kampf um das Restaurant als Erbe, die Zufriedenstellung des großen Restaurantkritikers, das alles ist manchmal etwas episodenhaft.
Aber die Leichtigkeit und der Drive mit dem das alles präsentiert wird, ist mitreißend genug, um solche Zweifel während des Films gar nicht erst aufkommen zu lassen.
Interessant ist, das auch hier die Geschichte wichtiger ist, als die Gagquote. Tatsächlich treten die üblichen Jokes hier nur sehr selten vor den Vorhang, vielmehr wird in „Ratatouille“ eine verhaltene Situationskomik kredenzt, die sich aus dem Geschehen ergibt und mehr Amusement als lautes Gelächter produziert.
Ein besonderes Kompliment übrigens an die gekochten Gerichte, die tatsächlich appetitanregend aussehen und an den am besten visualisierten Moment des ganzen Films, als ein Bissen des servierten Titelgerichts den nosferatu-ähnlichen Kritiker in seine Landkindheit zurückwirft. Das ist so werbewirksam reklamehaft wie anrührend und funktioniert prachtvoll als antiklimatischer Höhepunkt in einem Film, der endlich mal ohne riesige Verfolgungsjagd oder totales Chaos endet, sondern mit einer stillen Note.
Pixar ist und bleibt eine Ansammlung hervorragender Geschichtenerzähler für jung und alt – und „Ratatouille“ gibt nicht zu der Befürchtung Anlaß, das sich das in Kürze ändern sollte. (8/10)