Review

Auf die Frage hin, weshalb er
sich für Auschwitz entschieden habe, um seinen Zivildienst zu machen, antwortet
der junge Sven Lehnert (gespielt von Alexander Fehling): „Es gab nichts
anderes.“ So unbedarft wie diese Antwort ausfiel, gestaltet sich auch der Film
– was in keinster Weise negativ gemeint ist – um diesen jungen
Zivildienstleistenden, den es aus Berlin nach Oswiecim, dem uns bekannten
Auschwitz, verschlägt.

In einer Begegnungsstätte soll er
sich um die täglich anfallende Arbeit kümmern und trifft dabei auf den alten,
knauserigen KZ-Überlebenden Stanislaw Krzeminski (Ryszard Ronczewski), der
seine Lebensaufgabe durch das Restaurieren alter Häftlingskoffer aus dem Lager
definiert. Das Verhältnis der beiden ist anfangs durch Ignoranz geprägt, was
immer wieder zu Spannungen führt. Eine Spannung ganz anderer Art entwickelt
sich andererseits zwischen Sven und der polnischen Touristenführerin Ania
Lanuszewska (Barbara Wysocka), die sich zufällig auf dem Lagergelände treffen
und später eine gemeinsame Wohnung teilen. Eine Liebesbeziehung ist hier
vorprogrammiert und führt zu einer tiefen Enttäuschung für Sven, als er
erfährt, dass Ania als Dolmetscherin nach Brüssel gehen wird. Um diese
zentralen Handlungsstränge herum spielt sich ein Leben jenseits der Lagermauern
und Stacheldrähte ab, das geprägt ist von alltäglichen Sorgen und
Glücksmomenten sowie von Gewinn und Verlust.





Was an diesem Film sofort ins
Auge fällt, ist sein Bemühen darum, gegen die klischeehafte Symbolik des uns
bekannten Ortes der Vernichtung zu agieren. Dies beginnt zugleich mit dem
Vorspann. Jeder von uns ist geprägt durch das eine (symbolische) Bild des Tores
nach Auschwitz, auf das die Gleise wie ein Weg ohne Wiederkehr hindeuten. Selbstverständlich
rechnen wir damit, dass diese Einstellung zwangsläufig im Film auftauchen muss,
am besten gleich am Anfang. Diese Erwartung erfüllt dieser Film nicht. Alles
was wir sehen, ist der Bahnhof von Oswiecim. Und die Gleisanlagen und der
Bahnsteig lassen höchstens eine Allegorie auf das Tor und die Rampe von
Auschwitz vermuten. Der gesamte Film ist so gestrickt und lässt uns die
Vergangenheit aus einer gewissen unschuldigen Position, eben durch die eines
unbeteiligten Jugendlichen, beobachten. Besonders erfahrbar wird dieses
Erzählelement, als sich Sven und Ania an einem See gegenüber sitzen, zu dem sie
auf Fahrrädern entlang der Stacheldrahtzäune und den auffällig emporragenden
Wachtürmen gelangt sind. Er fragt sie danach, wie sich so fühlt, hier zu leben.
Eine Frage, die jedem von uns wohl als erstes einfallen würde, wenn wir diesen
geschichtsträchtigen Ort besuchen würden. Sie sei hier geboren und würde hier
leben, ist ihre unbekümmerte und auch überraschende Antwort. Hier baut sich
eine zwischenmenschliche Beziehung auf, die losgelöst, ja fast befreit ist von
stereotypisierten und kollektivschuldgeplagten Gedanken. Nur in wenigen
Momenten tauchen scherzhafte Anspielungen auf die Vergangenheit auf. Wie
beispielsweise, als sich ein älterer polnischer Mann in einer Kneipe Stanislaw
gegenüber bezüglich seines Zivis äußert: „Wie sich die Zeiten ändern. Jetzt
sind die Deutschen schon unsere Chauffeure!“ Hier darf gelacht werden, ohne
politisch unkorrekt zu sein. Denn die „Political Correctness“ gerät hier
vollends unter die Räder und wird zum zentralen kritischen Moment dieses
Filmes. Wie jedwede visuelle Symbolik versucht wird zu entkleiden oder zu
umgehen, wird auch die politische Symbolik, mit der sich allzu gerne das
Establishment schmückt, in ihrer lächerlichen Nacktheit gezeigt. Als sich ein
deutscher Chemiekonzern in Oswiecim ansiedeln will, wird der bescheidene
Stanislaw herbeigeholt, um als Symbol-Figur an einer Gedenkstelleneinweihung
ein gutes Bild zu machen. Seine persönliche Geschichte stößt auf Desinteresse.
Er wird gebraucht als ein Bild, das am nächsten Tag in allen Zeitungen stehen
wird. Genauso wie er schon gebraucht wurde, als er noch in diesem Lager die
Koffer der Opfer von der Rampe schaffte. Eine ehrliche Würdigung seiner
Persönlichkeit wurde ihm nie zuteil.



Die Touristen kommen und gehen.
Sie verharren eine paar Minuten, vielleicht ein paar Stunden und verschwinden
dann wieder über die Zuggleise aus Auschwitz. Zurück bleiben die Einheimischen
und Opfer mit ihren Geschichten, die niemand hörte. Dieser Film legt seinen
Fokus exakt auf diese Geschichten und bezieht daraus seine besondere Stärke.
Und es wird deutlich, dass sich im Kino eine Wendung vollzieht im Umgang mit
der deutschen Vergangenheit. Namen müssen nicht immer ein unumstößliches
Synonym für ein Ereignis sein. Bedeutungen können sich auch ändern mit den
Generationen, ohne in ihrer Schwere oder auch Leichtigkeit verändert zu werden.

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