WHAT A WONDERFUL WORLD
I see trees of green, red roses too
I see them bloom for me and you
And I think to myself, what a wonderful world
I see skies of blue and clouds of white
The bright blessed day, the dark sacred night
And I think to myself, what a wonderful world
(Louis Armstrong)
Diese Zeilen aus dem bekannten Song „What a wonderful World" von Louis Armstrong spiegeln im wahrsten Sinne wunderbar das zufriedene, aber auch wehmütige Gefühl wieder, mit welchem der Betrachter den Kinosaal verlässt, nachdem er das neue Dokumentationsmeisterwerk „Unsere Erde" vom Regisseur Alastair Fothergill und seinem Partner Mark Linfield gesehen hat. In Zeiten von globaler Erwärmung und Feinstaub und Klimaschutz, in Zeiten, in denen die Medien beherrscht werden von Knuts, Flockes oder anderen unglaublich gehypten knuddeligen Tierbabys , in Zeiten, in den man täglich dem ultimativen Tieroverkill a là „Sendung mit der Maus" durch „Nürnberger Schnauzen", Puma, Löwe und Co" oder „Seebär, Mücke und Hase" aus sämtlichen deutschen Tierparks hilflos ausgesetzt ist, trifft dieser Film mit bezaubernden Bildern und wohltuendem Niveau gerade den Nerv der Zeit, ohne allerdings den moralischen Zeigefinger zu heben.
Der Regisseure wandelten mit ihren 40 Kamerateams auf den Spuren des altehrwürdigen Heinz Sielmann und begaben sich monatelang auf eine waghalsige und abenteuerreiche „Expedition ins Tierreich" deren fantastisches und bezauberndes Ergebnis man nun in „Unsere Erde" bestaunen kann. Die Dokumentation folgt dem populären und bekannten Vorbild der BBC - Reihe „Planet Erde", bei welchem Alastair Fothergill ebenso als Regisseur verantwortlich war und entführt den Zuschauer in bis dato unbekannte und ungeahnte Welten. Neben unsere Erde sind die Protagonisten der Elefant, der Buckelwal, der Eisbär und viele weitere farbenfrohe und bedrohte tierische Gesellen.
Mit unglaublichem Aufwand und erstaunlicher Beharrlichkeit - welcher Film beanspruchte schon eine Produktionszeit von etwa fünf Jahren (inklusive 250 Tagen Luftaufnahmen), bei welchem Film wurde an etwa 200, zum Teil an den entlegensten und faszinierendsten Orten in 26 unterschiedlichsten Ländern gedreht - schafften die beiden Macher aus 1000 Stunden Material einen Dokumentationsfilm zu erstellen, der sowohl die Schönheit „unserer" Erde, aber auch deren Zerbrechlichkeit zeigt.
Die Reise beginnt im März, 1200 Kilometer südlich des Nordpols. Noch hat es die Sonne nicht geschafft, Licht ins Dunkel zu bringen indem sie die kargen, unwirtlichen Winterstürme vertreibt. Dies gelingt ihr jedoch schon bald und es dauert auch nicht lange, bis die Eisbärenmutter ihre Nase nach dem Winterschlaf aus ihrer Höhle streckt und tolaptschig den steilen Eisberg hinunterpurzelt. Damit aber nicht genug, aus der Höhle kommt auch noch ein zwei Monate alter „Knut" und seine ebenso alte Schwester „Flocke" gekrochen. Einen besseren, (ungewollt) tagesaktuelleren und publikumswirksameren Beginn hätten die Macher kaum auswählen können. Es macht schon sehr großen Spaß, den beiden Eisbärbabys bei ihres ersten wackeligen Gehversuch im Tageslicht zu beobachten. Die Reise geht weiter zu den Karibuherden 1600 Kilometer südlich des Nordpols und weiter 3000 Kilometer südlich zu den Luxen in die russische Taiga, bevor es weitere 1000 Kilometer südlich den seltenen Amurleopard trifft, von dem es weltweit nur noch vierzig freilebende Exemplare gibt. Besonders komisch ist der nun folgende Balztanz diverser Paradiesvögel in Papua-Neuguineas auf Höhe des Äquators. Bald schon trifft man auf einen weiteren Hauptdarsteller, neben dem Eisbär, dem Elephanten. Diese nehmen den Zuschauer mit auf ihre anstrengende, schier endlose Wanderschaft, wo sie Wind- und Wetter und viele anderen tödlichen Gefahren ausgesetzt sind. Beeindruckend ist auch der Flug der Jungfernkraniche von den Brutstätten in Tibet (Zentralasien) zu ihrem Winterquartier in Indien.
Der Weg des Wassers (und der Elefanten) zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Nachdem man am Nordpol gestartet ist und sich mit waghalsigen Kameraflügen an atemberaubenden Wasserfällen vorbei gen Süden begeben, und Affen, Büffel und Giraffen im zum Teil vom Wasser überflutenden Afrika begleitet hat, taucht man nun ab ins Wasser und trifft dort auf den dritten Protagonisten im Bunde: einer Buckelwalmutter und ihrem Jungen. Auch ihr Weg wird kein leichter sein. Dieser beginnt 800 Kilometer südlich des Äquators und wird 6500 Kilometer südlich davon, nahe der Antarktis, mit dem großen Fressen enden. Dazwischen kann man noch (äußerst faszinierend und fesselnd) dem weißen Hai bei der Robbenjagd, sowie einige putzige Pinguine auf ihrem Marsch zu den Brutplätzen beobachten. Am Ende schließt sich der Kreis. Der Eisbär, dem man schon zu Beginn des Films folgen durfte, ist nun mittlerweile dem Ende nah. Aufgrund der Erderwärmung haben sich seine Nahrungsgrundlagen drastisch geändert.
Was sich nun als reine, monotone Aneinanderreihung verschiedener, wenngleich auch eindrucksvoller Tiermotive anhört, ist in Wirklichkeit eine Dokumentation, bei welcher zu keiner Zeit Langeweile oder Langatmigkeit auftritt. Neben den vielen tierischen Darstellern, lebt der Film auch von der farbenprächtigen Flora und Fauna dieses Planeten, die in noch nie da gewesenen Bildern den Zuschauer in ihren Bann ziehen. Dies verdankt der Film der wahnsinnig aufwändigen Technik, die vor allem im Bereich der Kamera verwendet wurde, und der Geduld und Beharrlichkeit der Fotografen. Während man dem weißen Hai in Superzeitlupe beim Ergreifen der Robbe zusehen kann, gibt es auch etliche, faszinierende Aufnahmen (vor allem von Pflanzen) im Zeitraffer, wodurch der Film an Fahrt und Dynamik gewinnt. Unterstrichen wird dies durch eindrucksvolle Nachtsichtkamera- und Helikopter-Kameraaufnahmen. Dafür konnten die Macher auf die neueste Technik von der BBC zurückgreifen. Nichtsdestotrotz mussten die Kameramänner dennoch an den entlegensten Plätzen dieser Erde und zum Teil unter den widrigsten und gefährlichsten Bedingungen Ausharren, um diese Bilder zu Motive filmen zu können.
Um einen sehr guten und absolut sehenswerten Dokumentarfilm fertig zu stellen, fehlen aber noch zwei essentielle Bestandteile, Momentan würde der Film nur aus Bildern bestehen. Was fehlt ist ein Sprecher und eine passende Filmmusik. Der Sprecher ist, anders wie in einigen Nachmittags-Tierdokus, sehr zurückhaltend und angenehm. Seine Stimme ist zwar eindringlich, aber keineswegs belehrend, oder aufdringlich. Der Sprecher weiß sich auch in bestimmten Szenen zurück zunehmen und allein die Bilder sprechen zu lassen - bzw. die Bilder und die Musik. Diese stammt von keinem geringeren Orchester als den Berliner Philharmonikern. Und das dieses Orchester keine unterklassige Kirmeskapelle ist, sondern eine Ensemble der besten Musiker, ist ja hinlänglich bekannt. Dieses Können hört man auch mit jedem Ton, welcher von George Fenton (Soundtrack zu "Gandhi") komponiert wurde. Mal laut, mal leise, mal schnell, mal langsam und einfühlsam, und in jeder Sekunde des 99-minütigen Films angemessen und insofern wirksam, als dass sie sich nicht in den Vordergrund drängt, sondern nur die Bilder und das Geschehen auf der Leinwand verdeutlicht, untermalt bzw. unterstreicht.
FAZIT:
An dieser Stelle möchte ich noch mit zwei Gedanken zum nachdenken anregen: Ist es wirklich notwendig, dass man, wie eben in Form der Raumfähre Atlantis geschehen, Millionen und Milliarden von Euros in die Entdeckung und Erforschung des Weltalls steckt, wenn man dieses Geld doch hier auf der Erde z.B. für den Klimaschutz doch viel dringender benötigen würde - wie der Film eindringlich unterstreicht - quasi nach dem Motto: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute läge so nah. Des Weiteren fängt man, nachdem man das Schöne und die Weite der Welt in „Unsere Erde" gesehen hat, wirklich ernsthaft über die Sinnhaftigkeit von Zoos und Tierparks nachzudenken, wenn da dem Betrachter vorgegaukelt wird, wie gut es diversen „Nürnberger Schnauzen" durch eine pseudokomische Stimme aus dem Off personifiziert und eingesperrt in trostlose und extrem beengte Gehege doch geht. „Unsere Erde" ist sehr sehenswert, denn in Zeiten der erhöhten Aufmerksamkeit bezüglich des Klimawandels, möchte "Unsere Erde - Der Film" nicht belehren, sondern die atemberaubende Schönheit der Erde einfangen und dem Zuschauer anhand spektakulärer Aufnahmen zeigen. Nur dezent wird am Ende des Films dabei deutlich gemacht, wie gefährdet eben diese Schönheit ist und welch große Verantwortung auf den Schultern der Menschheit lastet: „Der Eisbär ist das Symbol für die Lage unseres Planeten....". Dabei wird aber nicht der moralische Zeigefinger gehoben, sondern eher an die Vernunft der Menschen appelliert, diese von Natur aus gegebene Schönheit nicht mit Gewalt zu zerstören - aber das erwartet man auch von seinem Film. Der Mix aus Bild, Erzählung und Musik ist äußerst unterhaltsam und kurzweilig, deshalb: unbedingt anschauen.
(9,5/10 Punkten)