Selbstjustiz war nie ein Filmthema, das man zu aller Zufriedenheit behandeln konnte, meistens diente es lediglich als Vorwand für ausufernde Gewaltorgien auf Kosten des eigenen verqueren Rechtsempfindens in Szene zu setzen. Der Tenor, etwa bei so manchem Charles-Bronson-Film war meistens „menschenverachtend“, sein Publikum fand er als Mittel zur Triebabreaktion jedoch trotzdem.
Um einen Bronson geht es auch bei „Death Sentence“, der ein modernisiertes Remake von Michael Winners „Death Wish“ darstellt, bzw. eine Neuinterpretation des Originalromans von Brian Garfield.
Doch das zu erwartende selbstzweckhafte Gewaltspektakel findet um einige Nummern kleiner als zu erwarten war, statt. James Wan, Regisseur von „Saw“ hat tatsächlich einen Ansatz gefunden, das Thema nicht nur eindimensional als Gewaltorgie abzuhandeln.
An die Stelle von Bronson tritt hier Kevin Bacon, Angestellter einer Versicherung in Sachen Risikomanagement und mit einer glücklichen Familie gesegnet, nicht gerade der abgründigste Typ, den man sich vorstellen kann. Der Tod seines ältesten Sohnes infolge eines Gang-Initiationsrituals setzt schon die Zeichen für eine interessante narrative Parallele, die Existenz bzw. der Zerfall der Familie.
Sowohl Nick Hume als auch der Anführer der Gang, Billy Darley, sehen sich als integrales Mitglied einer Familie. Während Hume mit Frau und zwei Söhnen den Archetyp darstellt, präsentiert sich die Gang rund um Darley als eine leicht pervertierte, aber nichtsdestoweniger enge Form der Familie.
Da jede der beiden Seiten ihre Form der Familie als schützenswert ansieht, wenn auch aus unterschiedlichen moralischen Sichtweisen, setzt dies eine Spirale der Gewalt in Gang, die nur tragisch ausgehen kann.
Die sonst eher stark vorgetragene Kritik am Justizsystem tritt bei Wan in den Hintergrund, die Umstände, die dazu führen, dass der Täter nicht mehr als 3-5 Jahre Gefängnis kriegen wird, sind nicht mal von der Hand zu weisen und Humes Ausstieg aus dem System ist schnell vollzogen – selbst die sporadisch auftauchende Polizistin kann das System an sich nicht stärken, äußert meistens nur bekannte Worthülsen, die bewachende Streife wird schließlich dahingeschlachtet.
Interessant wirkt auch, dass das übliche Auge-um-Auge-Prinzip hier eher mit einem weinende Auge angewendet wird, es handelt sich mehr um eine Abwärtsspirale. Der geplante Racheakt an dem Mörder gelingt mehr oder weniger zufällig oder in höchster Not, was nun Nick zur Zielscheibe macht. Die auf ihn eröffnete Jagd führt allerdings nur zu einem weiteren Opfer der Gang. Von nun an fokussiert sich Familie auf Familie, nach einem nächtlichen Gewaltakt bleibt Nick noch weniger als bisher, was ihn schließlich jeglichen Lebenssinn vergessen lässt.
Die zu erwartene Gewaltstrecke bleibt in „Death Sentence“ erfreulicherweise lange außen vor, Nicks Flucht vor der Gang auf offener Straße dient viel besser zur Spannungserzeugung, da Wan viel mit Handkamera und grobkörnigen, leicht grauen Bildern arbeitet und durch die hektischen, lebensnahen Bilder die nötige Bedrohlichkeit herausfiltert.
Erst im letzten Viertel geht es schließlich „Mann-gegen-Mann“ und da wird dann zunehmend zu großen Mengen roter Sauce gegriffen, wobei das finale Duell zweier Familienoberhäupter, die sich beide im Recht wähnen, einigen Erinnerungswert besitzt, da niemand mehr auf sich selbst Rücksicht nimmt.
Im vorherigen Verlauf des Films setzt Wan aber ausreichend Aktzente auf das dramaturgische Potential des Stoffes und anders als Bronsons unterkühlter Kersey, wirkt Bacon schon fast überemotional, sorgen so manche familienwertorientierte Mono- und Dialoge fast unerträglich kitschig.
Gelungen aber die Entwicklung vom risikobewußten Abwäger zum zu alles bereitem Totschläger, den Bacon nie zum Übermenschen macht: sein Nick hadert immer wieder mit Verbänden, rennt um sein Leben, muß ständig in der Verteidigung bis aufs Letzte improvisieren und sieht am Ende aus, als hätte ihn ein Panzer überfahren. Den Umgang mit Schusswaffen muß er erst lernen und die Angst ist ihm in keiner Szene fremd.
Natürlich gehört eine Menge Glück zum finalen Angriff auf eine Drogenfabrik, aber Wan vermeidet komplett Übermenschliches, das er seinen Figuren zumuten würde und niemand kommt ungeschoren davon.
Die Selbstjustizfrage an sich stellt der Film hinten an, der tragische Zerfall der Familie bleibt im Zentrum (wie es auch schon Cronenberg in „A History of Violence visualisierte), wobei es hier am Ende keinen eindeutigen Gewinner und keinen eindeutigen Schuldigen gibt – alle haben verloren.
Daß Selbstjustiz nicht funktioniert, ist dabei nebensächlich – das alle Figuren mit den Konsequenzen ihres Tuns zu leben haben, wesentlich wichtiger.
Ein bitterer, relativ derber Film, der wieder einiges an Kontroversen aufwerfen wird (nicht zuletzt durch die Gore-Einlagen und die vermutlich zu erwartende Simplifizierung des Themas auf das Schlagwort „Selbstjustiz“) und sich erfreulich zwischen die Stühle setzt, denn er beliefert niemandens Erwartungen komplett, kann jedoch sowohl Actionfreunden, als Gorefreaks oder Drama-Interessierten etwas bieten.
Man sollte allerdings nicht zart besaitet an das Ganze herangehen. Interessant! (8/10)