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Das Thema „Selbstjustiz“ dürfte in diesen Tagen wieder heiß diskutiert werden. Klar, wenn eine Gruppe mutmaßlicher Vergewaltiger aus Mangel an Beweisen und im Zweifel für die Angeklagten freigesprochen wird, wird es gewiss eine Menge Leute geben, die der „Gerechtigkeit“ einen anderen Ausgang gewünscht hätten.
Wie schnell man in so eine Spirale der Gewalt geraten kann, zeigt James Wan mit seinem „Death Sentence“ recht eindrucksvoll, wobei er dabei das Thema Selbstjustiz weniger in den Vordergrund stellt, als Schutz und Verteidigung zweier auf den ersten Blick höchst unterschiedlicher Familien.

Kevin Bacon schlüpft hier in die Rolle des Nick Hume (ganz offenbar eine Abwandlung von „Humanity“), eines Versicherungsangestellten und Familienvaters mit Frau und zwei Söhnen.
Als Humes ältester Sohn unter seinen Augen beim Stop an einer Tankstelle von einem werdenden Gangmitglied im Zuge eines Aufnahmerituals ermordet wird, gerät eine Abfolge von Gewaltakten in Gang.
Hume entschließt sich, vor Gericht nicht gegen den Killer auszusagen und bringt ihn stattdessen um. Doch schnell findet die Gang, unter der Leitung des eiskalten Billy Darley (Garrett Hedlund), die Spur des Rächers.

Keine Figur handelt hier rational, Impulsivität steht im Vordergrund und lässt so manche Handlung zunächst unglaubwürdig erscheinen.
Denn, ein Familienvater will schließlich seine Familie schützen und würde doch, wenn er weiß, dass die Gang bereits auf seiner Spur ist, diese bei Verwandten oder Freunden verstecken. Hume macht dies nicht, dafür handelt er aus viel zu egoistischen Motiven heraus, um, wie er später selbst sagt, „die Ordnung wieder herzustellen“. Auch wenn ihm das Überleben seiner Familie überaus wichtig ist, handelt er diesbezüglich oft irrational.

Gleiches gilt für die Gegenseite der Gang. Zwar wird deren Mitgliedern, hauptsächlich bestehend aus furchteinflössend aussehenden Brüdern, weniger Tiefe verliehen, doch auch diese handeln im Sinne der Zusammengehörigkeit. Und man hat zu keiner Zeit den Eindruck, es mit emotionslosen Typen zu tun zu haben, Wan lässt sich immer wieder Zeit, Beweggründe der Figuren darzustellen und nachvollziehbar erscheinen zu lassen.
Somit ergibt sich auf emotionaler Ebene eine glaubwürdige Abfolge, zumindest bis zu einem bestimmten Punkt, an der die Handlung ins Groteske abdriftet, was primär in den letzten rund 20 Minuten auf den Zuschauer einprasselt.

Bis dato bringt Wan jedoch eine ausgewogene Mischung aus Action und Dramen – Elementen.
Wie Hume nach dem Mord am Gangmitglied unter der Dusche emotional zusammenbricht, ist dabei nicht minder unterhaltsam, wie eine längere Verfolgungssequenz, in der Hume vor bewaffneten Gangmitgliedern durch dunkle Gassen, Restaurantküche bis ins Parkhaus flüchtet. Wobei der Zweikampf in einem rückwärts rollenden Auto ohne Frage zu den zahlreich vorhandenen Spannungshöhepunkten gezählt werden muss.

Nur leider endet der Streifen nicht an einem Punkt, wo er durchaus hätte enden können, sondern dreht danach noch einmal richtig auf, bringt überaus sarkastische Momente, überzeichnet dabei sämtlich Figuren und lässt die Cops nebenher als totale Deppen da stehen.
Vor allem der etwas aufdringliche Score unterstreicht dabei eine plumpe Heroisierung, die teilweise arg vordergründig erscheint und den Figuren kaum mehr Zeit für etwaige Motivationen einräumt.
Schade ist in diesem Zusammenhang auch, dass man dem Ganzen gegen Ende zuviel Unglaubwürdigkeit hinein konstruiert, denn bis dahin hat man sich allenfalls gewundert, dass Hume scheinbar mehr Leben als eine Katze besitzt.

Dennoch überzeugt Wans Mixtur im Gesamtbild. Dafür sorgen nicht nur die durchweg glaubhaften Darstellungen von Leuten wie Kevin Bacon, John Goodman und Garrett Hedlund, sondern auch seine markante Inszenierung.
Nicht selten fühlt man sich beim Lauf durch enge Gänge mit Rotfilter an sein „Saw“ erinnert und auch die Drogenfabrik während des Showdowns erinnert ein wenig ans Setting seines Überraschungserfolges.
Auch mit derben Gewalteffekten wird nicht gespart, da kann ein Gewehrschuss schon mal ein Bein zerfetzen, während ein kleineres Kaliber eine Hand auseinander fliegen lässt.
Den Action-Sequenzen liegen durchweg harte, aber eben auch glaubhafte Gewaltdarstellungen zugrunde.

Hart ist Wans „Death Sentence“ also in jeder Hinsicht. Der Stoff dürfte überdies erneute Diskussionen über Selbstjustiz im Sinne von „Menschenverachtendes Vorbild im Zuge ungerecht Behandelter“ anheizen, stellenweise nicht ganz zu Unrecht.
Doch auf emotionaler Ebene entwickelt sich daraus eine glaubhafte Auseinandersetzung, die bis zu einem bestimmten Punkt nachvollziehbar ist und somit eine beträchtliche Faszination ausübt.
Zu empfehlen allerdings nur für Hartgesottene.
Knapp
8 von 10

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