Nacht, dunkle Gebäude, ein nasser Keller, Blut, Kampfspuren und ein toter, erstochener Punk.
Schnitt.
Der nächste Tag. Großaufnahme: Der Biss in ein Sandwich. Kevin Bacon mampft sich sichtlich vergnügt durch sein Frühstück. Diese Art Humor amüsierte bereits bei der ersten Brian Garfield Verfilmung „Death Wish", die längst völlig zurecht Kultstatus erlangt hat. Doch beim 2007er Selbstjustizbeitrag des SAW-Regisseurs James Wan geht es im Schnitt eher wenig lustig zur Sache. Die kurze Parallele zur „Death Wish" („Ein Mann sieht rot") Reihe leitet fehl. James Wans neuester Streich ist finster und gemein - fast wie sein SAW. Kein Witzeln und keine universale Überlegenheit à la Bronson heitern den Film auf. Allenfalls Gorehounds erleben den ein oder anderen witzig blutigen Höhepunkt.
Kevin Bacon ist hier nicht der klassische Actionheld oder der nur kurz aus der Bahn geworfene Rächer. Er ist das Opfer. Und er bleibt das Opfer, bis zum Ende des Films. Sein Rachefeldzug, mit dem er seinen ermordeten Sohn rächen will, kommt ihn teuer zu stehen, denn das Böse schlägt genreunüblich hart zurück, und so bleibt es nicht bei einem toten Sohn. Dabei erlebt der Fan harter Filme einen exzellenten, spannenden Thriller, den man so nicht alle Tage im Kino erleben darf. Die Kompromisslosigkeit eines SAW wurde in das Actiongenre hinübergerettet. Eine imposante Leistung eines hervorragenden Regisseurs! Einschüchterung, Hass, Gnadenlosigkeit, Verfolgungsjagden, Prügel und blutige Schießereien treiben „Death Sentence" voran, der nie an Fahrt verliert. Das ein oder andere kleine Logikloch, vor allem in Bezug auf die polizeilichen Ermittlungen, möge hier allerdings verziehen sein. Einem Jason Bourne wirft man ja schließlich auch nicht vor, dass sich seine Agentengegner der CIA so manches Mal derart unbeholfen und vorhersehbar anstellen bei der Jagd auf ihn, dass selbst ein mittelmäßiger Agent hier leichtes Spiel hätte. Eine Geschichte, die das Leben schreibt, ist Kevin Bacons Racheorgie nicht. Dafür geschmackvolle Unterhaltung auf höchstem Actionniveau. Vorausgesetzt man ist unvoreingenommen.
Leitet Nick Hume (Kevin Bacon) den Film doch tatsächlich mit einem Bewerben unter anderem familiärer - und damit amerikanischer - Werte ein. Allein das lässt so manchen in den 70ern hängen gebliebenen Geist aufhorchen. Wenn dann noch die Polizei, allen voran Detective Wallis (Aisha Tyler), die Verbrecher und Mörder sozusagen als Ungeziefer etikettiert, dann ist spätestens vollkommen klar, dass es sich nur noch um ein reaktionäres Machwerk handeln kann, das gewaltverliebt das Gute bejubelt und das Böse verteufelt. Dass Wans neuester Streich, im Gegensatz zum 1974er „Death Wish", keinesfalls die Botschaft versendet, Rache führe zum Glück, bleibt unverstanden. Selbstverständlich repräsentiert „Death Sentence" keinen zutiefst pazifistischen Film - zum Glück nicht -, und natürlich lebt Wan hier seine Gewaltfantasien an wirklich fiesen Verbrechern aus, aber als eine reale Lösung wird Selbstjustiz nicht gepriesen. Die Besonnenheit der Polizei überzeugt schlussendlich. Obwohl die Dimension der Bösartigkeit der Jugendgang durchaus dazu verleitet, Verständnis für den Racheakt Bacons zu empfinden. Solche Niederträchtigkeit existiert nämlich auch in der außerfilmischen Welt. Wir müssen nur einen Blick in die morgendliche Zeitung werfen. Mit schwarz-weiß Zeichnen hat das also nichts zu tun. Kevin Bacon passt sich allerdings schlussendlich der Gnadenlosigkeit seiner Kontrahenten zu sehr an, als dass er noch auf dem rechten Weg sein könnte. Dass er für den finalen Shoot-Out sein Aussehen verändert, untermalt überdeutlich den Wandel seiner Persönlichkeit. Obwohl er den Abschaum in Fetzen schießt, verliert er letzten Endes. Er konnte nur verlieren. Ein diametraler Unterschied zu Paul Kersey, dem seine Racheorgie sichtlich gut bekam.
Untermalt wird das spannende Hin und Her von einem vortrefflichen Score und einer Songauswahl, die nicht besser hätte in Szene gesetzt werden können. Auch die trüben Bilder machen klar, dass das dramatische Element gegenüber dem Krawall oft die Oberhand gewinnt. Nicht nur durch das fehlende versöhnliche Ende eines „A History of Violence" oder eines „Death Wish", sondern auch durch das fahle Grau des Films wird die Stimmung gedrückt. Hier lacht bald niemand mehr.
Thriller, Rache, Action, Blut - kombiniert in einer klasse Inszenierung. Es tut verdammt gut, so etwas im Kino zu sehen.