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James Wans „Death Sentence“ nicht als einen dieser typischen Selbstjustizstreifen anzusehen, wie sie in den 70ern und 80ern noch gerne mit Charles Bronson in der Hauptrolle auf die Leinwand geschickt wurden, ist schlichtweg falsch. Darüber kann es eigentlich keine zwei Meinungen geben, und wer tatsächlich meint, der Film würde das tragische Schicksal des Risikoanalysten Nick Hume (Kevin Bacon), dessen Sohn bei einem mörderischen Bandenritual sein Leben verliert, in den Mittelpunkt rücken, übersieht offenbar, wie wenig das Skript sich bereits zu diesem Zeitpunkt darum bemüht, die Rachegedanken, die seine Hauptfigur mit sich herumträgt, herauszuarbeiten.

Stattdessen wird der Prozeß gegen den vermeintlichen Mörder so schnell abgehandelt, als wäre er für Wan lästige Pflicht. Es bleibt hier kein Platz dafür, Humes Entscheidung, mit einer bewußt falschen Aussage den Freispruch des Täters zu erwirken, von Polizei und Gericht hinterfragen zu lassen und auch das Nachhaken der eigenen Familie, wie die Verhandlung gelaufen ist, ist in nicht viel mehr als einer Dialogzeile untergebracht. Das Drehbuch zeigt sich auffallend uninteressiert an seinen Figuren. Humes Gefühlsausbrüche in Folge seines Gewissenskonfliktes aufgrund der sich häufenden Gewaltakte in seiner Umgebung werden mit einer besonders robusten Brechstange herbeigeführt und scheinen im nächsten Moment wieder vergessen, während Kelly Preston als Ehefrau eine solch unwichtige Funktion erfüllt, daß sie lediglich als Auslöser für Humes Selbstjustiz zu gebrauchen ist, und die Polizei in jeder Hinsicht inkompetent handelt. Wo charakterliche Tiefe insbesondere für den gewalttätigen Anführer Billy (Garrett Hedlund), der seine Gang als Familienersatz betrachtet, angebracht wäre, schweigt sich der Autor aus und gibt ihm lieber keine anderen Eigenschaften als „böse und brutal“ mit. Die konsequent durchgezogene Nachlässigkeit des Drehbuchs, die sich jeder Logik verweigert, hinterläßt beim Zuschauer einzig und allein ausgeprägte Irritationen.

Spätestens mit Humes Besuch bei Waffenhändler Darley wird die wahre Aussage des Films offenbar. John Goodman legt seine kleine Gastrolle als Karikatur eines gewaltbereiten Schießwütigen an, dem jedes Mitgefühl – selbst für seinen eigenen Sohn, der zufälligerweise Billy ist – abhanden gekommen ist, und führt Hume mit hörbarer Begeisterung die Vorzüge der vorgeführten Knarren vor, so daß es auch gar kein weiter Weg mehr für den zu allem entschlossenen Hume ist, bis er für die sehr hart choreographierte Entscheidungsschlacht zum Rasierer greift und sich die Haare schert. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wer hier keine fragwürdigen Selbstjustiztendenzen entdeckt, kann nicht richtig aufgepaßt haben – oder es ist einem einfach egal.

„Death Sentence“ hätte ein guter und nachdenkenswerter Film werden können, wie auch in den letzten fünf Minuten angedeutet wird, in denen der angebliche Held und der Schurke schwer verwundet nebeneinander auf der Bank sitzen und Hume kaum mehr von seinem Widersacher zu unterscheiden ist. Dafür hätte das Skript aber seine Scheißegal-Haltung für alles und jeden über Bord werfen müssen, anstatt auf äußerst grobe Weise durch die Handlung zu ruckeln, ohne nach links oder rechts zu schauen. Wenigstens stimmen die wegen des enormen Kontrasts zum vorherigen Geschehen sehr wirkungsvoll eingesetzten sanften Klänge von Pilot Speeds „Alright“, mit dem man in den Abspann verabschiedet wird, und das offen bleibende Ende kurzzeitig versöhnlich.

Weitaus anspruchsloser und deshalb auch weit weniger kontrovers, als er tut. 4/10.

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