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Mark Lewis ist Kameramann mit Herz und Seele, auch neben der Arbeit im Studio dreht er mit seiner 8mm Kamera, wo es sich gerade ergibt. Sein Traum ist es, ein Regisseur zu werden, geradezu besessen ist er von seinem ersten Film, einer Dokumentation über Menschen. Karlheinz Böhm spielt, jenseits seiner "Sissi"-Schmonzetten, in sehenswerter Weise den seit seiner Kindheit traumatisierten und in seiner Sozialisation gestörten Voyeur und Mörder. Daraus macht das Drehbuch von Anfang an keinen Hehl, trotzdem begleitet den Zuschauer bei der Sicht seines Lebens ein unbehagliches Gefühl, die Motivation ergibt sich erst im Laufe des Filmes durch die Bekanntschaft mit der jungen Helen Stephens, der er als einziger zu vertrauen scheint. Sie interessiert sich für den zurückhaltenden, schüchternen jungen Mann, obwohl ihre Mutter sie vor ihm warnt. Der endgültige Clou ergibt sich erst im Finale, dass genau so erschütternd ist, wie das gute Drehbuch noch einmal mit einer blendenden Idee hervorgehoben wird. Allein die morbide Idee, Todesangst in den Gesichtern von Menschen festzuhalten, fesselt ebenso, wie die Vorstellung, als Kind vom Vater durch dessen Experimente auf dem Gebiet der Angstforschung als Versuchsobjekt missbraucht zu werden. Anna Massey überzeugt in der weiblichen Hauptrolle als etwas naive, aber gutherzige Frau, während ihre blinde Mutter (Maxine Audley) mehr wahrnimmt, als es ihr Umfeld ihr zutraut. Helen befindet sich stets auf dem schmalen Grat zwischen Bezugsperson und Opfer, zunächst, ohne es zu wissen. Trotzdem gibt Michael Powell seinem Psychokiller keinen pathologischen Beigeschmack, sichtbar blutige Szenen wie in "Mosquito der Schänder" etwa bleiben aus. Ebenso eine konsequente Gruselatmosphäre wie in dem kurz danach erschienenen "Psycho", der ja ebenfalls von einem verstörten jungen Mann handelt. Bekannt wurde der Film nicht zuletzt wegen der immer wieder subjektiven Kamera durch den Sucher oder die gezeigten Filme im Film. Die Kameraarbeit ist immer wieder beeindruckend gekonnt und innovativ, nicht nur theoretisch versteht es Powell das Thema Dokufilm aufzuarbeiten. Damit kann dieses beeindruckende Werk als so etwas wie ein Vorläufer vieler in den letzten Jahrzehnten gedrehter Werke gelten, die sich mit dem Thema Snuff-Filme beschäftigen. Im Gegensatz zu Popcornkino wie "8MM" oder brutalen Werken wie "Last House On Dead End Street" stellt "Augen Der Angst" eine interessante Studie über einen verstörten Soziopathen dar, dessen Scopophilie nach dem größten darstellbaren Schrecken in den Gesichtern von Menschen sucht. Regisseur Powell selbst ist in Filmaufnahmen als Marks Vater zu sehen, seine erste Kamera als Tatwerkzeug quasi. Thematisch wie inhaltlich ist die Bedeutung von Filmaufnahmen ein Paradoxon, denn genau so voyeuristisch wie das Publikum vor der Leinwand durch die Handkamera blickt, verhält sich das mörderische Filmmaterial innerhalb dieses Thrillers. Eine sehenswerte Selbstreflexion eines Filmemachers, der mit diesem Drama seine Mitmenschen schockierte.

Fazit: Ungewöhnlicher, zeitweise dramatischer Thriller mit stimmiger Atmosphäre. 8/10 Punkten

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