Es ist kurios, wie schwer es sein kann, über einen Film zu schreiben, den man wirklich mag, um nicht zu sagen: verehrt. Denn man will ja keinen reinen Begeisterungsausbruch aufzeichnen, sondern eine Kritik abliefern, die bei aller notwendigen Subjektivität nachvollziehbar, vor allem aber vermittelbar bleibt - für jemand, der den Film nicht gesehen hat, doch vielleicht noch mehr für den, der den Film kennt, aber nicht schätzt.
Das Team Michael Powell/Emeric Pressburger war in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts eines der kreativsten Gespanne der britischen, was heißt, der Filmgeschichte überhaupt! Gute Scripts, gekonnte Inszenierungen und nicht zuletzt die enorm kreative Verwendung des damals neuen Farbverfahrens Technicolor hat ihnen den verdienten Platz in der Geschichte gesichert.
Dabei fällt "Peeping Tom" völlig aus dem Rahmen der bekannten Sujets und Produktionsweisen des Duos: Pressburger war nicht mehr dabei und die sonst oft patriotischen, märchenhaften oder in anderer Weise phantastischen Themen wichen einer klaustrophobischen Enge und perversen Sexualität, daß sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, 1960, die Wogen der Empörung himmelhoch türmten. Effektiv wurden dadurch die Karrieren von Powell und Hauptdarsteller Karlheinz Böhm zerstört, wobei letzterer noch an seiner Darstellung des jungen österreichischen Kaisers in den unsäglichen "Sissi"-Filmen laborierte, der ihn zum Traum aller potentiellen und tatsächlichen Schwiegermütter machte. Hört man ihn in den diversen Dokumentationen über seine Entwicklungshilfearbeit in Afrika, so merkt man, daß er sich mit dem abrupten Ende seiner Schauspielerkarriere abgefunden hat und inzwischen auch stolz ist, in einem der wenigen absoluten Meisterwerke der Filmgeschichte die Hauptrolle gehabt zu haben.
Viel ist über das Phänomen "Peeping Tom" geschrieben worden, es wurde analysiert, belobhudelt und der Film selbst ist, nicht zuletzt mit Hilfe Martin Scorceses, wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden, denn nach dem Skandal - und dem sich daraus ergebenden Mißerfolg (heute wäre es umgekehrt; brave 50er Jahre!) - zur Zeit seiner Premiere, verschwand er zunächst in den Archiven. Dennoch bleibt es weitgehend ungreifbar, was ihn eigentlich so exzeptionell macht, auch wenn die Summe seiner Teile schon beachtlich ist.
Allein die Storyline war Ende der fünfziger Jahre ungewöhnlich, denn obwohl es sich um einen Kriminalfilm handelt, geht es nicht á la Agatha Christie um die Überführung eines Mörders, sondern um die Darstellung seiner Psyche. Schon in der Eröffnungssequenz zeigt sich die perverse Lust des Kameraassistenten Mark Lewis deutlich als er eine Prostituierte umbringt, indem er sie mit einem im Stativ seiner Handkamera verborgenen Messer ersticht, während er ihr Entsetzen aufzeichnet. Selbst die polizeiliche Ermittlungsarbeit ist nur durch Lewis' Perspektive, oder soll man sagen: Okular, interessant, denn er bannt alle seine Morde auf Kodak-Film, als ob er einen Horrorschocker über sein Seelenleben drehen wollte.
Lewis, Sohn eines Wissenschaftlers, wurde von seinem Vater in seiner Jugend als Forschungsobjekt mißbraucht. Diese kalte Aufmerksamkeit ersetzte väterliche Liebe, während er nächtens mit Kriechtieren in seinem Bett erschreckt wurde oder mittels Lichtsignalen aus dem Tiefschlaf gerissen. Er hat nie eine absperrbare Privatsphäre gehabt und wurde in allen Zimmern laufend mittels Tonbandaufzeichnungen abgehört. In dieser Atmosphäre unausgesetzter Observation und Liebesmangel entwickelt sich Mark Lewis folgerichtig zum Voyeur (englisch: peeping tom) und ist unfähig, mit Liebe, die er beginnt zu einer Mieterin im Haus seines Vaters, in dem er selbst in einer Dachkammer, die ein einziges Entwicklungslabor ist, haust, zu empfinden, umzugehen. Meine Sätze sollte ich unter Kontrolle halten.
Die nahezu klinische Psychologie, die "Peeping Tom" durchzieht macht in an vielen Stellen nahezu unerträglich in seiner Konsequenz. Sogar bei heutigen Standards müßte man sagen, ist der Film von einer Unerbittlichkeit, die eigentlich alle Serienmörderthriller weit in den Schatten stellt, auch wenn die Morde selbst, in ihrer physiologischen Deutlichkeit, bemerkenswert zurückhaltend sind. Doch blutige Effekte haben doch selten die "Härte" eines Films definiert.
Der eigentliche Skandal ist hierbei natürlich, daß der Zuschauer gezwungen wird, mit einem Mörder mitzuleiden - obgleich ihn nicht zu Bemitleiden - und somit zum Komplizen gemacht wird. Ich vermute, daß das der Hauptgrund für die fast hysterische Abscheu gewesen sein muß, mit der "Peeping Tom" in England konfrontiert war. Powell, wie auch Drehbuchautor Leo Marks, ja selbst Bildregisseur Otto Heller lassen den Zuschauer keine Sekunde lang vom Haken. In kleinen Metaphern und Bildmotiven wird die Verdrehtheit von Lewis auf den Punkt gebracht, wie zum Beispiel die berühmte Szene als Lewis Love-interest dessen Handkamera auf sich richtet, er sie ihr sofort entsetzt aus der Hand reißt, weil er ja alles tötet, er durch sie sieht, nach ihrem Fortgehen aber die Linse küßt. Als zuguterletzt die Konfrontation mit der Polizei unausweichlich wird und seine Liebe klarerweise nicht mehr haltbar ist, inszeniert Lewis seinen lang vorbereiteten Selbstmord vor blitzenden Photoapparaten: er stürzt sich in sein eigenes Mordinstrument. Der letzte Schlag in die Magengrube des Publikums ist dann das von Lewis' Kinderstimme über Schwarzblende gesprochene: "good night, daddy, hold my hand!"
Hier bricht sehr deutlich der Subtext des Films durch, nämlich die bezüglich Funktion, die das Medium überhaupt hat. Sind nicht alle, die Kino, die Film lieben, Voyeure? Und wie weit geht dieses Voyeurdasein? Faszinieren uns nicht alle cinematographische Morde? Sind wir gar alle tendenzielle Mark Lewis'? Diese beiden Ebenen, die der vordergründigen Story des Films und der Film generell hinterfragende Subtext ergeben ein faszinierendes Vexierspiel jenseits jeglicher penetranten Didaktik. Dazu ist die Kamera auf gewohnt hohem Standard, wie Mario Bava schafft es auch Otto Heller allein durch Farbgebung und Beleuchtung Atmosphäre zu schaffen (dabei wurde diesmal "nur" Eastmancolor verwendet), was natürlich nur in echten Studiosets (diesmal - hier wieder der Subtext - ein tatsächliches Studio, wo Mark arbeitet) möglich ist, was aber wiederum der Thematik entspricht.
Wie Mark Lewis' Handkamera wabert die "echte" Kamera immer nahe beim Geschehen, versteckt sich hinter Bühnenbauten, schaut Lewis über die Schulter und zeichnet das Entsetzen seiner Opfer auf. Doch Powell setzt noch einen drauf: nicht nur nimmt Lewis die Angst seiner Opfer vor ihrem bevorstehenden Tod mit seiner Schmalfilmkamera auf, er läßt sie selbst auch noch an dieser teilhaben, indem er ihnen einen Spiegel vorhält, was der ganzen Ebenenverschiebung noch eine weitere hinzufügt und das Grauen sprichwörtlich multipliziert. Dieser Aspekt wird erst ganz zum Schluß enthüllt, wo der Zuseher ohnehin von der Direktheit der Darstellung schon überwältigt ist. Sieht man sich das so an, war der Skandal wohl wirklich unvermeidlich. Auch bei seinem Selbstmord sieht sich Lewis in dem Spiegel, aber paradoxerweise bemerkt er dazu, daß er froh sei, seine Angst zu sehen, weil er wohl erst durch die Vermittlung durch ein optisches Gerät diese objektivieren kann und somit die Dämonen seiner Kindheit verscheuchen. In diesem Vexierspiel des Sehens, Sich-Selbst-Sehens und Gesehen-Werdens ist es nur folgerichtig, daß die einzige, die Lewis' dunkle Seele nach und nach erkennt, die blinde Mutter Helens ist.
Ein ungeheures Werk über Angst, die Psychologie des Mißbrauchs, die Funktion und Wirkung von Film und wie das alles zusammenhängt - und das alles so schlüssig und spannend und in nach wie vor unerreichter Dichte, daß "Peeping Tom", weit über vierzig Jahre nach seinem Entstehen noch mühelos jeden modernen Thriller in die Tasche steckt. Es handelt sich um filmisches Schulprogramm, das schlicht jeder sehen muß, der sich Filmfan nennt. Punktum.