So, hiermit haben wir mal wieder so einen Skandalfilm, der heutzutage nur noch als lächerlich bezeichnet werden kann. Im Sinne von einem Skandalfilm. Zu seiner Zeit sorgte er für blankes Entsetzen und wurde schön mit einem FSK 18 Siegel versehen, was mittlerweile nicht nur mit einem lachenden Auge kommentiert wird, sondern auch auf FSK 12 herabgestuft wurde. Völlig zu Recht.
Es geht um den Voyeurismus des Menschen. Schon in den alltäglichen Nachrichten und Reportagen dürfen wir Polizisten oder Zollbeamten bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen. Nach Flugzeugabstürzen oder anderen Katastrophen werden Särge gezeigt, die vom Unglücksort weggetragen werden. Reportagen über Mordfälle werden manchmal fast schon reißerisch angeprangert und mit dementsprechender Musik unterlegt. Wie im Kino fast schon. Das ist nicht mehr seriös und auch nicht mehr sachlich. Doch genau das möchte der Mensch sehen. Das eigentlich Schlimme dabei ist, dass dies mittlerweile Gang und Gäbe ist und wir gar nicht beachten, dass das zutiefst voyeuristisch ist. So verhält es sich auch bei den Filmen. Der geneigte Zuschauer findet es reißerisch, bei Morden oder Überfällen zuzusehen und am liebsten auch noch viel Blut zu sehen. Man nehme die Splatterfilme mal als Beispiel her. Ob die Gewalt dort selbstzweckhaft erscheinen mag oder nicht, das ist eine andere Frage. Doch wieso wählen viele Regisseure in ihren Erzählungen sehr viele grausamen Szenen ? Immer wieder wird ihnen vorgeworfen, damit nur provozieren zu wollen und den Beobachtungsdrang des Menschen auszunützen.
Im Jahre 1960 wagte sich also ein gewisser Michael Powell an ein für diese Zeit damals sicher sehr riskantes Thema. Er stellt einen grausamen Mörder in den Mittelpunkt und lässt ihn zentralen Charakter sein. Eine Identifikationsfigur für den Zuschauer also. Man beachte, er ist ein Mörder. Dennoch entpuppt sich Mark Lewis, so der Name des Frauenkillers, als eine Art Vertrauensperson. Als er wieder einmal einen Mord begangen hat, versteckt er sich und man sieht aus seiner Sicht die Polizisten, die sich um den Fall kümmern. Dann fallen Lewis aus Versehen ein paar Stifte aus seiner Manteltasche und schweben langsam zu Boden. Spätestens da ertappt man sich, wie man mit dem Killer mitfiebert und hofft, dass die Polizisten den Ort des Geräusches nicht ausfindig machen können. Wieso man das gehofft hat, frägt man sich Sekunden später, denn es ist immerhin ein Serienkiller, zu dem man eben geholfen hat. Michael Powell lässt also nicht nur im Film den Voyeurismus Voyeurismus sein, sondern er spielt auch mit dem Zuschauer, der mit dem Täter sympathisiert und ihm beim Morden über die Schulter schaut. Mark Lewis ist die Hauptperson, man dringt in seine Privatsphäre ein und sieht, wie er eine Freundschaft zu einem Mädchen aufbaut. Auch wie Mark seine Fotos und Filme entwickelt, bekommt man mit. Also ist das fast natürlich, sich für genau diese Person zu interessieren und sich teilweise sogar mit ihr zu identifizieren. Wieso man das tut, das ist genau die Intention dieses Filmes. Der Voyeurismus spielt seine Spielchen mit uns.
Doch auch Mark lässt es nicht dabei, seine Opfer schlicht und einfach zu töten. Er bringt sie mit seiner Kamera über den Jordan, in dem er sie mit dem Stativ ersticht und sie beim Sterben beobachtet. Gleichzeitg hat er einen durchsichtigen Spiegel daran montiert, wodurch er sein Opfer langsam dahinsterben sieht, währenddessen auch die Getöteten mitansehen müssen, wie sie ihre letzten Sekunden leben. Mark geht es also nicht nur ums reine Töten oder um die Lust daran, sondern er fühlt sich überlegen, sie auch noch zu beobachten und fühlt sich stark darin, dass auch die Opfer noch so etwas wie grenzenlose Furcht verspüren, bevor sie dann letztendlich kaltblütig erstochen werden. Wieso Mark dieses Verlangen hat, wird ersichtlich, als er seiner neuen Freundin eines Abends ein Video zeigt, das sein Vater, ein bekannter Wissenschaftler, früher einmal gedreht hat. Als er noch am Leben war, filmte er Mark den ganzen Tag lang, brachte in jedem Zimmer des Hauses Mikrofone an, damit er die perfekte Kontrolle über sein Sohn hat. Zudem war er an einer Studie beschäftigt, eine Studie über die Angst des Menschen. So wird auf den Videos gezeigt, wie Marks Vater ihn beim Schlafen beobachtet und filmt und ihm dann z.B. eine Eidechse ins Bett legt, damit Mark daran aufwacht und erschrickt. So ging es durch Marks ganze Kindheit, was ihn wohl so traumatisierte, dass er es nun der Menschheit zurückzahlen möchte. Dass er aber nur Opfer vom schwachen Geschlecht auswählt, darf zusätzlich diskutiert werden.
Von der Story und deren Intention her ist "Augen der Angst" also völlig zurecht der Meilenstein und Klassiker, als der er in wohl fast jeder Bestenliste bezeichnet wird. Er ist teilweise wirklich enorm beklemmend, doch als Film an sich war er mir streckenweise wirklich zu langatmig und altmodisch. Ich habe sicherlich nichts gegen alte Filme, aber hier erscheint mir schon sehr viel recht konservativ, weswegen die ein oder andere langweilige Szene schon mal vorkommt, was natürlich nicht unbedingt förderlich für den Film wird. Karlheinz Böhm spielt seine Rolle jedoch phänomenal, seine Unberechenbarkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben, genauso wie seine Unsicherheit, die er an den Tag legt.
Alles in allem sicherlich ein wirklich guter Film mit zeitloser Handlung, doch da hab ich schon bessere Werke aus dieser Zeit gesehen, noch dazu welche mit weniger Langeweile. Für mich also nicht dieses komplette Meisterwerk, als das er von vielen immer bezeichnet wird.
7/10 Punkte