Review

kurz angerissen*

Ein finanzielles Risiko waren “Peeping Tom” und der nur kurze Zeit später gestartete „Psycho“ sicherlich gleichermaßen, letzterer aber doch eher auf Ebene der narrativen Struktur. Sollte nur einer von beiden beim Publikum scheitern, wäre vorauszusehen gewesen, dass es „Peeping Tom“ treffen würde, denn während sich Alfred Hitchcock trotz der gewagten Herausnahme der vermeintlichen Hauptfigur zur Filmmitte immer noch mit den Regeln des Thrillers verbunden fühlte, inszeniert Michael Powell befreiter von Regeln oder dem Wunsch der Dehnung von Regeln, mit dem Ergebnis einer ungleich düstereren, regelrecht verstörenden Vision, die einem „Scare and Cheer“ keinen Raum lässt.

Begonnen bei der spektakulären Besetzung des Spanners ausgerechnet mit Sissi-Kaiser Karlheinz Böhm, ist „Peeping Tom“ darauf aus, zu schockieren, ohne es aber zu versäumen, eine Psychologisierung der kontroversen Hauptfigur vorzunehmen, mit der sich Powell praktisch in jeder einzelnen Einstellung beschäftigt. Das Eröffnungsbild zeigt ein schillernd buntes Nachtbild einer Seitengasse, und das regenbogenartige Farbenspiel erinnert augenblicklich an „Die Schwarze Narzisse“, ist aber mit dunklen Schatten und Geheimnissen durchzogen. Spätestens mit der Fadenkreuz-Egoperspektive der im Mantel verborgenen Kamera, die einer Prostituierten in ihr Zimmer folgt, ist die Identifikation des Zuschauers mit dem Film oder gar dem Protagonisten irreversibel zerstört, denn der von Powell arrangierte Voyeurismus hat eine verstohlene, niederträchtige, perverse, abtrünnige Wirkung.

Dass die Vergangenheit des vom Moment des Entsetzens besessenen Fotografen ein erklärendes Licht auf sein Verhalten gibt, kann erregte Gemüter nicht abkühlen oder gar Verständnis für das Handeln erzeugen, denn die mediale Doppelbödigkeit des Films-im-Film verweist selbstreferenziell auf das eigene Werk und macht den Zuschauer ungewollt zum Komplizen in einer als extrem unangenehm empfundenen Situation, der gegenüber er sich möglicherweise als moralisch überlegen fühlt, an die er aber dennoch gefesselt ist. Mit fortlaufender Dauer verstärkt Powell die Mittel gar, mit denen er die Bindung an Böhms Charakter erhöht; eine klimatische Steigerung, die zwangsläufig in einem orgiastischen Moment resultieren muss.

Dass aufgrund dieser Struktur ein eher simples psychologisches Bild entworfen wird, das man durchaus in Frage stellen kann, soll die Wirkung des Films nicht mindern, die dank eines beängstigenden Böhm und einer abgründigen Atmosphäre jenseits greifender Regeln des gefestigten Bürgertums eine ganz besondere ist.

*weitere Informationen: siehe Profil

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