Review

Wie ein Frosch auf dem Seziertisch

Von Bava bis DePalma, von Giallos bis zu Slashern, von Serienkiller-Psychogrammen ala "Man Bites Dog" oder "Henry" bis zu Tabubrechern rund um den Globus - "Peeping Tom" kann man in Sachen Mut, Einfluss und IQ nicht hoch genug hängen. Das fordert mir gehörig Respekt ab, dieser unerhört intelligente und damals völlig verkannte Slashervorläufer hat Potenzial zum Bücherfüllen. Wie er uns Zuschauer einbezieht und unterschwellig analysiert, wie nah wir einem Psychokiller kommen, dazu noch freizügiger und brutaler (zumindest im Kopf) als nahezu die komplette Konkurrenz damals. All das zementiert seinen Status als "Psycho"-Gegenstück und Film, der seiner Zeit meilenweit voraus war. Warum, ist mir das aber doch irgendwie zu sehr auf Abstand, zu verkopft, zu unterkühlt und nicht spannend genug?! Unerklärlich. Aber leider wahr. Vielleicht bin ich mit meinen 30 Lenzen aber auch noch einfach nicht reif genug... oder der prächtige Krimi gewinnt bei weiteren Sichtungen, da ich ja nun weiß, was mich erwartet. Mal abwarten.

Es geht um einen psychisch auffälligen Kameramann im Filmbusiness und Serienkiller in seinem Privatleben. Er ist fasziniert von Kameras und trägt seine nahezu immer mit sich - kein Wunder also, dass auch seine Art hübsche Frauen zu töten, mit dieser zu tun hat.. "Peeping Tom" macht es einem nicht leicht. Er erklärt wenig, er entschuldigt sich nicht, er übertritt selbstbewusst Grenzen des damals guten Geschmacks. Aber vor allem bindet er uns Zuschauer dermaßen ein und reißt die Mauer zum Mörder nieder, dass man damals über alle Maßen geschockt und verstört war, mal kurzerhand die Handbremse für die Karrieren des Regisseurs und des Hauptdarstellers zog. Was ein Glück, dass Kritiker und Filmschaffende wie Martin Scorsese dies Jahre später revidierten und umkehrten. Wer weiß, was passiert wäre, wenn er dem nicht unähnlichen Norman Bates den Vortritt gelassen hätte... "Peeping Tom" ist momentan ein Film, den ich beneide und verehre, den ich jedoch weniger fühle und fürchte. Wäre die Geschichte spannender und die Erzählung ergiebiger, hätte es sicher für einen persönlichen Liebling gereicht. So bleibe ich etwas außen vor, voller Respekt und Ehrfurcht, allerdings ohne echtes Kopfkino oder Herzrasen. Es ein früher Sprung in den Abgrund, vorbei an den Swinging Sixties hin zu unseren abartigsten Gelüsten - richtig mitgefühlt, wiedererkannt oder gefürchtet habe ich mich aber kaum. Schade.

Doch selbst wenn mir noch etwas der Zugang verwährt bleibt, erzählerisch wie emotional und spannungstechnisch, so gibt es immer noch genug Aspekte, die Powells Skandalstück in meiner Bewunderung noch weiter steigen lassen. Die Farbgebung des Films ist beispielsweise exquisit, da hat nicht nur Mario Bava genau hingesehen. Carl Böhm schafft den Shift von Kaiser Franz zu einem bemitleidenswerten Psychopathen beeindruckend. Und die Methodik bzw. Art des Tötens und das Instrument seiner Wahl, ist noch immer schockierend, pervers, einzigartig. Selbst wenn kaum ein Tropfen Blut zusammen kommt und sich der Bodycount an einer Hand abzählen lässt, viel zu oft sogar voreilig abgeblendet wird. Doch selbst das gehört zum Spiel. Mit dem Killer, mit seinen Opfern, mit uns Zuschauern und mit sich selbst. Selten hat sich ein Regisseurs härter hinterfragt, offenbart und auf ein geniales Wechselspiel der Angst mit uns Betrachtern eingelassen. Nur kommt diese Angst bei mir wenn überhaupt erst im Nachgang und der unumgänglichen Analyse aller Beteiligten, aller Räder, aller Aspekte - ein Hitchcock, um beim oft gezogenen Vergleich zu bleiben, hat das eleganter und packender in seine (ebenfalls alles andere als oberflächlichen) Geschichten eingeflochten. My two scents.

Fazit: ohne Frage einer der einflussreichsten und cleversten Horrorfilme aller Zeiten. Leider keiner der spannendsten. Dennoch: ein Meilenstein, der nachhallt, (über)fordert und sich mächtig was getraut hat. Kino der Analyse, Kino des Spannens, Kino in Reinform, Kino über Kino und Kinogänger. Meta, Jahrzehnte bevor es den Begriff überhaupt gab. Für Filmunis ein feuchter, perfider Trauma, für viele Zuschauer damals eher ein Trauma. Sollte man mindestens einmal im Leben gesehen haben. 

Details
Ähnliche Filme