Review

Hier lernt man sogar, wie man sich in einer Notsituation einen Luftröhrenschnitt setzt und ihn anschließend behandelt. Hilfreich.
Endlich kommt mal wieder ein Streifen aus Frankreich, der nach „High Tension“ in den Bereichen Nervenkitzel und knallharter Darstellung von Gewalt Maßstäbe setzen kann.
Hätte man das mit der Story auch hinbekommen, wäre „Inside“ schon fast ein Meisterwerk.

Die beiden Frauen schenken sich aber auch rein gar nichts: Die hochschwangere Sarah (Alysson Paradis), an Weihnachten kurz vor der Entbindung und vor vier Monaten bei einem Autounfall ihren Mann verloren und die ganz in schwarz gekleidete Unbekannte (Béatrice Dalle), die in das Haus der allein lebenden Schwangeren einbricht, - mit welchem Ziel, ist von Beginn an klar.

Allein, welche Mannigfaltigfaltigkeit der Einsatz einer großen scharfen Schere bietet ist enorm. Stechen, schneiden, ritzen, - die beste Universalwaffe, die man nur im Haus haben kann. Und überhaupt, wozu scheinbar alltägliche Haushaltsgegenstände dienen können, wenn gebetene (Chef-Verleger, Cops, Mutter) oder ungebetene Gäste (Die Unbekannte) erscheinen.
Ja, zuweilen übertreibt es das Script maßlos mit den wild konstruierten Figurenkonstellationen, aber man muss den Machern Bustillo/Maury eines lassen: Sie haben nahezu das Maximum an Spannung aus diesem Konstrukt heraus gekitzelt.

Die Handlung spielt sich auf recht engem Raum ab, klaustrophobische Züge dominieren rasch das Geschehen. Die optimal ausgeleuchteten Räumlichkeiten, schummrig, aber nie zu dunkel, dazu der Score in einer Mischung aus Flächen und Industrial-Sounds, der immer dann anschwillt, wenn sich Einschneidendes ankündigt und nicht zuletzt die beiden Hauptdarstellerinnen, die mit ihrem intensiven Spiel alles an Glaubwürdigkeit verkörpern, was möglich ist.
Das ist alles sehr stimmig und packend inszeniert, auch wenn man das Sujet in Variation schon so oft verfolgen konnte („Flight Plan“, „Funny Games“, „Unbekannter Anrufer“…).
Allerdings noch nie mit dermaßen vielen Splattereinlagen.

Was hier an Augen raus – und eingestochen wird, getreten, geschlagen und was nicht alles aufgeschlitzt wird, das ist schon eine geballte Ladung und auch für den geübten Genrefan oft eine Nummer zuviel, vor allem gegen Ende.
Ob Toaster, Stricknadel oder Spiegel-Scherbe, - alles kommt irgendwie zum Einsatz, wobei die FX, bis auf wenige Ausnahmen, auf beachtlich hohem Niveau anzusiedeln sind.

Neben den zahlreichen expliziten Gewaltdarstellungen ist es jedoch auch das optimale Erzähltempo, welches das Interesse zu keiner Zeit vom Geschehen abkommen lässt.
Mal abgesehen von einigen höchst unglaubwürdig konstruierten Zufällen, naht sich eine Konfrontation an die nächste: Sarah im Bad verbarrikadiert, während zwei Cops klingeln und die Fremde ihnen Einlass gewährt, dann gibt sich die Unbekannte als Mutter der Schwangeren aus, letztlich werden die Sicherungen rausgedreht und am Ende heißt es Frau gegen Frau.

Mit der hochschwangeren Sarah zittert man in jeder Hinsicht mit, da hätte es die etwas billige Animation des Fast-Säuglings im Bauch gar nicht benötigt, denn die Körpersprache mit schützenden Händen um den Baby-Bauch spricht Bände.
Das Gefühl von Ausweglosigkeit schnürt dem Betrachter phasenweise die Kehle zu, eine grausame Unberechenbarkeit liegt latent in der Luft und diese wird durch ständige Gewaltausbrüche auf beiden Seiten immer wieder bekräftigt.

„Inside“ ist ein Horror-Kracher der brachialen Sorte und Zuschauer mit eher schwachen Nerven oder solche, die irgendwie Schwangere in ihrem Umfeld haben, sollte ihn definitiv meiden.
Aufgrund diverser Unwahrscheinlichkeiten innerhalb des zu erahnbaren Plots und dem reichlich fragwürdigem Ende nicht komplett zufrieden stellend, ab in Sachen dichter Inszenierung nah dran.
8 von 10

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