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Was sie will ist in dir.

Durch einen Autounfall verliert die schwangere Sarah (Alysson Paradis) ihren Ehemann. 4 Monate später steht sie kurz vor ihrer Entbindung, hat ihren Verlust aber immer noch nicht verarbeitet und fristet ein teilnahmsloses Dasein. Obwohl es Heiligabend ist und entgegen dem Rat ihrer Mutter (Nathalie Roussel) bevorzugt Sarah die Einsamkeit ihrer Wohnung für ihre vermeintlich letzte ruhige Nacht. Allerdings fällt diese weniger ruhig aus. Sarah wird in ihrem Heim von einer unbekannten Frau (Béatrice Dalle) belästigt, die sich schon kurze Zeit später Zugang zu ihrer Wohnung verschafft.

Frankreich mischt mittlerweile gut im Horrorbereich mit und stellt ausgefallene Messlatten, durch brisante Themen, an das konkurrierende Mainstreamkino. "Inside" bricht ein Tabu durch den Terror sowie den Angriff auf eine junge schwangere Frau und geht nicht gerade zimperlisch dabei vor.

Von Beginn an strahlt der Horrorthriller eine enorm depressive Grundstimmung aus. Dies bezieht sich einerseits auf die Hauptperson sowie die stets grauen und düsteren Farbtöne. Die teilnahmslose Sarah scheint schon mit ihrem Leben abgeschlossen zu haben, zu keiner Zeit merkt man ihr Vorfreude oder überhaupt eine emotionale Regung an. Und trotz des Weihnachtsabends bleiben bunte Lichterketten aus. Letzteres führt zwar zu Widersprüchen, gesamt gesehen kommt aber die farbleere Umgebung der Atmosphäre zugute.
"Inside" ist grobkörnig, sehr schlicht ausgestattet und spielt fast ausschließlich in Sarah's kleiner Wohnung. Dieser Umstand trägt einen großen Teil der verstörenden Aufmachung, vor allem wenn die enge, klaustrophobische Räumlichkeit mit zunehmender Laufzeit mehr und mehr die Form eines Schlachthofes annimmt.

Bei gerade mal knapp über 80 Minuten Filmdauer ist es kein Wunder, dass der Film nicht viel zu erzählen weiss. Linear und ohne etwaige Plottwists konzentriert sich die Handlung auf die zwei Frauen, die sich mal mehr, mal weniger exzessive Schlagabtausche geben. Die Nebenfiguren dienen ausschließlich als Kanonenfutter und handeln nebenbei bemerkt nicht immer sonderlich rational, die Auflösung kann man sich schon einige Zeit früher denken. Die Vorhersehbarkeit schadet dem Film aber sonst nicht weiter.

Parallelen zum gelobten "High Tension" finden sich einerseits in den exzessiven Gewaltausbrüchen der beiden Frauen sowie dem experimentalen Sounddesign. Der besser als Geräuschkulisse zu bezeichnete Soundtrack zerrt ebenso an den Nerven des Zuschauers wie die grafische Gewalt. Die Meinung, die kreischenden, quietschenden Sounds als passend oder nervig zu bezeichnen, gehen sicherlich auseinander, Splattereffekte sollten aber gemeinschaftliche Zustimmung finden. Und hierbei zieht "Inside" wirklich alle Register die den guten Geschmack bei Seite lassen und auch mal weit überzogene Ausmaße annehmen.
Die Schlachtplatte ist vielfältig ausgefallen und lässt nicht lange auf sich warten. Dabei sei erwähnt, dass die verwendeten Waffen fast ausnahmslos in jedem Haushalt zu finden sind und den Schmerz noch greifbarer erscheinen lassen. Schließlich weiss so ziemlich jeder, wie es sich anfühlt sich versehentlich mit einer Schere zu stechen oder zu schneiden. Direkt und schnörkellos finden alltäglich gebrauchte Gegenstände eine äußerst drastisch zweckentfremdete Anwendung. Stricknadeln finden sich in Hälsen, Scheren in Händen oder gar Weichteilen wieder und sogar eine Bauanleitung zu einer Lanze erhöht kurzweilig den "Spaßfaktor". Kein Wunder also, dass sich in Deutschland keinerlei unzensierte Version des Films finden, lässt und selbst diese nur auf Liste B. Für Fans die sich nicht mit weniger zufrieden geben gibt es glücklicherweise über Österreich eine deutsch synchronisierte vollständige Fassung.
Aber nicht nur mit grafischer Gewalt punktet der Horrorthriller, denn zu Beginn sind es meist noch subtile Momente die mit Schreckeffekten den Puls gekonnt in die Höhe jagen.

Die extremen Gewalttaten hinterlassen nebenbei einen nicht immer ganz glaubwürdigen Eindruck. Gerade bei der Hauptfigur erscheint der Blutverlust derart drastisch, dass es unwahrscheinlich erscheint, über die Dauer noch solche Gegenwehr zu zeigen.
Als störend erweisen sich häufig eingefügte CGI-Einstellungen des Babys im Mutterleib, die leider recht künstlich geraten sind.

Die größte Faszination des Films geht von den beiden Hauptdarstellerinnen aus. Der verbissen geführte Kampf zwischen Alysson Paradis als depressive gepeinigte Seele und Béatrice Dalle als Femme Fatale lässt kaum Zeit zum verschnaufen und wird von den noch frischen Gesichtern glaubwürdig vertreten, sodass der Film fesselnd bleibt und sich mit der Laufzeit immer mehr steigert.

"Inside" gehört zu den Filmen über die man sich sicherlich streiten kann. Geschmacklosigkeiten und überzogene Darstellung wird bei zartbesaiteten Zuschauern zu Ablehnung führen, für diese ist der Stoff aber sowieso nicht gedacht. Genrefans finden kurzweilige Unterhaltung, aber sicherlich kein Pflichtprogramm. Dafür bleibt neben den Gewaltakten einfach zu wenig hängen. Fesselnd ist der Horrorthriller aber allemal und findet sicher Zuspruch, gerade durch die übertriebene Verwendung von Kunstblut, dem minimalistischen Design und einem stimmigen Finale. Knappe...

7 / 10

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