„Hochzeitsnacht im Geisterschloss“ musste nicht erst 30 Jahre reifen, um Spinnweben anzusetzen. Sie waren schon immer in der Ausstattung inbegriffen. Gene Wilders fünfte und letzte Regiearbeit aus dem Jahr 1986 wurde also nicht erst im Ergebnis zu einem Anachronismus, sondern war bereits bei der Konzeption als ein solcher angedacht. Grundsätzlich war das Jahrzehnt für den Horrorfilm ein Füllhorn der fantastischsten Einfälle (vom Macheten-Schwinger bis zu Mensch-Tier-Morphismen in allen erdenklichen Formen) und auch für die Komödie eine großartige Zeit, doch gemischte Gesellschaften, die sich in einem Schloss treffen, würde man wohl eher in die fünf vorhergehenden Jahrzehnte verorten, mit dem vorläufigen Höhepunkt „Eine Leiche zum Dessert“ (1976).
Wilder muss das bewusst gewesen sein, denn er versucht gar nicht erst, einen modernen Film zu drehen, sondern arbeitet das Altmodische gezielt heraus. Ein gutes Murder-Mystery-Movie hat ihm zufolge unbedingt in England zu spielen, also wurde das Knebworth House im englischen Hertfordshire zum Schauplatz auserkoren, das unter anderem später auch dem Wayne Manor aus Tim Burtons „Batman“ als Fassade diente. Riesige, marmorierte Eingangshallen, kostbare Vasen, Ritterrüstungen und andere Standdekoration, Himmelbetten aus Holz und Flure mit wehenden, weißen Vorhängen… und nicht zuletzt die eingangs genannten Spinnweben, die sich nicht nur sinnbildlich, sondern tatsächlich in den Zimmerecken spannen. Auch wenn die Innenszenen komplett im Studio gedreht wurden, es sind Ausstattung gewordene Kindheitserinnerungen an alte Klassiker, die der Regisseur und Hauptdarsteller ausstellt, als sei er Kurator in einem Museum.
Dem Schloss-Ambiente nähert sich die Kamera im Prolog zunächst nur verstohlen von der Seite, fast wie ein Spanner oder ungeladener Gast, als wolle sie unbemerkt einen Blick auf die mysteriösen Abläufe im Inneren erhaschen. Nach einem Kausal-Gag, der sich stark an das Vermächtnis Monty Pythons anlehnt, wird die gotische Stimmung radikal gekippt für eine narrative Klammer, die in der Zivilisation angesiedelt ist. Die plötzliche Thematisierung von Unterhaltungsmedien wirkt dabei in ihrer plumpen Ausführung befremdlich. Zwar befinden wir uns in den Dreißiger Jahren (somit also immer noch in einer „alten“ Zeit) und Wilder bemüht sich, den veralteten Stand des Hörfunks als Unterhaltungsmedium herauszuarbeiten, doch so recht mag das nicht gelingen; die Aufregung und das Lampenfieber, das seine Figur empfindet, steckt zwar an, sorgt aber nicht für eine befreiende Mischung aus humoristischer Anspannung und Aufatmen, sondern hauptsächlich für Irritation; insbesondere, da die Radio-Mitarbeiter durch den Hintergrund hampeln wie Cartoonfiguren in einem Warner-Brothers-Zeichentrick.
Natürlich ist dieser Einstieg mit der Gegenwart trotzdem notwendig, um die doppelbödige Annäherung an die Klischees zu gewährleisten, die mit Geisterschlössern und Whodunits verbunden werden. Schließlich etabliert Wilder damit früh die alles entscheidende Frage danach, ob die Vorgänge in dem Anwesen nun echt sind oder nicht auch Teil einer bewusst herbeigeführten Schocktherapie sein könnten, was eine ganz besondere Herangehensweise bei der Konstruktion der Gags ermöglicht.
Und tatsächlich, sobald der hochgewachsene Butler (Bryan Pringle) die knarzende Tür öffnet und wiederum mit Python’scher Charakteranlage fröhliches Kopfschütteln erzeugt, steigt der Unterhaltungspegel enorm. Wer sich schräge Figuren in einem unangemessen düsteren Ambiente wünscht, wird in den ersten Minuten im Schloss mit neuen Eindrücken regelrecht überrannt. Nacheinander stürmen unter anderem Paul Smith, Jonathan Pryce und Jim Carter, teilweise samt Begleitung, die Eingangshalle; allesamt ohne jeden Respekt vor Haus und Gesellschaft, dafür mit einer Überbetonung ihrer eigenen schillernden Persönlichkeiten. Auf der Gegenseite stolziert Dom DeLuise als Travestie-Luftballon zur Begrüßung die Treppe hinab, aufgeblasen wie Gloria Swanson in „Sunset Boulevard“. Blitz und Donner spielen zur bedeutungsvollen Pose auf der Treppenmitte natürlich ein Duett und spätestens hier hat die Produktion in Sachen Ausstattung und Casting, Stimmung und Comedy-Rezeptur alle Bausteine beisammen.
Im folgenden entfesselt die Regie eine zwar spürbar lose, aber doch erstaunlich treffsichere Abfolge von Sketchen und Gag-Ideen, die man bei dem zweifelhaften Ruf dieses Films, der sich schnell als Kassengift herausstellte, nicht erwarten würde. Plumpe Witzbomben wechseln sich ab mit lustvollen Running Gags, einfache Montagen und schlichte Tricks mit aufwändigeren Spezialeffekten. So wird Jim Carter beispielsweise immer wieder mit glühenden Augen gezeigt, während das Licht ihn von einem Moment auf den nächsten zum Finsterling verwandelt. Das sieht schon ziemlich effektvoll aus, hat aber zugleich die übertriebene Ausgestaltung eines Asterix-Comics. In einer anderen Sequenz wird Charlie Chaplins berühmter Kartoffel-Tanz aus „Goldrausch“ auf obskure Weise imitiert. Besonders aber sticht eine Szene heraus, die man viele Jahre später im japanischen Geisterfilm „Ju-On“ fast 1:1 rekonstruieren würde: Eine Kreatur läuft die Wand über dem Bett entlang und streckt ihre hässliche Visage genau vor diejenige der Person im Bett. Nur dass es sich bei Wilder eben nicht einfach um eine düstere Schreckgestalt handelt, sondern um einen schielenden Gnom, dem man mehr Komisches als Gruseliges entnehmen kann. Während der Hauptdarsteller sich also im übertragenen Sinne zwickt, um die Echtheit des Phänomens zu überprüfen, kommt er der angepeilten Verknüpfung von Gänsehaut und Gelächter schon ziemlich nahe.
Sehr hilfreich ist ihm dabei auch der Co-Star an seiner Seite. Gilda Radner, zu jenem Zeitpunkt tatsächlich bereits seit zwei Jahren mit Wilder verheiratet, sprüht nur drei Jahre vor ihrem Krebstod Funken und bringt Leben in die alten Gemäuer. Läuft sie die Gänge entlang, meint man tatsächlich, die wehenden Vorhänge bögen sich zu ihren Ehren. Die Leinwand-Chemie mit ihrem Ehemann wirkt authentisch und gibt der Story, die entgegen des Titels kein verheiratetes, sondern nur ein verlobtes Pärchen beinhaltet, einen besonderen Twist, der diesen Teil der Geschichte gemeinsam mit Wilders Kalauern wahrlich sehenswert geraten lässt. Da verblasst selbst die illustre Reihe schillernder Nebendarsteller, die zwar alle auf ihre Weise Eindruck hinterlassen (Dom DeLuise gewann immerhin die Razzies, was ja zumindest eine Anerkennung für eine besonders bemerkenswerte Leistung darstellt, was fast genauso gut ist wie eine besonders gute), hinter Radner jedoch zur bewegungslosen Kulisse werden.
Weil man jedoch der Meinung sein kann, dass das Ende eines Films sein wichtigster Teil ist, erlebt „Hochzeitsnacht im Geisterschloss“ nach seinem kreativen Mittelstück zum Ende leider einen herben Dämpfer. Der Gedanke hinter der Auflösung ist nachvollziehbar, er will aber nicht so recht zünden. Wilder spielt mit seiner eigenen Biografie ebenso wie mit derjenigen von Radner, doch anstatt des angepeilten Aha-Effekts entsteht lediglich Verwirrung und Verärgerung, den Ort des spielerischen Grusels verlassen zu müssen, ohne eine wahrhaftige Auflösung serviert bekommen zu haben. Das mag auch damit zusammenhängen, dass der im ersten Teil aufgebaute Meta-Kontext während des Schlossbesuchs sukzessive an Bedeutung verliert, so dass man regelrecht irritiert ist, dass noch einmal darauf Bezug genommen wird.
Seine gnadenlosen Verrisse hat diese spürbar mit Herz und Engagement gedrehte Grusel-Comedy dank des heiteren Mittelstücks trotzdem nicht verdient. Mit einem passenderen Rahmen hätten womöglich auch mehr Menschen erkannt, dass das gerahmte Bild eigentlich recht ansehnlich ist.