Review

Es ist ein seltsames Phänomen, daß gute Regisseure nur eine gewisse Halbwertszeit zu haben scheinen, als ob ihnen nur ein gewisses Maß an wirklicher Kreativität zugestanden würde. Oder es ist einfach so, daß Erfolg das Interesse großer Studios weckt und das ist ja bekanntlich dann meistens das Ende der filmischen Relevanz und Originalität.
Bei John Carpenter ist dies schon früh passiert, meine persönliche Demarkationslinie befindet sich zwischen The Thing und Big Trouble in Little China, der nichts mehr von Carpenters einzigartiger Fähigkeit, Dauerspannung mit einfachsten Mitteln zu erzeugen, aufweist. Was danach kommt bewegt sich nicht mehr über dieses Niveau hinaus. Das soll nicht heißen, daß man seinen Filme bisweilen nicht auch noch Amusement abgewinnen kann (Princes of Darkness hatte seine Momente und wer gerne 1st-person-shooter PC-Spiele hat, aber zu faul ist selber zu fraggen, der wird bei Ghosts of Mars seine Freude haben), doch man sollte dabei tunlichst Assault on Precinct 13, The Thing oder alle anderen spätsiebzieger/frühachziger Filme des ehemaligen Meisters aus dem Gedächtnis verbannen.
Mit They Live hat er, trotz Starman, seinen absoluten Tiefstpunkt erreicht. Was hier schiefgelaufen ist, kann man nur noch vermuten und ich habe den Eindruck, daß Carpenter auch nicht mehr wirklich Regie geführt hat, aber, um Zores mit dem Studio zu vermeiden, seinen Namen trotz allem zur Verfügung stellte. Vielleicht hat auch nur der Endschnitt alles versaut, ich weiß es nicht.
Um kurz die eigentlich gar nicht üble Story, basierend auf der Kurzgeschichte "8 o'clock in the morning" von Ray Nelson, anzureißen: ein obdach- und arbeitsloser Streuner, gespielt von Wrestler Roddy Piper, findet auf einer Baustelle einen Job, der ihn über seinen schwarzen Kollegen, dargestellt von Keith David (Childs in The Thing) zu einer Barackensiedlung von anderen am untersten Ende der sozialen Skala stehenden bringt. Dort gehen seltsame Dinge vor, denn der Leiter geheimniskrämert mit einem Prediger und anderen lichtscheuen Gestalten in einer Kirche herum, die sich dadurch auszeichnet, daß sich darinnen eine riesige Satellitenschüssel befindet plus einiger weiterer Gadgets, deren Gebrauch später von Interesse sein wird. Über die Schüssel senden die Konspirierer ein Störprogramm in dem sie von der schleichenden Durchsetzung der Menschheit von Außerirdischen salbadern und schicken gleichzeitig ein "Deprogrammierungssignal" aus, das die Menschen "sehend" machen soll, denn die Außerirdischen tarnen sich als Menschen. Mit geweckter Neugier schleicht Piper im Gebäude herum und stielt eine Box mit Sonnenbrillen.
Bald darauf wird offensichtlich, daß die Gruppe von Rebellen schon längst unter Beobachtung stand und es folgt ein brutaler Polizeiüberfall, der das Barackenlager dem Erdboden gleich zurückläßt. Piper schafft es, ein paar der Revoluzzer zu retten, macht sich dadurch bei der Polizei kaum beliebter und streunt durch die Stadt, die Sonnenbrille aufsetzend. *Ping!* - plötzlich sieht er an allen Wänden Slogans, die unterbewußt programmieren sollen und die Außerirdischen, die in "echt" ganz häßliche Fressen haben. Als er sich darob seltsam benimmt und in einem Supermarkt ein paar außerirdische Damen anpöbelt, werden die Infiltranten auf ihn aufmerksam und die Bullen kommen schon wieder. Ganz Wrestler haut er sie kaputt, ist nun bewaffnet und der Film wird zur Farce. "I came to chew gum and kick ass", ist für einen, der gut 40 Minuten lang fast nichts sagt, ein doch bemerkenswerter einliniger Sinneswandel - und nicht zum Besseren!
Der Rest ist nämlich nur noch tumbes Actionkino, es bleibt keine Zeit mehr für die Entwicklung von Beweggründen und selbst der Subplot, daß eine gekidnappte Frau, gespielt von Meg Foster('s eyes), mittels derer sich Piper der Polizei zu entziehen trachtet, eigentlich auf ihn abgerichtet war und den Gehirnwaschsender der Exoterristen (um hier mal ganz launig "Raumpatrouille" zu zitieren) vor den Insurgenten schützen soll, steht leblos und hölzern als verquälter Versuch, hier noch ein bißchen Sinn zu erzeugen, im Raum. Zum Schluß sind dann dankenswerterweise alle tot, inklusive unserem Helden, aber die Schüssel der ETs ist ebenfalls zerstört - Credits. Aua!
Die durchaus ausbaufähigen kritischen Momente klassenkämpferischer Art der Story gehen komplett verloren (welche natürlich auch ein Punkt der Studiointervention im sich schleppend von den "Reagonomics" erholenden Amerika gewesen sein könnten), aber als Ersatz kommt noch nicht mal gute Action, sondern nur konfuses Herumgeballer und eine Szene, die quasi als Fanal des Films dient: als nämlich Piper, nachdem er aus dem Haus von Foster mittels Flaschenschlag auf den Hinterkopf befördert worden war, seinen Gleichgewichtssinn wiederzufinden und in einer Seitengasse den Müll nach den zuvor dort versteckten Sonnenbrillen sucht, findet ihn sein Kollege, um ihm seinen noch ausständigen Baustellenverdienst zu bringen und ihm zu sagen, daß er ihn nicht wieder sehen will. Piper besteht darauf, daß er auch so eine Brille aufzieht, um die große Verschwörung zu erkennen, doch das will David nicht, woraufhin sich die beiden anfangen zu kloppen. Und zwar - ich hab es jetzt nicht nachgemessen, aber rein gefühlsmäßig - gute 10 Minuten lang! Ich habe in meiner 25jährigen Geschichte als Filmfan nie eine sinnlosere Szene gesehen als diese und derartige Redundanzen macht ein Spannungsregisseur wie Carpenter einfach nicht. Das war dann auch der Punkt an dem ich zu vermuten begann, daß sich die Verschwörung hinter der Kamera fortgesetzt haben muß. Klarerweise war die Klopperei auf unseren wrestlenden Helden zugeschnitten, der darin zwar eine etwas bessere Figur macht als schauspielend, trotzdem aber noch nicht mal für WWF-Fans sonderlich attraktives Schaugewürge bringt. Ich bekomme nach fünf Minuten in dieser Szene immer einen Lachkrampf, insofern ist der Unterhaltungsaspekt nicht völlig verloren (dafür gibt's den 4. Punkt), aber in der folgenden Ernüchterung wird mir schwindlig.
You've come a long way, John!

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