Review

„Selbstironie und Zuckerguss"

Spätestens seit Dreamworks und vor allem Pixar alljährlich das geneigte Publikum mit immer perfekter animierten CGI-(Wunder-)Welten verwöhnen und erstaunen, ist es sehr ruhig um die traditionellen Animations-Märchenfilme aus dem Hause Disney geworden. Das derart gebeutelte Studio wich daher immer mehr und häufiger auf Realfilme aus, durchaus mit gemischtem Erfolg. Aber so ganz und zudem völlig kampflos wollte man wohl das jahrzehntelang beherrschte und dominierte Terrain dann doch nicht preisgeben. Warum nicht beide Welten - Trick- und Realfilm - miteinander verknüpfen? Schließlich hat dieses Konzept schon einmal prächtig funktioniert, als Robert Zemeckis Who framed Roger Rabbit 1988 die damals bärenstarke Summe von 350 Millionen $ in die Kinokassen spülte.

Der bereits „Genre-erprobte" Kevin Lima (102 Dalmatiner, Tarzan) war durchaus eine nahe liegende Regie-Option für das Projekt „Disney-Weihnachtsmärchen 2007". Mit Verwünscht sollte er die traditionellen 2D-Märchenwelten mit realen Spielszenen verknüpfen, das Ganze mit ein paar zarten parodistischen Brechungen garnieren und daraus dann ein zielgruppenkompatibles (Kinder und Familien) und weihnachtstaugliches „feel-good-movie" zu formen. So viel sei schon einmal verraten: Auftrag ausgeführt. Projekt gelungen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die Story ist genrebedingt zuckersüß und überaus simpel: Die im Wald mit allerlei Tieren lebende Prinzessin Giselle sehnt sich nach ihrem Traumprinzen. Durch Zufall gerät sie and Prinz Edward von Andalasien, der sie vor einem brutalen Ungeheuer rettet. Für beide ist es buchstäblich Liebe auf den ersten Blick, so dass einer Hochzeit am darauf folgenden Tag nichts mehr im Wege steht. Außer der bösen Stiefmutter des Bräutigams. Königin Narissa von Andalasien möchte die neue Konkurrentin lieber gestern als heute loswerden und stößt sie in einen magischen Brunnen. Dieser katapultiert Giselle in das heutige New York und in die Arme des gänzlich unromantischen Robert und dessen kleiner Tochter. Der allein erziehende Scheidungsanwalt steht kurz vor einer „Vernunftehe", eine Lebensentscheidung die durch Giselles Auftauchen gehörig ins Wanken gerät.
Während sie auf Rettung durch ihren Märchenprinz wartet, verzaubert die Prinzessin durch ihren naiven Charme neben Robert samt Tochter noch zahlreiche weitere New Yorker und sorgt ganz nebenbei für eine märchenhafte Stimmung in der kaltschnäuzigen Metropole. Als ihr neben Edward auch ein von Narissa gedungener „Attentäter" und schließlich die böse Auftraggeberin selbst in die reale Welt folgen, führt dies zu allerlei dramatischen wie komischen Verwicklungen.

Verwünscht
ist ein klassisches Weihnachtsmärchen, das allerdings durch allerlei (selbst-)ironische Brechungen einen (post-)modernistischen Anstrich erhält. Regisseur Lima gelingt dabei das Kunststück, gängige Genreklischees liebevoll auf die Schippe zu nehmen, ohne dass dabei Fans naiv-romantischer Komödien vor den Kopf gestoßen würden.
Vor allem die gänzlich in einer knallbunten 2D-Märchenwelt spielenden ersten 15 Minuten sind so überzeichnet kitschig und zuckersüß, dass die Selbstironie aus allen Poren trieft. Das ganze Szenario bietet einen hübschen und gewollt krassen Kontrast zur zynischen New Yorker Realwelt. Aber auch dort geizt Lima nicht mit parodistischen Referenzen an den klassischen Disneyfilm. So reißt die in Roberts Wohnung gestrandete Giselle kurzerhand alle Fenster auf und ruft durch ihren Gesang allerlei Getier zum gemeinsamen Hausputz. Entgegen ihren Zeichentrickvorbildern fallen die tierischen Helfer allerdings weit weniger putzig aus und setzen sich vornehmlich aus großstadttypischem „Ungeziefer" wie Tauben, Ratten und Kakerlaken zusammen. Als Prinz Edward die Großstadt durch einen Gullydeckel am Times Square betritt, hält er einen vorbeifahrenden Linienbus für ein drachenähnliches Ungeheuer und bekämpft ihn mit seinem Schwert. Den Fernseher im Hotelzimmer sieht er als magischen Spiegel, der ihm Hilfestellung bei der Lebensplanung und wichtigen Entscheidungen gibt.

Natürlich kommen auch hoffnungslose Romantiker auf ihre Kosten. Der klassische Spannungsbogen und Aufbau wird genauestens eingehalten und kompromisslos bis zum alle Handlungsstränge umfassenden Happy End durchgezogen. Verwünscht ist keine Satire und auch keine Genreparodie, sondern eine lupenreine Märchenromanze mit selbstironischen Untertönen.
Dass diese Kombination so gut funktioniert, ist in erster Linie dem perfekt gecasteten Darstellerensemble geschuldet. Vor allem Hauptdarstellerin Amy Adams gelingt es bravourös, Körpersprache, Ausdruck und Verhalten ihrer Zeichentrickfigur in die reale Welt zu übertragen. Zusammen mit dem ebenfalls glänzend aufspielenden James Mardsen - seine Darbietung als sympathisch-dümmlicher Prinz Edward ist streckenweise köstlich - gelingt ihr ein wunderbarer Kontrast zu den „echten" Menschen. Beide wirken absolut glaubhaft „cartoonhaft". Erfreulicherweise agiert der übliche Cast betont zurückhaltend und unaufgeregt und lässt dadurch die Unterschiedlichkeit beider Welten umso deutlicher hervortreten.
Ein absolutes Highlight des Films ist Giselles bester Freund Pip, ein sprechendes Erdhörnchen, das diese Fähigkeit allerdings in der realen Welt einbüsst. Hier hat die CGI-Abteilung ganze Arbeit geleistet. Vor allem Pips zahlreiche Versuche den begriffsstutzigen Edward durch Körpersprache und Mimik vor den Machenschaften seiner Stiefmutter zu warnen, sind köstlich.
Die perfekt gemachten Musical-ähnlichen Gesangs- und Tanzeinlagen vervollständigen den positiven Gesamteindruck. Hier finden sich auch zahlreiche Referenzen an hauseigene Klassiker wie Die Schöne und das Biest oder Schneewittchen.

Insgesamt ist Regisseur Kevin Lima eine erfrischende und charmante Neubelebung der klassischen Weihnachtskomödie aus dem Hause Disney gelungen. Gespickt mit allerlei selbstironischen sowie selbstreferenziellen Zitaten an lieb gewonnene Genreperlen, bietet Verwünscht perfekte und leicht konsumierbare Familienunterhaltung.
Natürlich ist das ganze Geschehen ziemlich seicht und kommt zudem mit allerlei Kitsch und Schmalz daher. Die Story ist zu jedem Zeitpunkt vorhersehbar und somit wenig spannend. Der Film lebt in erster Linie von seiner Situationskomik, die hauptsächlich durch das Aufeinanderprallen von realer und animierter Welt entsteht. Die Darsteller - allen voran die wunderbare Amy Adams - leisten einen erheblichen Beitrag zum feel-good-Charakter des Films. Schade ist lediglich, dass Susan Sarandon als böser Königin Narissa so wenig Screentime zugestanden wurde.
Natürlich kann man dem Film vorwerfen, dass die Selbstironie nicht weit genug geht und manches einen Tick zu dick aufgetragen daherkommt. Zyniker, Disney-Hasser oder Freunde anspruchsvoller Beziehungskomödien seien jedenfalls eindrücklich vor dem Film gewarnt. Wer keinen Sinn für Kitsch und naive Liebesgeschichten hat, wird mit Verwünscht nichts anfangen können. Genreliebhaber und Familien mit kleinen Kindern können hier allerdings getrost zugreifen. 107 Minuten vergnügliche und leicht verdauliche Kinounterhaltung sind garantiert.

(6,5/10 Punkten)

Details