Bereits die ungewöhnliche Titelgebung verrät dem Zuschauer das Altmeister Sidney Lumet mit „Before the Devil Knows You’re Dead“ keinen Standard-Thriller abliefern möchte. Basierend auf einem irischen Trinkspruch ergibt sie nur einen Sinn mit der vorigen Textzeile dieses Sprichwortes, welche auch vor dem eigentlichen Titel eingeblendet wird und diesen damit komplettiert:
„May you be in Heaven half an hour before the Devil knows you’re Dead“
Die dramatische Prämisse des Films zeigt, warum der unkonventionelle Titel perfekt ausgesucht ist: Zwei Brüder verzweifeln an ihrer Geldnot und überfallen mit einem angeheuerten Kumpanen das Juweliergeschäft der eigenen Eltern. Bei dem Überfall kommt die Mutter der beiden zu Tode, was eine schicksalhafte Verkettung von weiteren falschen Entscheidungen nach sich zieht. Zunächst streng den Mechanismen eines hitchcockschen Thrillers verpflichtet, entwickelt sich der aufregend und spannend inszenierte Plot aber in eine Familientragödie, durchtränkt von selten gesehenem Fatalismus. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass es sich beim Drehbuch von Kelly Masterson um dessen erstes Filmskript handelt. Trotz der Erfahrung, die Masterson beim Theater sammeln konnte, überrascht die Versiertheit, mit der „Before the Devil…“ geschrieben wurde. Die Nähe zur Bühne ist der verschachtelten, aber keineswegs überkonstruierten Handlung kaum anzumerken. Elegant wechseln sowohl die Zeitebenen als auch die verschiedenen Handlungsorte, die minutiöse Betrachtung einzelner Schlüsselszenen zeigt sich in der teilweise wiederholten Betrachtung der gleichen Szene aus anderem Blickwinkel. Die Motive für den Überfall werden ebenso erst in diesen Rückblenden erhellt wie auch die Verwicklungen innerhalb der Personenkonstellation, die im Verlauf der Geschichte immer mehr zentriert werden.
So hintergeht Hank (Ethan Hawke) seinen Bruder Andy (Philip Seymour Hoffman), er hat eine Affäre mit dessen attraktiver Frau Gina. Die Unterhaltszahlungen an seine Ex-Frau und die Bedürfnisse der gemeinsamen Tochter kann Hank sich nicht leisten, er verzweifelt an seiner Situation und will mit Gina ein neues Leben beginnen. Gina dagegen will nur Sex obwohl ihre Ehe mit Andy ebenfalls sehr brüchig ist. Dazu kommt Andys steigender Drogenkonsum und der immer exklusivere Lebensstil, den sich der eigentlich höchst erfolgreiche Andy ohne seine Sucht leisten könnte. Nur in der Luxuswohnung seines Drogendealers kann er sich entspannen und sich von den Aggressionen loslösen, die stets in ihm toben. Beide Hauptdarsteller verkörpern ihre Rollen charismatisch und höchst glaubwürdig, wenn auch Hoffman den etwas besseren Eindruck hinterlässt. Seine impulsive Vorstellung kann in jeder Szene begeistern und bleibt nicht nur aufgrund ihrer kernigen Aggressivität in Erinnerung. Marisa Tomei dagegen beweist eine sehr natürliche erotische Ausstrahlung, auf die ihre Rolle aber nicht reduziert wird. Altstar Albert Finney verliert als Charles Hanson in kürzester Zeit jeglichen Halt im Leben. Seine starke Darbietung rundet die komplexe Charakterstudie ab, nur derart facettenreiche Schauspieler wie hier können einem so tragischen Stoff gerecht werden.
Nachdem die eigentliche Thrillerhandlung relativ schnell zum Höhe- bzw. Endpunkt gelangt entwickelt sich der Film zum schwermütigen Schuld-und-Sühne Drama, das durch cleveren Verzicht auf überflüssige Melodramatik seine emotionale Wucht nur langsam entfaltet. Doch Lumet weiß wie man eine gute Geschichte unterhaltsam verpackt, auch in den ruhigen Momenten leidet der intensiv aufgebaute Spannungsbogen nicht. Wichtigen Anteil an der atmosphärischen Dichte verbucht überdies der brillant komponierte, eindringliche Score von Carter Burwell, dem Haus- und Hofkomponisten der Coen-Brothers, auf dessen musikalische Untermalung deren neuester Streich „No Country For Old Men“ beinahe gänzlich verzichtete. Doch neben dem Komponisten verbindet auch der pechschwarze Nihilismus, mit dem die dunkle Geschichte erzählt wird, das neue Werk der Coens mit Lumets Film. Der Film-Dienst schreibt treffend, dass beide Filme die Welt als bösen Ort betrachten – auch in „Before the Devil Knows You’re Dead“ sind die Fehler der Protagonisten unumkehrbar und kein Happy-End könnte die Figuren mit der Welt versöhnen.
Letztendlich steuern alle Beteiligten immer weiter auf einen apokalyptischen Untergang zu, der die schwelenden Familienkonflikte auf denkbar schmerzhafteste Weise ans Tageslicht zerrt. Kein Zufall, dass der Überfall auf das Geschäft der eigenen Eltern geplant ist und die Dysfunktionalität der Familie symbolisch entlarvt. Nach dem Überfall, dem narrativen Herzstück des Films, offenbaren sich nacheinander die unterschiedlichen Konflikte - zunächst zwischen den Brüdern dann zwischen Andy und seinem rachsüchtigen Vater (für den erneut die Welt zusammenbricht als er erfährt, wer für den Tod seiner Frau verantwortlich ist). Eine Erlösung kann es aus dieser vertrackten Situation nicht mehr geben und diese Einsicht allein stimmt schon sehr traurig, mit der letzten Szene verlässt „Before The Devil…“ aber jegliche Pfade des humanistischen Dramas. Die grauenhafte Konsequenz, mit der Lumet seinen Film ausklingen lässt verurteilt nicht nur seine Figuren, er verurteilt das Schicksal und die ganze Welt gleich mit. In vielen Genrefilmen gilt die Familie des Protagonisten als letzte Bastion der Hoffnung, ihr Erhalt bzw. Schutz bleibt oft der einzige Grund nicht aufzugeben. Nicht zuletzt deshalb wird die besagte Schlussszene wohl vom Großteil des Publikums als unrealistisch empfunden. Zuflucht findet der Zuschauer ebenso wenig wie klar nachvollziehbare, rationale Entscheidungen - nicht im wohl bösesten Hollywoodfilm seit „Fight Club“. - 8,5 / 10