Review

Was lange währt…


„Smithers, Ich glaube nicht an Selbstmord, aber wenn Sie es versuchen, amüsiert es mich vielleicht."

ACHTUNG: Wenn Sie sich den Film noch ansehen möchten, lesen Sie besser NICHT weiter!


...ist nun endlich seit gestern, zumindest als Vorpremiere in den deutschen Lichtspielhäusern präsent. Es hat ja „nur" etwa 18 Jahre gedauert, oder 18 Staffeln auf DVD (plus einigen Spezialauskopplungen) mit 400 Episoden. Die Vorabinformationen sickerten im Stile einer Tröpfcheninfusion durch. Die Fachzeitschrift „Cinema" konnte auch nur allgemein bekannte Informationen über den Streifen in ihrer letzten (momentan noch erhältlichen) Ausgabe abdrucken, da es bis Redaktionsschluss noch keine Pressevorführung gegeben hatte. Im Kino und im Fernsehen liefen bereits seit Monaten zahlreiche Trailer (zum Leidwesen der Fans oftmals dieselben), die die Spannung weckten und bis zum großen Startschuss gestern bis ins Unermessliche steigerten. Diese großartige PR-Maschinerie wurde auch mit einem zehn Episoden langem „Simpsons" - Marathon durch den deutschen Haussender „Pro7" am vergangenem Sonntag unterstützt und selbst das „heute-Journal" mit Claus Kleber widmete dem Film einen doch recht umfänglichen Beitrag am Ende der Nachrichtensendung. Die Erwartungshaltung im Vorfeld war also dementsprechend groß, genauso die Vorfreude auf die neuen, knapp 90 Minuten dauernden Ereignisse (inklusive Abspann!), um den anarchistischen, aber ebenso genialen Einfaltspinsel Homer und seiner berühmten Familie um Marge, Bart, Lisa und Maggie.


Man sieht den Hauptfiguren ihr mittlerweile fortgeschrittenes Alter ja nicht an. Die „Simpsons" sind wie ein guter Wein. Beide wurden bzw. werden im Laufe der Jahre immer ausgereifter und besser und erreichen jetzt ihren Höhepunkt. Waren die Figuren zeichnerisch nicht nur zu Beginn als Einlage in der „Tracey Sullivan Show" (Erstausstrahlung 19. April 1987), sondern auch noch in der ersten DVD - Staffel eher grob, pixelig, von der Farbgebung eher blass und einfallslos - alles in allem doch ein wenig unansehnlich, wenngleich die Storys durchaus Charme hatten - ist die Farbintensität der Figuren und die Kulissen (natürlich bereits durch die TV - Episoden bekannt) wirklich beeindruckend. Die Farbtreue, die Konturen der Figuren, die Detailtreue der Zeichnungen generell ist im Kinofilm meines Erachtens von der Qualität noch einen Tick besser, als in den letzten, auch schon sehr guten Folgen. Man muss allerdings immer noch sagen, dass es einem immer noch sehr schwer fällt, sich an die Stimme von Anke Engelke als Marge zu gewöhnen. Wehmütig blickt bzw. hört man an die Stimme von Elisabeth Volkmann zurück, die während der 17. Staffel leider verstorben ist. Anke Engelke hatte es leider nicht einfach und man wünscht sich auch im Film an manchen Stellen die Stimme von Frau Volkmann zurück (Nicht umsonst gab es im Vorfeld kaum einen Trailer oder Filmausschnitt, in dem man die „neue" Stimme von Marge hören konnte). Zum einen gab es das Problem, dass sich die Zuschauer jahrelang an die Stimme von Frau Volkann gewöhnen und sie schätzen lernen konnten, zum anderen wäre es für jede andere neue Synchronstimme von Marge schwer gefallen, gegen die vermutlich bestmöglich Stimme von Marge anzutreten. Dies ist allerdings schon die einzige, kleine Kritik, die man an dem Film finden könnte. Sicherlich wäre der Film in der englischen Originalversion noch authentischer und lustiger gewesen, allerdings auch erheblich schwieriger zu verstehen.


Den Machern des Streifens, allen voran dem Genius und Schöpfer Matt Groening, sowie dem Regisseur David Silverman ist allerdings ein absolutes filmisches Meisterwerk gelungen, welches von Gags und tiefgründigen, sozialkritischen Anspielungen nur so strotzt. Der Prolog gehört dem „running" - Gag jeder Simpsons - Episode: Der „Tom & Jerry" - Parodie: Itchy & Scratchy. Da die beiden Figuren im restlichen Film (leider) keine Rolle mehr spielen, werden sie im Epilog (noch vor der berühmten, wenngleich auch veränderten Titelmusik) dennoch ausreichend gewürdigt. Am Ende sieht man Homer im Kino sitzen, sich zu den Zusehern im echten, reellen Kinosaal wenden mit dem Kommentar: „Warum soll ich mir irgendwas im Kino ansehen, was ich auch zu Hause umsonst haben kann." Danach beginnt der eigentliche Film. Darin tauchen natürlich nahezu alle (Ausnahmen bestätigen die Regel) bekannte und prominente Einwohner von Springfield auf. Manche lieb gewonnene Charaktere haben jedoch nur sehr kleine Rollen erhalten wie etwa Mr. Burns, Smithers oder Apu, der Inder oder das ganze Schulpersonal um Direktor Skinner. Marges Schwestern Patty und Selma erscheinen in keiner einzigen Szene. Dieser Verlust fällt aber nicht weiter ins Gewicht, da sich im Gegenzug einige, viel markantere und bekanntere Personen in der Handlung wieder finden. Der eigentliche Film beginnt mit einem Konzert der (Punk-)Rock - Band „Green Day" auf einer Seebühne. Es kommt jedoch zum Eklat, sogar zu einer Eskalation der Situation als die Band, unterstützt durch Lisa, das Thema Umweltschutz zur Sprache bringt. Die Einwohner von Springfield sind darauf jedoch gar nicht gut zu sprechen und bewerfen die Band mit Flaschen und Steinen. Diese sozialkritische Anspielung passt natürlich perfekt in die gerade aktuell geführte Diskussion zum Thema Umweltschutz. Die Bühne der Band schwimmt auf dem zu arg verunreinigten Lake Springfield. Die Bühne bricht ein bzw. zusammen und nun folgt die erste geniale Anspielung: „Green Day" ziehen sich Gehröcke über, tauschen die Bandinstrumente durch Geigen aus und spielen zum Untergand der Bühne a là „Titanic" traurige Geigenmusik. Schon diese Anspielung bzw. Parodie ist genial und der Film ist gespickt davon. Ohne zuviel zu verraten gibt es noch Anspielungen bzw. Parodien auf „Harry Potter", „Bambi", „Spiderman" (bzw. Spider-Schwein nach Homers Worten), „Outbreak - lautlose Killer", „Indepence Day", die „Truman Show", „Star Wars" (Barkeeper Moe sieht sich als Imperator), sowie zahlreiche Action-Filme. Vielleicht finden Sie ja noch mehr beim Betrachten des Films.


Anders als in den 22 - minütigen Episoden ist die Story viel weitläufiger. Dies ist aber natürlich und nachvollziehbar, da ja ein Spannungsbogen in der Länge eines Spielfilms erzeugt und aufrechterhalten werden musste, was wunderbar gelungen ist. Der Fokus der Handlung liegt aber nicht wie in zahlreichen Folgen auf irgendwelchen zum Teil unwichtigen Nebenkriegsschauplätzen, es erhalten auch andere Figuren keiner besonders hervorstechenden tragenden Rollen. Die ganze Aufmerksamkeit des Films konzentriert sich auf die Simpsons und einige Familienmitglieder zeigen ganz neue, unbekannte Wesenszüge. Natürlich ist Lisa immer noch das umweltbewusste, vernünftige „Hirn" der Familie, sie verliebt sich jedoch in den kessen, intelligenten Jungen Collin aus Irland, der dieselben Interessen wie sie verfolgt. Marge ist noch immer die fürsorgliche Mutter, die jedoch auch von Zweifel heimgesucht wird und Maggie sagt vorerst noch immer kein einziges Wort, zeigt aber durchaus andere, sehr nützliche Qualitäten. Bart freundet sich im Laufe des Films immer mehr mit Flanders an, indem er den Idealvater findet, der ihm Zuflucht und Geborgenheit gibt. Und dann ist da natürlich Homer. Dessen bester Freund ist, zumindest im ersten Drittel des Films ein Schwein, welches er hegt und pflegt. Sein Werdegang symbolisiert bzw. spielt auf den amerikanischen Traum an: er wandelt sich jedoch nicht vom Tellerwäscher zum Millionär, sondern vom absoluten Versager, dem überhaupt nichts gelingt zum Superheld, der nicht nur seine Ehe, sondern ganz Springfield rettet.

Trotz weiterer - nicht nur in den USA gerade aktuellen - sozialkritischen, zum Teil äußerst heiklen Anspielungen wie etwa Schönheitswahn, Prüderie (gut, dies ist eine hauptsächlich in den USA vorherrschende Problematik) oder der Energiediskussion (Ölknappheit, erneuerbare bzw. regenerative Energiequellen, Atomenergie) basiert die Handlung des Films durchweg auf der Umweltschutzthematik. Dabei wirkt die Story niemals zu alternativ oder ökolastig. Dafür ist die Story auch zu bizarr und die einzelnen Charaktere mit ihren Eigenarten zu skurril. Sollte Lake Springfield nur noch einmal verschmutzt werden, kommt es zum Super-Gau. Deshalb reinigen die Einwohner der Stadt den See und Bürgermeister Quimby (im Film sehr seriös und ernst) lässt einen Schutzwall darum bauen. Leider hält sich einer nicht an die Spielregeln. Homer, ganz in Gedanken bei seinem neuen Freund, dem „Potter-Schwein" bzw. „Spidy-Schwein", kippt dessen Blechsilo voller Mist trotz Verbot in den See. Es geschieht, was geschehen musste: er explodiert. Nun gewinnt die ohnehin rasante Handlung richtig an Fahrt. Die nationale Umweltschutzorganisation „EPA" nimmt den Vorfall ernst. Auf Befehl des Präsidenten der Vereinigten Staaten wird Springfield von einer gläsernen Käseglocke (der Schatten der Glocke ist eine Anspielung auf „Independence Day") bedeckt. Dies erinnert an den Film die „Truman - Show", die Intensität mit der „EPA" Springfield von der Außenwelt abschottet an „Outbreak - lautlose Killer". Folgendes Zitat stammt von diesem Präsidenten: „Die Menschen haben mich gewählt um zu lenken und nicht um zu denken!". Ja, es könnte auch vom aktuellen US-Präsidenten George W. Bush stammen, er spricht aber keinen österreichischen Dialekt. Es handelt sich um Arnold Schwarzenegger, der als absolut inkompetenter, trotteliger Präsident die Geschicke der USA lenken soll - eine wahnsinnig gute Parodie. Schwarzenegger hätte man nicht besser portraitieren können.


Homer wird mit seiner Familie aus der Stadt gejagt. Sie flüchten durch ein Schlupfloch, entdeckt von Maggie nach außerhalb der Glaskuppel. Sie flüchten nach Alaska und kehren erst als die „EPA" Springfield auslöschen will, da Lake Springfield der am meisten verschmutzte See der USA ist, wieder zurück, um die Stadt vor der Bombenexplosion und damit vor der endgültigen Vernichtung zu retten. Es kommt zu Ehekrise zwischen Marge und Homer. Ein zentraler Satz dabei ist: „In jeder Ehe bekommt man nur einmal die Chance zu sagen, ich brauche die jetzt, lass mich nicht im Stich." Und so kommt, was kommen musste: Homer rettet nicht nur seine Ehe, sondern gleich die ganze Stadt. Lisa bekommt ihren heiß geliebten Collin und Bart wendet sich von Flanders ab und bildet mit Homer wieder ein eingespieltes Dreamteam.


FAZIT: Was lange währt...

wird letztendlich absolut genial. Die „Simpsons" brennen von der ersten bis zur wirklich im wahrsten Sinne des Wortes absolut letzten Sekunde (LASSEN SIE SICH DEN ABSPANN NICHT ENTGEHEN) ein wahres Gagfeuerwerk ab. Dabei sind sie so herrlich respektlos und politisch unkorrekt, wie man es gewöhnt ist. Man kommt aus dem Lachen gar nicht mehr heraus. Die Witze und Anspielungen sind dabei nie platt, sondern immer tiefgründig und sozialkritisch. Den Machern ist ein superbes Sozialportrait der US - amerikanischen Gesellschaft gelungen. Nicht vergessen darf man auch noch den Auftritt von Tom Hanks als „Umweltpabst", sowie das plötzliche, aber beabsichtigte selbstironische Werbelaufband einer Pro7 - Werbung. Der Film ist sehr kurzweilig ohne irgendwelche Längen. Sollten Sie jedoch noch niemals Kontakt mit den „Simpsons" gehabt haben, kann es durchaus schwierig werden, sich in die einzelnen Charaktere hineinzuversetzen. Es ist schon empfehlenswert, sich vorher mit den Marotten und Eigenheiten der „Simpsons" mit ein zwei TV-Episoden auseinander zu setzen. Für alle anderen ist der Streifen uneingeschränkt empfehlens- und sehenswert. Sie werden mit dem Lachen nicht mehr aufhören können. Meine Erwartungen wurden mehr als erfüllt. Die Antwort auf Homers Frage, warum man etwas im Kino ansieht, was man zu Hause im TV umsonst haben könnte ist, weil es im Kino im Falle der Simpsons noch viel besser und lustiger ist als zu Hause im Fernsehen.

(10 / 10 Punkten)

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