Inhalt:
Ein Wissenschaftler („der Professor“), dem es offensichtlich gelungen ist ein Mittel gegen Leukämie zu erfinden, ist von einem Verbrechersyndikat entführt worden. Eine „Spezialtruppe“ aus zwei Männern (Cüneyt Arkin, Yildirim Gencer) und einer Frau (Emel Tümer) soll ihn im Auftrag eines dubiosen Geschäftsmanns befreien...
Meinung:
Die korrekte Schreibweise dieses irrsinnigen Türkploitationfilms müßte lauten ÖLÜME SON ADIM (vgl. imdb-Eintrag), was übersetzt „Letzter Schritt zum Tod“ heißt bzw. „Last Step to Death“, wie auch der internationale Titel ist. Weitaus geläufiger scheint aber auch sein Alternativtitel „Turkish Mad Max“ zu sein, obwohl in diesem Streifen bis auf die Lederjacke und großkalibrige Wumme von Hauptdarsteller Cüneyt Arkin keine weiteren Anleihen aus dem australischem Action-Klassiker enthalten sind.
Somit ist dieser „türkische Mad Max“ auch kein klassisches Rip-off, wie so viele anatolische Filmchen aus dieser Zeit (wie bspw. „Turkish Star Wars“, „Turkish Rambo“, „Turkish Exorcist“ etc. pp.), sondern eher eine Art Hybrid aus diversen Einflüssen US-amerikanischer Actionfilm-Vorbilder, v.a. des Söldnerfilms. Herausgekommen ist dabei der typische Wahnsinn türkischer Exploitation, die in ihrer Mischung aus Dreistigkeit und Naivität, Dilettantismus und minimalbudgetierter Kreativität ein explosives Potpourri ergibt, bei dem selbst vergleichbare italienische Produktionen jener Zeit in den Schatten gestellt werden.
Allein schon die Zusammenstellung des „Spezialteams“ (oder wahlweise „Söldnerkommandos“) in Form der beiden Hauptdarsteller (Arkin und Gencer) sowie v.a. der Hauptdarstellerin (Tümer) läßt einen schon mal fassungslos werden. Zwei gereifte, graumelierte Herren, die ihre besten Jahre mit Sicherheit schon weit hinter sich haben und eine dralle Sexbombe, deren vermeintliche „fighting skills“ ganz klar in den Bereich der Fantasie gehören (und sich bei genauer Hinsicht auch bestätigen (!) - mal ganz abgesehen von ihren Fahrkünsten (!!)).
Genau wie einer leichtbekleideten Nebendarstellerin kommt ihr primär die Rolle des Sexobjekts zu, was an ihrer für einen Spezialeinsatz „ ganz typischen“ Bekleidung in Form superknapper Hotpants ersichtlich ist, sowie der sie quasi Schritt auf Schritt (!) begleitenden Kamera, die wirklich jede Möglichkeit nutzt sog. „upskirt“-Perspektiven einzunehmen. Es ist aus heutiger Sicht schier unglaublich, mit welch unverhohlenem Sexismus hier die voyeuristischen Gelüste des männlichen Zielpublikums bedient wurden. Wobei die vielleicht großartigste Szene des Films eine eher starke Persönlichkeit zeichnet, wenn unsere Protagonistin in einem Trink-Wettkampf gegen einen glatzköpfigen und mit einem enormen Schnauzbart ausgestatteten Bullen von Kerl ganz klar die Oberhand behält! Zudem wird in einem kurzen Dialog mit ihren beiden Mitstreitern angedeutet, daß sie mit beiden auch eine sexuelle Liaison hat(te), was auf eine gewisse Selbstbestimmung in diesen Dingen hinweisen könnte.
Die beiden Herren pflegen ein typisches „Buddy“-Verhältnis. Sie rauchen in geradezu brüderlicher Weise mehrfach eine Zigarette zusammen, sind aber auch gerne bereit sich gegenseitig über's Ohr zu hauen. Insbesondere Arkin nutzt eine gefälschte Münze beim bekannten „Kopf oder Zahl“-Spiel regelmäßig dazu, seinem Kumpel die unliebsamen Aufgaben „zuzutragen“. Ein „running gag“, der fast exzessiv wiederholt wird. Die Performance von Cüneyt Arkin kann man („wie immer“) als durchaus spektakulär bezeichnen (auch wenn in einigen Szenen ein leichtes Zeitraffer erkennbar ist), denn der Mann machte seine Stunts grundsätzlich selbst und verfügte auch über ein profundes Karatekönnen, so daß seine Kampfkunst auch im Film sehr zu überzeugen weiß.
Die Handlung des Films ist rudimentär (häufig stolpern die Akteure ähnlich sinnlos durch die Pampa wie man es auch aus den Filmen von Großmeister Bruno Mattei kennt), aber darum geht es ja nicht, schließlich befinden wir uns in einem türkischen Actionfilm und hier zählt wirklich nur Action und diese möglichst nonstop. Es wird mehr und effektvoller geballert als es die Magazine und Kaliber der Waffen eigentlich hergeben und die immer gleichen (!) Gegner (deren Gesichter zumeist durch Tücher kaschiert sind, damit dieser Umstand nicht allzu offensichtlich ist) werden dahingemäht, als müsse man sich Heerscharen aggressiver Mosquitos erwehren.
Und als wenn das nicht reichen würde platziert man auch mal etwas „stock footage“ aus irgendeinem Kriegsfilm, weil es kann ja gar nicht dramatisch genug zugehen. Auch eine bekannte Location, die auch in den beiden Çetin Inanç Filmen DÜNYAYI KURTARAN ADAM (a.k.a.TURKISH STAR WARS, 1982) und VAHSI KAN (a.k.a. TURKISH FIRST BLOOD, 1983) bereits Verwendung fand (vermutlich handelt es sich um die Höhlen im Sandsteinfelsengebirge von Kappadokien) dient wiederum als Spielplatz für spektakuläre Action und halsbrecherische (oder wahlweise lebensgefährliche) Stunts. Im Gesamtbild ergeben sich damit sehr repetitive Szenen, die weniger affine Zuschauer als ermüdend empfinden werden, den Genrefan aber bis zum gnadenlosen Ende in Verzückung halten.
Hintergrund:
Wie eingangs schon erwähnt zeichnete sich der türkische Trivialfilm (auch als „Yesilçam-Kino“ bekannt) in den 1960er/70er/80er-Jahren u.a. dadurch aus, westliche Produktionen für den heimischen Markt zu kopieren, indem man mit den eigenen bescheidenen finanziellen Mitteln Rip-offs quasi im Fließbandakkord produzierte. Einen auszeichneten Überblick dazu verschafft die hervorragende und mehrfach prämierte Dokumentation REMAKE, REMIX, RIP-OFF - KOPIERKULTUR UND DAS TÜRKISCHE POP-KINO (2014) von Cem Kaya, die man sicherlich auch international als Referenzarbeit zu diesem Thema betrachten kann.
Ein Großteil der Filme dieser Zeit haben leider nicht überlebt. Einige Filme haben aber in den 80ern als Videokassette den Heimkinomarkt der türkischen Gastarbeiter bereichert. So auch ÖLÜME SON ADIM, der seinerzeit vom in Neuss ansässigen Videovertrieb „Kalkavan Video“ unters Volk gebracht wurde. Im Netz haben sich bis heute Kopien davon (auch mit engl. UT) erhalten.