Review
von Carbusters
„Das Leben vor meinen Augen“ (DLVMA)
Sechs Punkte, die mir den Film schwer erträglich machten:
1.) Spannend wird es nur künstlich, durch den holzhammergeführten Kniff des Drehbuchs: Wir zeigen das Ende der Kloszene erst am Ende des Films. Wollen die Zuschauer wissen, wie die Szene endet: Dann müssen sie den ganzen Films durchsitzen.
2.) Bis dahin langweilt DLVMA mit Wiederholungen und einer Geschichte, die nicht vorankommt. D.h. eigentlich gibt es keine Geschichte. Bis endlich am Schluß der langersehnte Gag, die Pointe kommt.
3.) Evan Rachel Wood und Uma Thurman spielen gewohnt hervorragend. Sobald eine Szene die Chance bietet (Wood – Mädchenklo), entfalten sie ihre Kraft, aber viel Stoff zur Abwechslung liefern ihre Rollen nicht. Vor allem Thurmans spätes Mädchen langweilt mit den ständig gleichen Beklemmungen, Abschweifungen, Unkonzentriertheiten, Erinnerungen an – eine beliebige Jugend eines „verdorbenen Mädchens“. Ständig sieht Thurman schlecht aus, unausgeschlafen, neben der Kappe, unkonzentriert. Und so soll sie 15 Jahre überlebt haben?!? Zunehmend mühsamer wird es, als immer mehr Traumsequenzen mich darin bestärkten, daß ich das Gesehene nicht ernstzunehmen brauche („Ist wahrscheinlich eh nicht real, also warum sollte ich aufpassen? Ich will ja eh nur das Ende im Klo erfahren.“).
4.) Moralisch fragwürdig. Die Diskussionen auf imdb.com bestärken meinen Verdacht: die Behandlung der Ewigkeits-, Gewissens- und Abtreibungsthematik durch den Film legt nahe, daß hier tiefreligiöse Menschen am Werk waren, nur wenig entfernt von „religiösen Fanatikern“.
Der Film scheint moralische Wertungen zu verkaufen, in Richtung: „Junge Mädels, passt auf! Abtreibung ist böse, impft Dir Schuldgefühle ein. Finger weg von älteren Männern! Ein selbstbestimmtes Leben mit eigenem Willen, mit Sex, Lebensfreude, Fernweh und Drogen ist weniger wert, als ein frommes Leben mit Lernen, häufigen Kirchenbesuchen und Jenseitsglauben. Du kannst Dich von den Vorurteilen Deiner Mutter eh nicht lösen, die Dir schließlich suggerieren: 'Deine größte Tat ist es, Dein Leben für eine moralisch einwandfreiere Freundin (die hat schließlich weniger Sex, treibt nicht ab, lernt und steht nicht auf Drogen) hinzugeben.'“
Diese hehre Tat adelt natürlich die Hauptfigur, macht sie auch interessant, aber viele Kommentatoren mißtrauten dem fundamentalistisch wirkenden Kontext.
5.) Das Thema Schulschießereien wird eher mißbraucht, auch zur – irreführenden - Werbung. Weder wird der Täter betrachtet, noch die Überlebenden. Natürlich kreist DLVMA irgendwie umd das Thema: „Diana als Überlebende der Schulschießerei“ und wir erkennen durchaus, daß Regisseur und Thurman diese Klaviatur geschickt bedienen können.
Hinterher weiß ich aber, daß das nur Schwindel des Drehbuchs und mein Irrtum war. Eigentlich ging es mal wieder nur um die Wiederaufbereitung der immer gleichen alten Ehe-/ Familiengeschichte: „Psychisch labile Frau erlebt den Ehealltag in einer Folge von Alpträumen“. Das ganze auch noch als reine Fantasie der Hauptfigur.
Ebenso wie sich religiöser Fanatismus unterstellen lässt, so scheint DLVMA sich spekulativ am Thema „Schulschießerei“ bedient zu haben, denn sicher teilen viele Leute mein morbides Interesse daran.
Jedenfalls wird wieder einmal eine sensationelle, aber hohle Verpackung kreiert, bei der besonders das penibel und aufwendig gestaltete Theater „Vor der Schule, während drinnen ein Amoklauf tobt“ nervt (im Making Of brüstet sich der Regisseur mit Aufwand, Detailtreue, Realismus und dem „echten“ Swat-Team): Außer dem sagenhaften und völlig nutzlosen Swat-Team nerven Unmengen kreischende Statisten, eine plärrende Mutter, Kunstblut, dramatische Fenstersprünge, riesige Wummen, Polizeiwagenarmada – alle ohne jegliche Verbindung zur Handlung. Da mußte mal wieder ein viel zu hohes Budget verbraten werden. Und da sind wir auch schon beim „Mal wieder!“
6.) Der ganze Schmus wird (MAL WIEDER !!!) in ein hochgestyltes, artifiziell überkandideltes, „KUNST“Werk verpackt, das den Eindruck technischer Vollkommenheit erwecken soll, dessen dominierende Bestandteile (MAL WIEDER !!) sind: Ausstellung eines hohen Budgets, ständig ruckel-(und sinn-)frei umhergleitende Kamera, schmalziger Soundtrack à la James Horner (es ist sogar das Original, es IST James Horner), vieles unnötiges Hin- und Her-Schneiden, betont „ästhetische“ und „kunstvolle“ Beleuchtung.
Und das unterstreicht MAL WIEDER meine Lieblingsthese: Guter Geschmack ist der Tod der Kunst.
Weitere meiner Lieblingsthesen stammen nicht von mir: „Die Ästhetik ist ein Tick der Zivilisation“ (CoBrA). Und bekanntlich gilt: „Zivilisation ist nicht nachhaltig und wird es niemals sein. Sie wird die Mehrheit der Menschen in die Verelendung treiben und die Erde ausplündern, bis sie zusammenbricht“ (Derrick Jensen). Ausplündern auch mit Hilfe der so genannten (d.h. der ästhetischen) „Kunst“: „Kunst will die Verbrechen der Besitzenden vergessen machen. […] Die Maler haben die Welt trotz all dieser Schande im beruhigenden Lichte gemalt. […] In den Bildwerken predigt man Flucht der Gefühle und Gedanken“ (John Heartfield).
Und die 'Flucht der Gedanken' ist sogar ausdrücklich das Thema von DLVMA. Also wahr gesprochen, Herr Heartfield! Denn auch CoBrA sagt: „Die [echte] Kunst hat nichts mit der Schönheit gemein.“
PS: Wer will, kann zu DLVMA leicht eine gegenteilige Review verfassen. Ich empfehle dazu folgende Versatzstücke: „Exquisite Bilder / Superbe Schauspieler / Sensibel geführt durch Regissuer Perelman / Eine bewegende Geschichte / nimmt sich eines bestürzenden, hochaktuellen Themas an / bis zuletzt spannend“ - Beim Verfassen könnt Ihr nun Euren Spaß haben, ohne Euch durch den Film quälen zu müssen.